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Gesundheit, Tierwohl, Umwelt und Pandemien

Mensch auf Wiese
© BABAROGA – Shutterstock
Wie können wir weitere Pandemien verhindern? – Das ist die Leitfrage einer aktuellen Studie von Vier Pfoten, für die 29 Wissenschaftler:innen befragt wurden.

Zu den Teilnehmer:innen der Studie »COVID-19 und der Zusammenhang zwischen menschlichem Wohlbefinden, Tierwohl, Umwelt und Pandemien« gehören Expert:innen aus den Bereichen Virologie, Human- und Tiermedizin, Landwirtschaft, Wirtschaft, Recht sowie Philosophie. Ihre Ausführungen zeigen, dass die Entstehung von Pandemien eng mit der Tierhaltung zusammenhängt – und dass das Wohlergehen der Tiere wichtige Teile unserer Lebenswelt beeinflusst: unsere Gesundheit, unsere Umwelt, das Klima und die Wirtschaft.

Gesundheit

Der heutige Umgang des Menschen mit Tieren birgt eine große Gefahr für seine Gesundheit: 75 % aller neu auftretenden menschlichen Infektionskrankheiten sind Zoonosen – das bedeutet, dass sie von Tieren auf den Menschen übergesprungen sind. Als Gründe für die Entstehung von Zoonosen gelten etwa der Wildtierhandel und das Eindringen in die Lebensräume wilder Tiere. Auch die Massentierhaltung wird von den Wissenschaftler:innen in der Studie als Auslöser genannt: die Tiere leiden in engen Ställen an Krankheiten und Stress. Unter solchen Bedingungen haben Krankheitserreger leichtes Spiel und können schnell von Tier zu Tier – aber auch von Tier zu Mensch – überspringen. Ein Beispiel hierfür sind SARS-CoV-2-Mutationen, die 2020 in Pelztierfarmen auf den Menschen übergesprungen sind.

Als besonders problematisch schätzen die Expert:innen zudem den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ein. In einigen Ländern entfallen etwa 80 % des Gesamtverbrauchs an medizinisch wichtigen Antibiotika auf die Tierhaltung. Nicht selten werden Reserveantibiotika verabreicht. Das fördert die Entstehung multiresistenter Keime, gegen die dann auch beim Menschen keine Antibiotika mehr helfen.

Die Forderungen der Wissenschaftler:innen sind klar: Wir dürfen den Lebensraum von Wildtieren nicht stark einschränken und müssen den Konsum tierlicher Produkte reduzieren. Auch fordern sie das Verbot von Pelztierfarmen und Lebendtiermärkten sowie interdisziplinäre Präventionsstrategien. Als Voraussetzungen für einen verringerten Antibiotikaeinsatz nennen sie grundsätzlich verbesserte Haltungsbedingungen mit kleineren Tierzahlen sowie ein konsequentes Verbot von Hochleistungszuchtlinien.

Natur und Klima

Wir Menschen sind auf ein intaktes ökologisches Gleichgewicht auf der Erde angewiesen. Trotzdem verursachen wir ein immenses Artensterben und nehmen den Verlust ganzer Ökosysteme in Kauf.

Diese Situation ist nach Ansicht der Expert:innen ebenfalls eine direkte Konsequenz der industriellen Tierhaltung. Für sie werden Flächen entwaldet und Regenwälder abgeholzt, um Anbauflächen für Futtermittel zu schaffen. Dies bedroht die Widerstandskraft ganzer Ökosysteme, führt zu Artensterben – und fördert so auch wieder Epidemien, denn »mangelnde genetische Vielfalt macht es Erregern leichter, sich auszubreiten«.

Darüber hinaus trägt die Tierhaltung massiv zum Klimawandel bei. So lässt sich etwa der Ausstoß des Gases Methan, das bis zu 86-mal klimaschädlicher ist als CO2, nahezu vollständig auf die Tierhaltung zurückführen. Für die Expert:innen der Vier-Pfoten-Studie ist klar: Wenn die Menschheit die Klimaziele noch erreichen will, sind reduzierte Tierbestände, eine pflanzenbasierte Ernährung und das Ende der Massentierhaltung zwingende Voraussetzungen.

Landwirtschaft

Saure Böden, nitratbelastetes Grundwasser, degradierte Böden, Treibhausgase – die moderne Landwirtschaft hat viele negative Auswirkungen. Der Grund ist auch hier die Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen von Tieren.

Viele Teilnehmer:innen an der Vier-Pfoten-Studie befürworten deshalb konkrete Reformen mit dem langfristigen Ziel, die industrielle Tierhaltung in der heutigen Form zu beenden. Als Maßnahmen, die diesen Weg ebnen sollen, nennen sie die Reduktion des Tierproduktkonsums und eine stärkere Subventionierung pflanzlicher Produkte. Außerdem fordern sie, die Erforschung alternativer Herstellungsmethoden wie etwa der zellulären Landwirtschaft stärker zu fördern.

Dr. Kurt Schmidinger, Mitglied unseres Wissenschaftsbeirats und einer der für die Studie befragten Expert:innen, spricht zudem eine CO2-Steuer an: auf nationaler und emotionaler Ebene könnte diese genutzt werden, »um Lebensmittel mit einem schlechteren ökologischen Fußabdruck in Bezug auf Treibhausgasemissionen höher zu besteuern und im Gegenzug Entlastungen in anderen Bereichen einzuführen (…). Man belohnt mit ökonomischen Maßnahmen, was ökologisch ist und uns vor Pandemien schützt, und ‘bestraft’ das Gegenteil.«

Ökonomie

Etwa 500 Milliarden Euro wird die Corona-Pandemie den deutschen Staat voraussichtlich kosten. Weltweit sollen sich die Kosten auf mehr als 9 Billionen Euro belaufen. Das sind unvorstellbare Summen, die deutlich machen, wie wichtig eine adäquate Prävention in Zukunft sein wird – denn die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit, wenn wir weitermachen wie bisher.

Eine Analyse in der Fachzeitschrift Science ergab kürzlich, dass ein präventiver Ansatz deutlich günstiger ist als ein reaktiver Ansatz: Die Präventionskosten für zehn Jahre würden demnach nur etwa 2 % der Kosten der COVID-19-Pandemie ausmachen. Ein Grund mehr also, möglichst schnell konkrete Schritte für die Prävention neuer Pandemien einzuleiten. Eine grundlegende Veränderung unseres Verhältnisses zu Tieren sollte dabei nach Ansicht der Expert:innen ganz oben auf der Agenda stehen.

Fazit

Die Zukunftsstudie von Vier Pfoten zeigt deutlich, dass eine reine Bekämpfung der Symptome im Umgang mit Pandemien unzureichend ist. Stattdessen ist ein Paradigmenwechsel gefordert – hin zu mehr Tierschutz und einem ganzheitlichen Blick auf den Menschen, seine Umwelt und die Tiere.

»Jede politische Entscheidung, die Tier-, Umwelt- und Klimaschutz als sekundär abtut, ist eine Entscheidung für die Krise und für erhöhte pandemische Gefahren«, heißt es in der Broschüre zur Studie. Doch nicht nur die Politik steht in der Pflicht: Verbraucher:innen und Lebensmittelbranche müssen mitziehen, wenn der Wandel gelingen soll.

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