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Albert Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben

Die Ehrfurcht vor dem Leben gilt auch den Tieren»Ehrfurcht vor dem Leben« und »Lambaréné«. Rund fünf Jahrzehnte nach Albert Schweitzers Tod wissen viele Menschen auch heute noch seinen Namen vor allem mit diesen zwei Begriffen zu verbinden. Doch was bedeuteten diese Begriffe eigentlich für den berühmten Philosophen, Theologen, Arzt und Musiker? Bezüglich der Ehrfurcht vor dem Leben könnte man in einer ersten Annäherung wie folgt antworten: Sie war für ihn ein so tief und so weitreichend wie noch nie durchdachtes akademisch-philosophisches Konzept der Ethik. Zugleich war sie für ihn aber auch eine Art Lebensmotto, das allerdings weitaus mehr leistete, als die eigene Einstellung zur Welt allein mit Worten zu beschreiben. Ein »Mehr«, das vor allem dann in den Blick gerät, wenn Schweitzers Wirken in seinem Spital in »Lambaréné« stärker ins Sichtfeld rückt.

Albert Schweitzer im »Gedächtnis der Afrikaner«

Im Jahr 1986 begann sich Walter Munz, ein ehemaliger ärztlicher Mitarbeiter Schweitzers und späterer Leiter des Spitals in Lambaréné, verstärkt zu fragen, welche Erinnerungen eigentlich die Menschen an Albert Schweitzer hatten, denen der »Grand Docteur« (der »große Arzt«) in nahezu beispielloser Weise mehr als die Hälfte seines Lebens aufopferungsvoll helfend gewidmet hatte. Als Ergebnis einer mehrjährigen Beschäftigung mit dieser Frage erschien im Jahr 1991 Munz‘ Buch »Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung«*, aus dem im Folgenden einige bedeutende Passagen zitiert werden sollen. Bedeutend vor allem deshalb, weil darüber Albert Schweitzers Auffassung der Ehrfurcht vor dem Leben sehr klar in den Blick gerät.

»Die Tiere sind eure Brüder und Schwestern«

Bereits im Jahr 1986 traf Walter Munz an einem späten Abend auf Tonda Emil, den ehemaligen Nachtwächter auf dem Weg ins Dorf der Leprakranken, das zum Spital gehörte. Als Munz während des Aufeinandertreffens damit begann, eine Wand voller Nachtfalter, Gottesanbeterinnen, Käferchen und Mücken mit seiner Taschenlampe anzuleuchten und genauer zu betrachten, ergab sich folgendes Gespräch:

»’Tonda, hast du die vielen Tiere gesehen, wie schön sie sind?‘ ‚Den Dreck da? Schlecht ist das! Morgen früh muss ich die ganze Wand abwaschen, damit sie wieder sauber ist.‘ ‚Aber das ist kein Dreck! Schau, wie zart die Flügelchen sind mit ihren Farben und die schönen Fühler und die Beine.‘ ‚Ich sehe nicht, dass das schön sein soll.‘ ‚Komm nur Tonda, schau genau hin.’« Erst nach einer Weile stieß Tonda, wie Walter Munz berichtet, »einen heiseren, unartikulierten und langen Schrei aus: ‚Oh, jetzt sehe ich, dass du die gleiche Familie bist mit dem Grand Docteur. Du hast das gleiche Blut. Auch er hat uns gesagt: Die Tiere sind eure Brüder und Schwestern. Er hat gesagt, dass sogar die Mücke, die mich in den Arm sticht, meine Schwester ist, und sie müsse stechen, um zu essen. Die Mücke kann nicht anders. Und er hat gesagt, sogar die Ameisen, die über unseren Weg ihre Straße machen, sind unsere Brüder. Wir durften sie nicht zerstampfen, sondern mussten darüberspringen oder warten, bis die Ameisen weg waren. Oh, der Grand Docteur! Er sagte, dass auch die Bäume unsere Brüder sind, und das Unkraut auch. Beim Jäten durften wir nicht einfach mit dem Buschmesser das Unkraut von der Wurzel abhauen, nein, wir mussten es mit der Wurzel langsam aus der Erde ziehen und dorthin bringen, wo es vielleicht weiterwachsen konnte, weit weg vom Garten. – Das haben wir aber nicht immer getan.«

»Er pflegte alle […], sogar die Tiere und die Pflanzen«

Ein sehr eindruckvolles Gespräch führte Walter Munz auch mit Massandi Joseph, der jahrzehntelang als Koch im Spital gerabeitet hatte und der mit zunehmender Begeisterung Folgendes über den Grand Docteur erzählte: »Er pflegte alle – die Akele, die Galoa, die Mitsogho, die Fang [verschiedende Volksstämme im heutigen Gabun]… Er hat uns alle gepflegt, sogar die Katholiken, sogar die Protestanten und die Heiden, die Schwarzen und die Weißen, sogar die Tiere und die Pflanzen. Er machte keinen Unterschied! […] Der Grand Docteur schlug keine Mücke tot. Er sagte, die Mücke ist von Gott gemacht, alle Dinge hat Gott hervorgebracht, sogar die Pflanzen des Waldes, sogar das Stachelschwein – es kommt aus dem Wald heraus und es geht in den Wald zurück – wir müssen es lassen. – Eines Tages kam der Doktor aus seinem Haus. Ich sah eine Mücke auf seiner Schulter und schlug auf sie. Der Doktor sagte: Halt, was machst du da? Du schlägst die Mücke tot, aber du – von was lebst du? Du isst, du trinkst. Schau, die arme Mücke kam auch nur zum Essen zu mir.«

Und weiter: »Eines Tages begegnete Schweitzer dem Schreiner von Monsieur Foing in Atadie und seinem Buben. Dieser hatte einen jungen Vogel in der Hand. Der Grand Docteur stellte sich vor die beiden hin und wandte sich an den Vater: ‚Wer ist der Vater dieses Knaben?‘ ‚Ich habe ihn in die Welt gesetzt.‘ ‚Dann gehört der Knabe also dir?‘ ‚Ja.‘ ‚Gut. Jetzt kommt ein Fremder, der nimmt dein Kind, geht weg mit ihm und lässt dich allein. Bist du dann zufrieden?‘ ‚Nein.‘ ‚Und wie geht es jetzt dem Vogelvater? Er hatte ein Kind. Dann kam dein Sohn und hat es ihm weggenommen. Jetzt weint der Vogelvater nach seinem Kind. Ist das gut?’«

Und schließlich: »Man brachte oft lebende Tiere ins Spital zum Verkaufen: kleine Krokodile mit zusammengebundenen Schnauzen, Schimpansenkinder ihrer getöten Mütter, große Wasserschildkröten, Antilopen mit verschnürten Beinen, Stachelschweine, Schuppentiere und viele andere. Wenn diese Tiere wieder gesund waren, wollte der Doktor ihnen immer wieder die Freiheit schenken. […] Er hat sogar Pflanzen behandelt. Vor vielen Jahren hat der Blitz in diesen Mangobaum geschlagen und einen der zwei Stämme dicht über ihrer Teilung getroffen und geknickt. Das Regenwasser drang dann ins Holz und ließ es faulen. Da hat der Grand Docteur zu mir gesagt: Massandi, der Mangobaum bei den Antilopen ist krank, wir müssen ihn pflegen. Ich holte die Leiter, und Schweitzer stieg hinauf und verband die Wunde am Baum. Er schüttete zuerst etwas Erde auf das Holz und goß dann eine Kappe aus Zement darüber und formte sie gut mit den Händen.«

Lambaréné: »die Improvisation« der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

Wie Walter Munz in seinem Buch berichtet, bezeichnete Albert Schweitzer sein Spital einmal selbst als »die Improvisation seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben«. Eine Improvisation, mit der er herausfinden wollte, »ob eine friedliche Gemeinschaft aller Kreatur auf der Erde möglich sei, ob die Ehrfurcht vor dem Leben eine tragfähige Grundlage sei und ob sie sich bewähre in der Wirklichkeit mit allen ihren Nöten und Freuden.«

Tonda Emils und Massandi Josephs Aussagen zeigen in Ansätzen deutlich: Seinem Anspruch, in Lambaréné seine in zahlreichen Schriften theoretisch begründete Ethik in die Praxis umzusetzen, scheint Albert Schweitzer wohl weitestgehend gerecht geworden zu sein. Mit seinem Ansatz, sich einem jeden Leben – ob menschlich, ganz gleich welcher kultureller oder religiöser Prägung, ob tierlich oder pflanzlich – hilfreich zu widmen und zwischen den verschiedenen Leben keinen Wertunterschied sehen zu wollen, gelang Schweitzer die praktische Umsetzung einer Ethik, die er als »ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt«, verstanden wissen wollte. Kein Gradmesser, wie etwa die unterschiedliche Leidensfähigkeit von verschiedenen Leben, bestimmte sein Handeln, sondern die mit der bekannten Formel »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will« verewigte Erkenntnis, dass das eigene Leben sich in seiner Existenz- und Entfaltungsberechtigung in keiner Weise von anderen Leben unterscheidet. Nur dann, wenn alles Leben ins Zentrum einer praktisch zu verwirklichenden Ethik gerückt wird, kann gewährleistet werden, dass auch wirklich einem jeden Leben prinzipiell die gleichen Daseinsrechte zugestanden werden und die gleiche Hilfe zukommen kann.

»…jeder kann sein Lambaréné haben«

Deutlich wird nun abschließend auch, worin das oben angesprochene »Mehr« in Schweitzers Auffassung der Ehrfurcht vor dem Leben hauptsächlich begründet liegt: in einem handlungspraktischen Ansatz der alltäglichen Zuwendung an jedes hilfsbedürftige Leben, mit dem Ziel, es zu erhalten und so gut es geht zu fördern. Die Ehrfurcht vor dem Leben erscheint damit auch heute noch als unverzichtbarer ethischer Ansatz, um gegenwärtigem Übel und auch der Zukunft entschieden und verantwortungsvoll entgegentreten zu können. Je mehr Menschen sich dazu entscheiden, Albert Schweitzer zumindest ein Stück weit – und bei Bedarf keinesfalls kritiklos – auf dem von ihm eingeschlagenen Weg zu folgen, desto wahrscheinlicher wird es, dass durch das eigene vorbildhafte verantwortungsvolle Handeln wieder ein Stück mehr friedliche Gesinnung in die Welt getragen und der oft vorherrschenden Gedankenlosigkeit vieler Menschen vorgebeugt wird. Dass es dazu nicht zwingend notwendig ist, nach Afrika zu reisen und ein Spital zu gründen, betonte schon Albert Schweitzer mit den Worten: »Es gibt nicht nur ein Lambaréné, jeder kann sein Lambaréné haben.«

* Walter Munz, Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung (Bern/Stuttgart 1991), herausgegeben vom Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambaréné und u.a. hier bestellbar.

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