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Zu Albert Schweitzers 138. Geburtstag

Albert Schweitzer mit Katze
Albert Schweitzer mit Katze © DASZ

Heute, am 14.01.2013, jährt sich bereits zum 138. Mal der Geburtstag Albert Schweitzers – und das in einem ganz besonderen Jubiläumsjahr: denn vor fast genau 100 Jahren, am 21.03.1913, machte sich der bis heute vor allem als »Urwaldarzt« bekannte Humanist erstmals auf den Weg nach Lambaréné in Afrika, wo er mit der Gründung eines Spitals den Grundstein für sein weitgerühmtes praktisches Lebenswerk legte. Grund genug also, sich noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen, wofür genau Albert Schweitzer eigentlich steht, und sich zu fragen, welche Relevanz er für unsere heutige Welt und im Besonderen auch für den heutigen Tierschutz noch hat.

Lambaréné und die Ehrfurcht vor dem Leben

Kein Zweifel: Mit Lambaréné wird Albert Schweitzers Name wohl auf ewig untrennbar verbunden bleiben. Schließlich war es dieser am Fluss Ogooué, mitten im zentralafrikanischen Regenwald gelegene Ort, an dem Schweitzer erst in aller Stille, dann verfolgt von einer – mal bewundernden, mal kritischen – Weltöffentlichkeit eine Ethik auslebte, die er mit dem Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben auf den Punkt zu bringen versuchte. Rastlos, beispielhaft und so gut es eben nur ging, setzte er sich hier heilend für jegliches Leben ein: für Menschen, Tiere, ja sogar auch für Pflanzen. Doch so beeindruckend dieses praktische Lebenswerk auch heute noch aufscheinen mag: Schweitzer selbst legte einem anderen Aspekt seines Schaffens mehr Bedeutung zu.

»Der unbekannte Albert Schweitzer«

»Lambarene ist meine Improvisation, ein Spital in Afrika. Aber das bleibende Haus, so hoffe ich, ist mein Denken. Jeder muss ein eigenes Lambaréné finden!« Dieser Ausspruch Schweitzers deutet u.a. auf das hin, was der Schweitzer-Forscher Claus Günzler bereits vor gut zwanzig Jahren mit seinem Aufsatz »Der unbekannte Albert Schweitzer«* hervorhob: Schweitzer war nicht nur ein bewunderter Praktiker, sondern auch ein großer Denker. Dass letzteres oft vernachlässigt wurde und auch heute noch oft wird, sollte eigentlich allein schon deshalb zu denken geben, weil Schweitzer selbst vor allem seinem Denken eine nachhallende Wirkung erhoffte. Gerade als geistiger Schaffer einer Kulturphilosophie, die zum einen scharfe Kritik an einer im Bereich der Ethik ausgehöhlten Kultur erhob und dabei zum anderen wie keine Philosophie zuvor alles Lebendige mit in die geforderte Ethik einschloss, erkannte Schweitzer: Die alles Leben achtende Erkenntnis »Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will« ist zunächst einmal eine »fundamentale Tatsache des Bewusstseins« des »denkend gewordenen« Menschen. Wer auch immer auf einem solchen Denken als Grundlage aufbaut sowie auf der sich im Denken wandelnden eigenen Einstellung zur Welt, dem ist es prinzipiell möglich, tagtäglich fundiert und wirkungsvoll im Sinne des Guten zu improvisieren.

Ein kurzer Blick in die Gegenwart

Ob nun aber Albert Schweitzer als Praktiker oder Albert Schweitzer als Denker: Warum sollte man sich heutzutage überhaupt noch mit seinem Leben und Werk beschäftigen? Die Antwort liegt schnell auf der Hand: In einer Gegenwart, in der nach wie vor viele Kriege und soziale Unruhen an der Tagesordnung stehen, in der knapp 1 Milliarde Menschen an Hunger leidet, in der jährlich rund 60 Milliarden »Nutztiere« vom Land sowie mindestens 1 Billion (= 1000 Milliarden!) Meerestiere allein für die menschlichen Gaumengelüste getötet und Millionen weiterer Tiere in Tierversuchen gequält werden, in der jährlich Millionen von Hektar Regenwald hemmungslos abgeholzt werden, in der lebenswichtige Ressourcen wie fruchtbare Böden und Wasser stetig schwinden etc. – kurz: in einer Gegenwart also, die letztlich wohl ohne große Übertreibung als hoch lebensfeindlich bezeichnet werden kann, dürfte es sicherlich nicht überzogen wirken, dazu aufzufordern, »Leben« in den Mittelpunkt seines Denkens und die Achtung von Leben in den Fokus seiner Handlungen zu rücken.

In die Zukunft mit Albert Schweitzer! Aber wie?

Ganz allgemein: Die Beschäftigung mit Albert Schweitzers praktischem Lebenswerk kann sicherlich auch heute noch aufrüttelnd und antreibend wirken. Sich u.a. an ihm ein Vorbild zu nehmen, kann dazu motivieren, weniger gedankenlos, stattdessen bewusst lebensfreundlicher das eigene Leben zu bestreiten. Doch ist hier auch Vorsicht geboten: Auch bei Schweitzer finden sich letztlich Handlungen, die nicht immer durchweg vorbildlich waren und oft genug auch von seinen eigenen denkerischen Ansprüchen abwichen. Nicht nur deshalb wäre es falsch, ihn – wie nicht selten versucht – zu einem unfehlbaren Heiligen zu stilisieren. Falsch wäre es aber auch, ihn mehr oder weniger auszublenden, statt sich gerade auch verstärkt mit seinem denkerischen Nachlass zu beschäftigen:

Was die aktuellen akademisch-philosophischen sowie öffentlichen Debatten vor allem auch in Bezug auf Tiere betrifft, so gilt es zukünftig – von Albert Schweitzer ausgehend – viel konsequenter als bisher auch biozentrische, d.h. das Leben in den Mittelpunkt rückende Ansätze zu berücksichtigen, weiter auszuarbeiten und – wie schon Schweitzer selbst es von der Philosophie forderte – für jeden verständlich aufzubereiten.

Auch der Tierschutz ist gut beraten, sich zukünftig verstärkter mit biozentrischen Ansätzen zu beschäftigen und in bioethische Debatten einzuschalten, wie etwa hinsichtlich von Themen wie der Patentierung von gentechnisch veränderten Tieren oder aber auch der Qualzucht, d.h. der gezielten genetischen Manipulation von Leben zum bloßen Zweck der Leistungssteigerung. Gerade in Bezug auf die Massentierhaltung sollte auch laufend überprüft werden, ob nicht ein das Leben in den Mittelpunkt rückender Ansatz (v.a. auch bezüglich der Tötungsfrage) letztlich generell wirkungsvoller ist, als ein das Leid von Lebewesen in den Mittelpunkt stellender (wenn der Tod nur kurz und nahezu schmerzlos herbeigeführt wird, dann – so kann beim Leidansatz argumentiert werden – stellt das grundsätzliche Töten von Tieren eigentlich kaum ein Problem dar. Auch fällt beim Leidansatz letztlich der Schutz vieler weiterer Tiere unter den Tisch, denen im allgemeinen Ansehen schlichtweg keine oder kaum Leidensfähigkeit zugestanden wird, wie etwa Reptilien oder Insekten).

Und jeder einzelne von uns? Allein schon Albert Schweitzers Ansicht, dass ohne jegliche Notwendigkeit kein Leid und Tod über Lebewesen gebracht werden darf, sollte jeder Einzelne so gut es geht verinnerlichen und so oft wie möglich versuchen, praktisch zu verwirklichen. Dazu gehört es auch, den eigenen Konsum von Tieren und Tierprodukten verstärkt zu hinterfragen und seine Bedenken anderen mitzuteilen, da ein Töten von Tieren allein zu Nahrungszwecken aufgrund des weit ausreichenden Nahrungsangebots zumindest in unserer westlichen Welt längst nicht mehr notwendig ist. Wer all das berücksichtigt, kann eigenständig dazu beitragen, Tiere vor Leid und Tod zu bewahren. Und je mehr Menschen das berücksichtigen, desto größer wird die Chance, tatsächliche Veränderungen letztlich nicht allein für die Tiere zu erwirken. Denn wie schon Albert Schweitzer schrieb: »Wenn im Frühjahr das welke Grau der Wiesen dem Grün Platz macht, so geschieht dies dadurch, dass Millionen von Trieben aus den Wurzeln neu sprossen. Also auch kann die Gedankenerneuerung, die für unsere Zeit kommen muss, auf keine andere Weise zustande kommen, als dass die Vielen ihre Gesinnungen und Ideale aus dem Nachdenken über den Sinn des Lebens und den Sinn der Welt neu gestalten.«

* Der Aufsatz »Der unbekannte Albert Schweitzer« von Claus Günzler erschien 1991 in dem Sammelband »Albert-Schweitzer-Studien 2« (Hg. R. Brüllmann), der u.a. hier bestellt werden kann.

Initiative Transparente Zivilgesellschaft
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