Jetzt helfen!

Noch zu viele Antibiotika in der Tierhaltung

Masthühner
© Orest-lyzhechka – Shutterstock
Auch wenn die Agrarlobby bisweilen einen anderen Eindruck erwecken möchte: Der Antibiotikaverbrauch in der Massentierhaltung ist nach wie vor ein großes Problem. Um die Gefahr resistenter Keime zu minimieren, muss der Gesetzgeber der Tierindustrie klare Grenzen setzen.

Massentierhaltung: Biotop für Keime

Tiere in der Massentierhaltung erhalten Antibiotika nicht nur dann, wenn sie krank sind, sondern auch, wenn ein anderes Tier in der Herde Symptome zeigt (der Fachbegriff dafür ist »Metaphylaxe«). Bis 2006 wurden Antibiotika in der EU sogar verabreicht, um das Wachstum zu fördern. In vielen Ländern außerhalb Europas ist das noch heute der Fall. Diese massenhafte und routinemäßige Anwendung von Antibiotika, die oft einfach über das Trinkwasser gegeben werden, fördert die Verbreitung resistenter Bakterien.

Bakterien vermehren sich nämlich enorm schnell und verändern sich dabei ständig. In den großen Tiergruppen in der Massentierhaltung, mit vielen, durch Qualzucht und schlechte Bedingungen oftmals geschwächten Individuen, finden sie optimale Lebensbedingungen. Die Bakterien, die durch Mutation eine Resistenz gegen ein oder alle verwendeten Antibiotika entwickelt haben, haben einen zusätzlichen Überlebensvorteil. Je häufiger die Wirkstoffe zum Einsatz kommen, desto besser können sich die resistenten Keime ausbreiten.

Vom Tier auf den Menschen

Über das Wasser und die Gülle gelangen resistente Bakterien in die Umgebung der Ställe und durch die Tierprodukte in Lebensmittel. Die meisten resistenten Bakterien stammen zwar aus Krankenhäusern. Wie groß der Anteil aus der Massentierhaltung genau ist, lässt sich nur schwer sagen. Laut Robert Koch Institut (RKI) liegt die Zahl von MRSA-Keimen, die mit Tieren in Verbindung gebracht werden, in Regionen mit vielen Mastbetrieben jedoch bei rund 10 % von allen Infektionen beim Menschen. Von mehrfachresistenten Darmbakterien stammen vermutlich rund 5 % von Tieren, weitere 25 bis 30 % können sowohl vom Menschen, als auch von Tieren stammen. Eine wissenschaftliche Studie bei Schweinehalter:innen und Tierärzt:innen ergab 2013 bei bis zu 86 % der Personen eine Besiedlung mit MRSA-Keimen.

Nicht jeder Kontakt mit resistenten Bakterien führt dabei automatisch zu einer Erkrankung oder zum Tod. Falls es allerdings zu einer Infektion kommt, stehen die Behandlungschancen schlecht, vor allem bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. EU-weit sterben nach Angaben der europäischen Seuchenbehörde ECDC etwa 33.000 Menschen pro Jahr an solchen Keimen.

Antibiotikastrategie greift nicht

Politik und Wirtschaft versprachen bereits 2014, den Antibiotikaverbrauch in der Tiermast zu reduzieren und verabschiedeten daraufhin die 16. Arzneimittelgesetz-Novelle. Seitdem waren tierhaltende Betriebe zum Beispiel verpflichtet, genau Buch zu führen, wie viel Antibiotika sie einsetzen.

2019 legte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) seinen Bericht über die Wirksamkeit der Maßnahmen vor: Demnach konnten die jährlichen Abgabemengen an die Tiermedizin (sowohl »Nutz-« als auch »Heimtiere«) zwischen 2014 und 2017 von 805 auf auf 733 Tonnen (-9 %) reduziert werden. An die Humanmedizin gehen in Deutschland, grob geschätzt, ähnlich viele. Weltweit ist die Landwirtschaft jedoch die größte Verbraucherin von Antibiotika.

Der Bericht des BMEL gibt leider nur über den Einsatz bei der Mast von Ferkeln, Schweinen, Kälbern, Rinder, Puten und Hühnern konkrete Auskunft, da auch nur diese von der Novelle betroffen sind. 404 Tonnen Antibiotika wurden in solchen Betrieben 2017 eingesetzt. 2014 waren es noch 475 Tonnen (-15 %). Insbesondere im ersten Jahr nach Inkrafttreten der Novelle und vor allem bei Schweinen ist der größte Rückgang zu beobachten. Bei Kälbern und Puten tat sich allerdings wenig. Bei Hühnern stieg der Verbrauch sogar leicht an.

Der Trick mit den Reserveantibiotika

Die offiziellen Zahlen sind jedoch trügerisch, denn sie verraten nicht alles: Nicht nur, dass im BMEL-Bericht lediglich sechs Nutzungsarten und damit nur bestimmte Lebensphasen einiger sogenannter Nutztiere erfasst wurden. Die reinen Verbrauchsmengen sind auch nicht allein entscheidend: Der Verbrauch ging insbesondere bei den konventionellen Wirkstoffen zurück, die in vergleichsweise größeren Mengen angewendet werden müssen, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie andere Wirkstoffe.

Zwar kamen auch einige der wirksameren, sogenannten Reserveantibiotika weniger zum Einsatz. Der Anteil der Reserveantibiotika an der Gesamtverbrauchsmenge liegt bei »Masthühnern« und »Mastputen« jedoch bei konstant rund 40 %. Bei Schweinen und Rindern liegt er jeweils bei weniger als 10 %. Reserveantibiotika werden eingesetzt, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken, weil die Erreger resistent sind.

Besonders Polypeptidantibiotika wie Colistin kamen bei Hühnern viel mehr zum Einsatz »als in den Zulassungsbedingungen vorgesehen«, wie die Autor:innen des BMEL-Berichts erstaunt feststellten. Ein beunruhigendes Ergebnis, da Reserveantibiotika eigentlich besonders sparsam verwendet werden sollten. Colistin ist eines der meistgenutzten Mittel in der Tiermast und gleichzeitig zunehmend wichtig für die Humanmedizin.

Reichlich resistente Keime

Grundsätzlich verzeichneten die Autor:innen des Berichts zwischen 2009 und 2017 zwar eine Reduktion resistenter Varianten von Darmkeimen, die bei gesunden Tieren vorkommen. Insbesondere bei Hühnern und Puten gab es jedoch einen verhältnismäßig hohen Anteil von Bakterien, die gegenüber mindestens einem Wirkstoff resistent sind. Bei Keimen, die bei Tieren und Menschen zu Erkrankungen führen, war die »Resistenzentwicklung nur in Teilbereichen rückläufig«, teilweise nahm sie sogar zu.

Ebenfalls erschreckend sind die Zahlen, die Untersuchungen aus den vergangenen Monaten liefern: Germanwatch ließ 2020 Hühnerfleisch der PHW-Gruppe untersuchen. 60 % der Proben waren dabei mit resistenten Keimen belastet. 30 % dieser Keime waren gegen Reserveantibiotika resistent. Die Deutsche Umwelthilfe fand 2021 auf jeder dritten Putenfleischproben von Lidl und jeder vierten von Aldi ebenfalls resistente Keime. Und Greenpeace konnte zwischen 2020 und 2021 in 30 von 33 Abwasserproben aus Schlachthöfen multiresistente Keime nachweisen .

Fazit: Immer noch zu viel

Zwar ist es positiv, dass die Antibiotika-Verbrauchsmengen insgesamt und insbesondere bei Schweinen und erwachsenen Rindern abgenommen haben. Nach 2016 gingen die Zahlen jedoch nur geringfügig zurück und sind im vergangenen Jahr sogar wieder leicht gestiegen.

Alarmierend sind der gleichbleibende Antibiotikaeinsatz, insbesondere von Reserveantibiotika, und die resistenten Bakterien bei Hühnern, Puten und Kälbern. In Zeiten von Coronavirus, Geflügelpest und Schweinepest sollte es im Interesse aller sein, den Verbrauch aller antibiotischen Wirkstoffe hier drastisch zu reduzieren. Expert:innen warnen, dass die nächste Pandemie, die vom Tier auf den Menschen überspringt, nur eine Frage der Zeit ist.

Damit die Tiere so wenige Antibiotika wie möglich benötigen, um gesund zu bleiben, ist es unerlässlich, die Haltungsbedingungen zu verbessern. Maßnahmen wie kleinere Herden, geringere Besatzdichten, auf Gesundheit ausgerichtete Zucht und Fütterung sowie die Vermeidung von Transporten, besonders von Jungtieren, verringern das Krankheits- und Ansteckungsrisiko. Viele dieser Aspekte fordern wir, unter anderem mit der Europäischen Masthuhn-Initiative von Unternehmen, ein.

Zudem sollten Jungtiere bei ihren Müttern bleiben dürfen, bis sie selbst ein stabiles Immunsystem entwickelt haben. Die Isolierung und gezielte Behandlung einzelner erkrankter Tiere statt der Metaphylaxe verringert das Risiko der Resistenzbildung und sollte selbstverständlich sein. Das erfordert jedoch eine Umstrukturierung der auf Kosteneffizienz ausgerichteten Agrarindustrie.

Sie möchten das System Massentierhaltung nicht weiter fördern? Fangen Sie einfach auf Ihrem Teller an, wir unterstützen Sie dabei

Vernetzen

Nach oben

Wenn nicht anders vermerkt, gilt für unsere Texte und Grafiken die Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0. Bilder stehen meist unter Copyright.