Fische in Aquakultur
Immer mehr Fische und andere aquatische Tiere werden in Gefangenschaft gezüchtet und für die Lebensmittelproduktion gemästet. Im Jahr 2024 waren es laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weltweit 103 Millionen Tonnen Tiere – so viel wie nie zuvor.
Hinter diesen Mengen stehen Hunderte Milliarden Individuen verschiedenster Spezies mit eigenen, ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. In Aquakultur werden diese jedoch häufig nicht ausreichend berücksichtigt. So leiden Fische in Aquakultur oft unter schlechter Wasserqualität, Krankheiten und Parasiten, unpassendem Futter, dem Handling und anschließenden Transport sowie bei der Schlachtung, die oftmals ohne ausreichende Betäubung erfolgt.
In vielen wichtigen Produktionsländern fehlen umfassende gesetzliche Vorgaben. Wir setzen uns deshalb mit der Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) dafür ein, die Bedingungen für Fische und andere Tiere in Aquakultur zu verbessern.
Was ist Aquakultur?
Als Aquakultur wird die kontrollierte Aufzucht und Haltung von Tieren und Pflanzen bezeichnet, die im Wasser leben. Dazu gehören beispielsweise Fische, Garnelen, Krebse und Muscheln, aber auch Algen.
Häufig in Aquakultur gehaltene Fischarten sind unter anderem Karpfen, Forellen, Buntbarsche (Tilapia) und Welse wie Pangasius und Clarias sowie Lachse, Doraden und Wolfsbarsche. Thunfische werden teilweise als wild gefangene Tiere in Aquakulturen weitergemästet.
Die Haltungssysteme unterscheiden sich erheblich, unter anderem abhängig von der gehaltenen Art und der Region. Die Tiere werden beispielsweise in Teichen, künstlichen Becken, Kreislaufanlagen oder in Netzgehegen, die in natürlichen Gewässern schwimmen, gehalten.
Die Hauptproduktionsländer für Aquakultur allgemein sind China, mit großem Abstand gefolgt von Indien, Indonesien, Vietnam und Bangladesch. Der größte Produzent in Europa ist Norwegen.
Wie viele Fische leben in Aquakultur?
Produktionsstatistiken für Fische und andere aquatische Tiere werden normalerweise in Tonnen angegeben. Für den Tierschutz ist diese Einheit jedoch nur bedingt aussagekräftig – sie sagt nicht, wie viele einzelne Tiere hinter diesen Mengen stehen. Gerade bei kleinen Tierarten wie Garnelen können vergleichsweise geringe Produktionsmengen sehr große Individuenzahlen bedeuten.
Schätzungsweise sind es jedes Jahr Hunderte Milliarden Tiere verschiedenster Spezies, die in Aquakultur gehalten und getötet werden. Das macht Aquakultur zu einem der größten bislang wenig beachteten Tierschutzbereiche der Lebensmittelproduktion.
Aquakultur wächst
Aquakultur hat in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. 59 % der gesamten, für den menschlichen Verzehr bestimmten aquatischen Tierproduktion stammt mittlerweile aus Aquakultur. Damit hat sie die Fangfischerei mengenmäßig überholt.
Bei Fischen sieht es noch etwas anders aus: Laut der FAO-Datenbank FishStat wurden 2024 weltweit etwa 79 Millionen Tonnen Fische gefangen und etwa 66 Millionen Tonnen Fische in Aquakultur gemästet. Doch während die Menge der Wildfänge seit Jahren in etwa gleich bleibt (2014 waren es 75 Mio.), steigt die Menge der Fische aus Aquakultur an (2014 waren es noch 47 Mio.).
Aquakultur in der EU und in Deutschland
2022 entfielen nur 1,2 % der weltweiten Aquakulturproduktion aquatischer Tiere auf die EU. Auch Deutschland spielt als Produktionsland eine geringe Rolle. 2025 erzeugten deutsche Aquakulturbetriebe insgesamt rund 39.000 Tonnen – davon entfielen etwa 16.500 Tonnen auf Fische und rund 22.500 Tonnen auf Muscheln. Die wichtigsten Fischarten sind Forellenartige, Karpfen und Aale. Gehalten werden die Tiere hierzulande in traditionellen Karpfenteichen, von Fluss- oder Quellwasser durchströmten Forellenbecken sowie einigen technischen Aquakulturanlagen.
Zum Vergleich: Im selben Zeitraum landete die deutsche Hochsee- und Küstenfischerei rund 174.000 Tonnen Wildfische und andere aquatische Tiere an. Trotzdem deckt Deutschland nur etwa ein Fünftel seines Bedarfs an Fischen und anderen aquatischen Tieren selbst und ist entsprechend stark auf Importe angewiesen. Deshalb ist es wichtig, einheitliche Tierschutz-Standards für Aquakultur zu entwickeln, die auch für Importware gelten. Daran arbeiten wir mit der Aquaculture Welfare Standards Initiative.

Fische haben unterschiedliche Bedürfnisse
In der landwirtschaftlichen Tierhaltung werden nur wenige verschiedene Tierarten genutzt, in der Aquakultur sind es mehrere Hundert. Die Bedürfnisse unterscheiden sich dabei erheblich zwischen den Arten. Eine Forelle hat andere Ansprüche an Wasserqualität, Strömung, Temperatur oder Sozialstruktur als beispielsweise ein Karpfen oder Lachs. Haltungsstandards müssen deshalb die jeweilige Art und ihre Bedürfnisse berücksichtigen.
Viele der heute in Aquakultur gehaltenen Fischarten werden erst seit vergleichsweise kurzer Zeit gezüchtet. Für zahlreiche Arten bestehen noch erhebliche Wissenslücken über ihre artspezifischen Bedürfnisse und ihr Verhalten. Erkenntnisse lassen sich zudem selbst zwischen verwandten Arten nicht ohne Weiteres übertragen. Um beurteilen zu können, unter welchen Bedingungen eine Fischart Stress erleidet und welche Bedingungen ihr Wohlergehen fördern, ist daher artspezifische Forschung erforderlich. Dazu gehört auch die Frage, welche natürlichen Verhaltensweisen für die jeweilige Art von Bedeutung sind und unter Haltungsbedingungen ermöglicht werden sollten.
Können Fische Schmerzen empfinden?
Fische erscheinen uns fremdartiger als Säugetiere oder Vögel. Auch ihr Gehirn unterscheidet sich in seinem Aufbau und seiner Struktur deutlich vom Gehirn der Säugetiere. Trotzdem zeigen Fische komplexe Verhaltensmuster und Fähigkeiten. Sie lernen und erinnern sich, manche benutzen Werkzeuge. Die Mehrheit der Forschenden geht heute davon aus, dass Fische trotz ihres anders aufgebauten Gehirns Schmerzen empfinden können.

Die größten Tierschutzprobleme in der Aquakultur
Tierschutzprobleme in Aquakultur sind vielfältig und unterscheiden sich je nach Fischart und Haltungssystem. Insbesondere Wasserqualität, Krankheiten, Fütterung, Handling, Transport und Schlachtung spielen eine wichtige Rolle.
Wasserqualität
Für Fische ist Wasser zugleich Lebensraum und Atemmedium. Temperatur, Sauerstoff- und Salzgehalt, pH-Wert sowie die Konzentration von Stoffwechselprodukten wie Ammoniak können deshalb unmittelbare Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen haben. Selbst Stresshormone übertragen sich durch das Wasser von einem Fisch zum anderen – und das sogar zwischen verschiedenen Arten.
Ungeeignete Wasserbedingungen können Stress verursachen, Krankheiten begünstigen und im Extremfall zum Tod führen. Eine regelmäßige Überwachung der für die jeweilige Art relevanten Wasserparameter und ein schnelles Gegensteuern gehöen daher zu den grundlegenden Voraussetzungen einer tiergerechteren Haltung.
Krankheiten und Parasiten
Wo viele Tiere gehalten werden, können sich Krankheitserreger und Parasiten leicht ausbreiten, insbesondere, wenn die Haltungsbedingungen schlecht sind und die Tiere Stress haben.
Vorbeugung ist deshalb besonders wichtig: durch gute Wasserqualität, geeignete Haltungsbedingungen, regelmäßige Gesundheitskontrollen und Maßnahmen zur Biosicherheit. Kranke und verletzte Tiere müssen erkannt und angemessen behandelt werden.
Beispiel Lachsläuse
Lachsläuse – auch Seeläuse (sea lice) genannt – sind wenige Millimeter große Krebstiere, die Lachse und andere Salmoniden befallen und sich in der intensiven Lachszucht stark vermehren können. Die Fraßaktivitäten der Lachsläuse richten schwerwiegende Gewebeschäden am befallenen Fisch an. Ohne erfolgreiche Behandlung führt der fortschreitende Befall zum Tod.
Doch auch die Bekämpfung der Parasiten birgt Tierschutzprobleme: Bei verbreiteten thermischen oder mechanischen Verfahren werden die Lachse zusammengetrieben und behandelt, was Stress, Verletzungen verursachen und die Sterblichkeit erhöhen kann. In Norwegen zählen Verletzungen infolge von Entlausungsbehandlungen zu den wichtigsten Ursachen für die Sterblichkeit von Lachsen in Meeresgehegen.
Auch zugesetzte Putzerfische, die die Lachsläuse von den Lachsen essen sollen, leiden unter den Haltungsbedingungen und viele von ihnen sterben. Damit verursacht die Bekämpfung der Lachsläuse zusätzliches Tierleid.
Fütterung
Fischarten haben sehr unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse. Während einige überwiegend pflanzliche Nahrung aufnehmen, ernähren sich andere in der Natur hauptsächlich von anderen Tieren.
Futtermittel müssen deshalb zur jeweiligen Art und ihrem Entwicklungsstadium passen und die benötigten Nährstoffe liefern. Die ungeeignete Zusammensetzung oder Fehler im Fütterungsmanagement können Krankheitssymptome und Mangelerscheinungen bis hin zu Fehlbildungen verursachen. Zusätzlich kann übermäßiger Stress durch Nahrungskonkurrenz unter den Fischen zu gegenseitigen Verletzungen führen.
Aus Tierschutzsicht ist auch die Fütterung mit Fischmehl und Fischöl problematisch: Dafür werden große Mengen wildlebender Fische gefangen und getötet. Zwar werden zunehmend Nebenprodukte aus der Fischverarbeitung und alternative Futtermittel eingesetzt, dennoch werden weiterhin Fische gezielt für die Futtermittelproduktion gefangen. Besonders bei karnivoren Arten müssen alternative Futtermittel zugleich deren artspezifischen Nährstoffbedarf decken, um Mangelerscheinungen und gesundheitliche Probleme zu vermeiden.
Besatzdichte
Wie viele Tiere auf engem Raum gehalten werden können, lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl für alle Fischarten beantworten. Entscheidend sind unter anderem Art, Alter, Haltungssystem und Wasserqualität.
Zu hohe Besatzdichten können beispielsweise Verletzungen, Stress und Krankheiten begünstigen und die Wasserqualität beeinflussen. Das gilt auch für den Transport in Behältern. Gleichzeitig können bei manchen Arten auch zu niedrige Besatzdichten problematisch sein.
Handling und Transport
Sortieren, Umsetzen, Wiegen und Transportieren gehören in Aquakultursystemen zum Produktionsprozess. Auch die Schlachtung zählt zum Handling. Vor dem Transport wird oftmals die Fütterung eingestellt, damit die Tiere weniger Exkremente in die Transportbehälter absetzen. Für die Tiere können solche Eingriffe erheblichen Stress und auch Verletzungen verursachen. Beim Transport müssen insbesondere Wasserqualität, Sauerstoffversorgung, Temperatur und Besatzdichte an die Bedürfnisse der jeweiligen Art angepasst werden.
Traditionelle Maßnahmen wie das Abfischen mit Keschern oder Körben, das Zusammenführen vieler Fische in Netzen oder der Transport in einfachen Behältern ohne Regelung der Wasserqualität sind wenig tiergerecht. Geeignete Pump-, Sortier- und Wägesysteme können den Umgang mit den Tieren schonender machen, wenn sie für die jeweilige Art ausgelegt und fachgerecht eingesetzt werden.
Besonders problematisch sind dagegen längere Aufenthalte außerhalb des Wassers, ungeeignete Pump- oder Transportsysteme sowie starke Veränderungen von Temperatur oder Wasserqualität. Handling sollte deshalb möglichst selten stattfinden und so schonend wie möglich erfolgen.
Betäubung und Schlachtung
Auch Fische sollten vor der Tötung wirksam betäubt werden und bis zum Tod bewusstlos bleiben. Welche Verfahren dafür geeignet sind, hängt wiederum von der jeweiligen Art ab.
Im deutschen Tierschutzrecht wird ein bewusstes Schmerzempfinden bei Fischen bereits berücksichtigt. Grundsätzlich müssen Fische in Deutschland vor dem Schlachten oder Töten betäubt werden, für bestimmte Fälle gelten jedoch Ausnahmen (§ 12 Abs. 10 TierSchlV). Das EU-Recht schreibt für Fische – anders als für die meisten landwirtschaftlich genutzten Wirbeltiere – dagegen keine Betäubung vor der Schlachtung vor.
Weltweit werden viele Fische aus Aquakultur ohne vorherige Betäubung getötet. Häufig ersticken sie an der Luft oder werden in Eis bzw. Eiswasser gegeben. Dabei können die Tiere je nach Art noch mehrere Minuten bei Bewusstsein bleiben. In der mediterranen Aquakultur ist die Tötung in Eiswasser etwa bei Doraden und Wolfsbarschen nach wie vor weit verbreitet. Auch in anderen großen Produktionsregionen kommen Schlachtmethoden ohne vorherige Betäubung häufig zum Einsatz.
Anforderungen großer Abnehmer wie Tesco haben dazu beigetragen, dass Aquakulturbetriebe Fische vor der Schlachtung betäuben. Je nach Fischart kommen dabei beispielsweise elektrische oder mechanische Verfahren zum Einsatz. Das zeigt: Technische Lösungen sind für verschiedene Fischarten bereits verfügbar.

Was wir für Fische tun
Weil weltweit Hunderte Milliarden Tiere betroffen sind, setzen wir dort an, wo sich die Bedingungen für besonders viele von ihnen verbessern lassen. Mit der Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) arbeiten wir gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Zertifizierern daran, wissenschaftlich fundierte und praktikable Tierschutzanforderungen für wichtige Arten in Aquakultur zu etablieren.
Gleichzeitig nehmen wir Unternehmen in die Verantwortung. Gerade der Lebensmittelhandel hat großen Einfluss darauf, unter welchen Bedingungen die Tiere für seine Produkte gehalten werden. Supermärkte und Discounter können von ihren Lieferanten verbindliche Mindeststandards verlangen, auch dort, wo gesetzliche Anforderungen fehlen.
Langfristig wollen wir erreichen, dass kein Tier mehr für unsere Ernährung leiden und sterben muss. Doch solange weiterhin Milliarden Tiere für Lebensmittel genutzt werden, zählt auch, unter welchen Bedingungen sie leben und sterben – auch bei Fischen.
Was Sie tun können
Wenn Sie Fische und andere aquatische Tiere schützen möchten, können Sie vor allem pflanzliche Alternativen wählen und so die Nachfrage nach Tierprodukten verringern. Anstelle von Aquakulturprodukten auf wild gefangene Fische auszuweichen, ist dagegen keine gute Alternative: Auch diese Tiere leiden beim Fang und sterben häufig ohne Betäubung.
Wenn Sie dennoch Produkte aus Aquakultur kaufen, können die Zertifizierungen ASC, GGN, Naturland und EU-Bio eine Orientierung bieten: Sie decken die Tierschutz-Basisempfehlungen der AWSI ab – eine leidfreie Produktion garantieren jedoch auch sie nicht.
Da individuelle Kaufentscheidungen allein nicht ausreichen, setzen wir uns dafür ein, dass Unternehmen höhere Tierschutzstandards umsetzen und Tierprodukte reduzieren. Sie können dazu beitragen, indem Sie Teil vom #TeamImpact werden.