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Albert Schweitzer und die Welt der Tiere

Albert Schweitzer sitzend mit Huhn
© Deutsches Albert Schweitzer Zentrum

Es ist unmöglich, dem Geist und dem Herzen Albert Schweitzers näher zu kommen und sie zu erreichen, ohne die Welt der Tiere zu durchqueren. Die Bewohner dieser Welt spielen in Schweitzers Leben und Werk nicht eine Statistenrolle, sondern die Rolle von Hauptpersonen und Trägern der Handlung. Das Einfühlungsvermögen und die Mitleidsfähigkeit Schweitzers, die ihn seit seiner frühen Kindheit auszeichnen, kennen und anerkennen in keiner Weise die künstliche Grenzlinie, welche die menschliche Hybris quer über die biologische Landkarte gezogen hat, um das Tier namens Mensch von allen anderen Tierarten zu trennen.

Der junge Albert Schweitzer

Intuitiv begreift schon der kleine Albert die wesentliche Einheit alles Lebendigen als etwas Natürliches und über jeden Zweifel Erhabenes. Das Leiden jedes Lebewesens erweckt sein Mitleid, d.h. seine Fähigkeit, an dem Leiden Anderer teilzunehmen. Sein Kindersinn versteht, ohne darüber nachzudenken, die Wahrheit von Jeremias Benthams Satz über die Tiere: »Die Frage ist nicht: können sie denken?, auch nicht: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?«. In seinem Buch »Aus meiner Kindheit und Jugend« schreibt Schweitzer: »Solange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. …Insbesondere litt ich darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben.« Obwohl er umgeben von Behaglichkeit und Liebe aufwächst, erhält Schweitzer durch sein tiefes Mitgefühl für fremdes Leid schon früh einen Einblick in »die Brüderschaft der vom Schmerz Gezeichneten«, die eine der Grundideen seines Denkens und Handelns sein wird. Denken und Handeln sind untrennbare Begriffe, wenn man von Albert Schweitzer spricht. Das Geheimnis der Macht seiner Persönlichkeit liegt in der Tatsache, dass der Denker Hand in Hand mit dem Mann der Tat einhergeht. Schon als Kind begnügt sich Schweitzer nicht damit, das traurige Schicksal der Tiere zu beklagen, sondern tritt, seine natürliche Schüchternheit bezwingend, als ihr Schützer auf, weil er begreift, wenn auch unbewusst, dass sein Mitgefühl ihm die Pflicht zum Handeln auferlegt. Noch vor seinem fünften Geburtstag entschließt er sich, niemanden weniger als den lieben Gott anzurufen. Seinem Abendgebet fügt er heimlich einen von ihm selbst verfassten Satz hinzu: »Lieber Gott, schütze und segne alles, was Odem hat, bewahre es vor allem Übel und lass‘ es ruhig schlafen«.

Einige Jahre später, zur Osterzeit, wird der junge Albert von seinem Freund aufgefordert, mit Schleudern auf Vögel zu schießen. »Dieser Vorschlag war mir schrecklich«, schreibt Schweitzer, »aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst er könnte mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaus sangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter einen Kiesel in die Schleuder und spannte sie. Seinem gebieterischen Blicke gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, daneben zu schießen. In demselben Augenblicke fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzuläuten. …Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen, und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn die Glocken der Passionszeit klingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot »Du sollst nicht töten« ins Herz geläutet haben. Von jenem Tag an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien.«

Albert Schweitzer und die Philosophie

Dieses entscheidende Erlebnis seiner frühen Entwicklungsjahre bestimmt nicht nur das Verhalten des Mannes der Tat Schweitzer, sondern weist auch dem Denker Schweitzer das Kernproblem seiner Weltanschauung und Lebensphilosophie. Für ihn ist die Philosophie keine abstrakte Denkübung, sondern eine elementare Notwendigkeit, die Suche nach Antworten auf die konkreten Fragen, die sein Gewissen ihm stellt: wie kann ich das Bestehen und die Allgemeingültigkeit des moralischen Gesetzes erklären, das uns befiehlt, andere Lebewesen nicht zu töten und ihnen kein Leid zuzufügen? Und wie kann ich die positive Formulierung dieses Gesetzes rechtfertigen, die uns die Pflicht auferlegt, allen in Not befindlichen Wesen Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen?

Mit dem Jahre 1899 beginnt daher Schweitzer, das bestehende philosophische Inventar zu untersuchen, um eine Formel zu entdecken, die sein Bedürfnis befriedigen und wie ein »Sesame« die Tür seines Verstandes zu der Wahrheit, die sein Gefühl vorwegnimmt, öffnen kann. Er findet nicht, was er sucht, und wird so zu einem Kritiker der ganzen Philosophie. »Die Tragödie der abendländischen Weltanschauung habe ich zu schreiben unternommen«, lautet der erste Satz der Vorrede zu seinem Werk »Kultur und Ethik«. Der wesentliche Bestandteil, den Schweitzer in den ihm sich bietenden philosophischen Formeln vermisst, ist die allumfassende ethische Substanz, das Prinzip der Einheit und Unteilbarkeit der lebendigen Welt und die sich daraus ergebende Einheit und Unteilbarkeit des für die Menschen gültigen moralischen Gesetzes. In einem kurzen Ausflug in die Philosophie des Orients findet Schweitzer zwar diese Ingredienz, jedoch aufgelöst in einer pessimistischen Weltanschauung, die ihm ebenso unannehmbar erscheint wie der zweifelsfreie Optimismus der meisten westlichen Philosophen.

Philosophischer Wendepunkt: Die Ehrfurcht vor dem Leben

Im September 1915 tritt der Wendepunkt ein: Schweitzer entdeckt endlich die Formel, die er so lange gesucht hat. Auf einer seiner Fahrten auf dem Ogowefluss, als sein Boot bei Sonnenuntergang eine friedlich ruhende Hippopotamusherde durchquert, offenbaren sich ihm plötzlich die Worte »Ehrfurcht vor dem Leben«. Sogleich erkennt er in ihnen den Grundstein, den er benötigt, um sein Haus der unbegrenzten Ethik zu errichten, in dem nicht nur alle Menschen, sondern auch die Tiere, welche von der traditionellen Ethik ausgeschlossen waren, ihren rechtmäßigen Platz finden. Nun ist Schweitzer imstande, in Worte zu fassen, was er immer tief gefühlt hat: Ethik ist die Ehrfurcht vor dem Willen zu leben aller Lebewesen oder, anders gesagt, die unbegrenzte Verantwortlichkeit allem Lebendigen gegenüber. Mit dieser Definition überschreitet Schweitzer den Rubikon des herkömmlichen Moralgesetzes, das der ethischen Verantwortung Schranken setzt, und begibt sich in ein Gebiet, in dem die schrankenlose Verantwortlichkeit Gebot ist. Damit verleiht er dem menschlichen Verantwortungsbewusstsein eine neue Dimension und eine neue Würde. Nicht nur denjenigen Wesen gegenüber, die wir als unseresgleichen erachten, sind wir moralisch verantwortlich, sondern auch in Bezug auf alle anderen, die wir aus unserer egozentrischen Sicht aufgrund irgendwelcher Merkmale als uns nicht ebenbürtig ansehen. Dabei können und dürfen wir nicht vergessen, dass der Platz »extra muros«, außerhalb des Bereiches der konventionellen Ethik, den heute nur noch die Tiere einnehmen, gestern von ihnen mit den Sklaven, Leibeigenen, Ungläubigen, Indianern, Negern und Angehörigen anderer als »untermenschlich« gestempelten Menschengruppen geteilt wurde, die alle »wie Tiere« behandelt und demnach gejagt, gequält und getötet wurden. Eine Ethik mit beschränkter Verantwortung versagt ihren Schutz nicht nur den so genannten vernunftlosen Wesen, sondern läuft Gefahr, auch Mitgliedern unserer angeblich vernunftbegabten Spezies, die aus irgendeinem Grund in Ungnade fallen, dieser Schutzlosigkeit auszusetzen. Nur eine Philosophie wie diejenige Schweitzers, die jede menschliche Handlung und jedes menschliche Unterlassen, durch welche ein anderes Lebewesen Schaden erleiden kann, so unbedeutend uns diese Kreatur auch erscheinen mag, der verantwortlichen Entscheidung des Obersten Gerichtshofes unseres Gewissens zwecks Prüfung auf Notwendigkeit unterwirft,- nur eine derartige, wahrhaft ethische Philosophie ist in der Lage, unserer Welt, der alle Lebewesen angehören, eine echte Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden, oder zumindest auf Überleben, darzubieten.

Albert Schweitzer: ein Tier- wie Menschenfreund

Albert Schweitzer, der Menschenfreund, ist von Albert Schweitzer, dem Tierfreund, nicht zu trennen. Die Hände, welche den Patienten seines Spitals Linderung und Heilung verleihen und unzähligen Menschen Botschaften der Freundschaft und des Zutrauens zukommen lassen, sind dieselben Hände, die zärtlich die Katze Sizi, die Pelikane Tristan und Parsifal, die Antilopen Erika und Leonie, die Wildschweine Thelma und Isabella und die anderen vierbeinigen oder befiederten Einwohner Lambarénes streicheln. Alle sind für Schweitzer Mitglieder einer großen Familie; und diese Familie, geeint durch die Liebe, die er gab und empfing, wird auf immer bei ihm sein: in der Geschichte, in der Legende und in der Ausstrahlung seines Vorbildes in die dunkle und ungewisse Zukunft, die uns erwartet.

Hinweise zum Autor: Godofredo Stutzin (1917–2010) war ein Umweltjurist deutsch-jüdischer Herkunft, der im Jahr 1935 nach Chile flüchtete und der sich Zeit seines Lebens auch stark mit Tierschutzfragen und den philosophischen Ansätzen Albert Schweitzers beschäftigt hat. Der hier präsentierte, inhaltlich unveränderte Text, den wir nur um einige Absatzüberschriften ergänzt haben, wurde mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrums dem Albert Schweitzer Rundbrief Nr. 93 (Dezember 2001) entnommen. Das Erstpublikationsdatum sowie der genaue Pubklikationsort des Texts sind unbekannt.

Für eine weitere Beschäftigung mit Godofredo Stutzin möchten wir außerdem noch auf die Dokumentation »Godofredo – 20% Albert Schweitzer« von Gaby Lingke verweisen.

Abschließend möchten wir auf unsere Zitatsammlung von Albert Schweitzer zu Tierschutzfragen hinweisen.

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