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Lambaréné – Albert Schweitzer und die einheimischen Tiere

Albert Schweitzers Tiere in LambarénéMit seinem Urwaldspital in Lambaréné versuchte Albert Schweitzer Zeit seines Lebens, seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben bestmöglich in die Praxis umzusetzen. Dies haben wir bereits mit einem eigenen Artikel aufgezeigt. Daran anschließend möchten wir in diesem Artikel einige Erzählungen präsentieren, in denen vor allem noch einmal deutlich wird, in welchem Maß auch Tiere in Lambaréné zum täglichen Leben mit dazu gehörten. Die folgenden, leicht gekürzten Texte bleiben weitestgehend unkommentiert, da sie sehr gut für sich selbst sprechen.

Ein Papagei namens Sakku

Zu den tierlichen Mitbewohnern in Lambaréné gehörten auch immer mal wieder Papageien, von denen insbesondere einer einen bleibenden Eindruck im Spital hinterließ – Sakku. Über diesen schrieb Albert Schweitzer im Jahr 1923 rückblickend: »Gewöhnlich meint man, dass ein Papagei ohne Sinn nachschwatzt. Dies mag der Fall bei dem Tiere sein, das in fortwährender Käfighaft verblödet. Bei dem Papagei aber, wie er in Afrika als freier Hausgenosse lebt, bemerkte ich zu meiner Überraschung, dass er nur spricht, was wirklich Sinn hat. Um sechs Uhr abends fütterte meine Frau die Hühner. Eine halbe Stunde vorher rief sie Sakku, die Stimme der Herrin herrlich nachahmend, mit zärtlichem ‚Komm Bibi‘ zum Fressen herbei, und lachte, wenn sie vergeblich angeschossen kamen. Wenn beim Mittagessen Knochen oder Fischköpfe* für meinen Hund Caramba abfielen, rief und pfiff ich ihn vom Spital herauf. Wie oft hat ihn Sakku um dieselbe Stunde heraufgerufen und heraufgepfiffen und sich lachend an seiner Enttäuschung geweidet.«

Gerade der Hund Caramba schien es nicht leicht mit dem Streiche liebenden Sakku gehabt zu haben. Sakku begann den treuen Spitalhund schon früh morgens zu ärgern: Um sechs Uhr morgens »schlich er eilig auf der Veranda um das ganze Haus herum, um Caramba, der nach treu durchwachter Nacht hinter dem Haus lag, schlafend zu überraschen, ihn durch einen Biss in den Schenkel zu wecken und sein Aufheulen als Morgengesang zu genießen.« Albert Schweitzer tat der Hund letztlich so leid, dass er begann, jeden Morgen etwas früher aufzustehen, um Caramba eigenhändig zu wecken und ihn somit vor Sakkus regelmäßigen Morgenstreich zu bewahren.

Wenn Sakku jemanden auf das Haus Schweitzers zukommen sah, dann »klopfte er, wie er Menschen hatte anklopfen hören, mit dem Schnabel an die Tür, um den Ankömmling anzumelden. Er fühlte sich als Wächter des Hauses und litt nicht [mochte nicht], dass Unbefugte auf die Treppe oder die Veranda kamen. Als Unbefugten sah er jeden Unbekannten an. Seines angemaßten Wächteramtes waltete er in der Art, dass er sich von hinten lautlos an den Ankömmling heranmachte und dann plötzlich sich mit seinem scharfen Schnabel in die Wade des Unglücklichen einhackte.« Fremde Besucher, die von diesem Wächter gehört hatten, trauten sich dann häufig nur in Begleitung zum Haus des Doktors.

Gestorben ist Sakku, der 1914 nach Lambaréné kam, im Jahr 1917 an »plötzlich einsetzenden Krämpfen.« Ein trauriges Ende nahm es auch mit Sakkus Papageienfreund Kudeku, der zur gleichen Zeit wie Sakku in Lambaréné lebte und der im Jahre 1920 von Missionaren nach Europa gebracht wurde.** Schweitzer schrieb: »Er [Kudeku] konnte sich aber an das gemäßigte Klima und das stete Eingeschlossensein nicht gewöhnen. Nach wenigen Wochen lag er eines Morgens tot in seiner Kiste.«

Die Antilopen Clas und Tetchen

Über die Antilopen im Spital berichtete Schweitzer folgendes: »Meine Antilope ‚Clas‘, die einer sehr starken Art angehörte, war schon an anderthalb Jahr alt und fast so hoch wie ein Esel und galoppierte doch jeden Morgen, wenn ich sie rief, vom Waldrand her, wo sie in Freiheit nächtigte, um ihre Saugflasche leer zu trinken. Natürlich war jetzt nur noch Wasser, mit einem Tropfen Milch*** gefärbt, darin. Hatte sie fertig, so musste ich mich schleunigst in Sicherheit bringen. Denn nun fing sie an, mich mit den starken Hörnern zu bearbeiten, um noch mehr zu erhalten. Ging ich zum Spital hinunter, begleitete sie mich wie ein Hund und spazierte mit zierlichen Schritten zwischen den Kranken herum.«

»Eine der anderen großen Antilopen, ‚Tetchen‘ genannt, war womöglich noch zahmer als Clas. Als ich längere Zeit einen kranken Europäer beherbergte, wurde sie ihm so anhänglich, dass sie zusammen mit ihrem unzertrennlichen Gefährten, dem Hunde Caramba, unter seinem Bette schlief. Aber jeden Morgen um sechs Uhr, sowie der erste Lichtstrahl ins Zimmer kam, stand sie auf und stieß ihn so lange mit den Hörnern, bis er aufstand und sie hinaus ließ. Am Abend kam sie wieder. Das gewöhnliche Ende dieser Antilopen ist, dass sie einen Gefährten im Walde finden, mit ihm einen Hausstand gründen und dann nicht mehr erscheinen.« Oft jedoch, berichtete Schweitzer weiter, wurden die Antilopen auch von den Einheimischen gegessen, oder aber sie starben an Durchfall, so auch Clas und Tetchen.

Die Zwergantilopen Antilöpeli und Samba

Von allen Antilopen in Lambaréné wuchsen Schweitzer vor allem zwei Zwergantilopen ans Herz: »Die erste der Zwergantilopen bekam ich im Sommer 1915. Sie mochte wohl keine drei Tage alt sein und war nicht viel größer als ein junges Hündchen. Man sagte mir, diese Tiere wären nicht aufzubringen, weil sie von der kondensierten Milch, auch wenn man sie verdünnt, Durchfall bekämen. Zur allgemeinen Überraschung blieb ‚Antilöpeli‘, so hieß der junge Hausgenosse, dennoch am Leben. Ich gab ihm nämlich in jede Saugflasche einen Tropfen einer sehr verdünnten Opiumlösung, um den Durchfall zu bekämpfen. Nachts wurde er in den Papierkorb verpackt. Man hatte mir auch gesagt, diese Zwergantilopen würden nie zutraulich. Antilöpeli wurde nicht nur zutraulich, sondern auch frech.«

»Als es kaum einige Wochen alt war, fuhren wir nach Cap Lopez hinunter und nahmen es, wie auch die Papageien, mit uns. Nach einigen Tagen durfte es mit ans Meer. Es war das erste Mal, dass es ans Wasser kam. Auf einmal nahm es einen Satz und sprang in die Wellen. Schon schickte ich mich an, ihm nachzuspringen, um es zu retten. Es aber, mit zierlich erhobenem Kopf, schwamm in schönen Kreisen auf der bewegten Flut herum und kam erst wieder ans Land, nachdem es das Vergnügen ausgekostet hatte.«

Nach einiger Zeit bekam Antilöpeli mit Samba eine Gefährtin: »Wir waren begierig, wie Antilöpeli sich beim ersten Anblick von seinesgleichen benehmen würde. Es nahm keine Notiz von Samba. Tagelang ging es an ihr vorüber, als existiere sie nicht. Weil aber Antilöpeli fraß, bekam auch Samba Mut zu fressen. Das war viel, denn es war zu fürchten, dass sie in der Gefangenschaft kein Essen anrühren würde. Zahm ist Samba nie geworden. Vor das Haus durften wir sie nie lassen. Streicheln ließ sie sich nur, wenn sie fraß. Aber sie gewöhnte sich, meiner Frau Maiskörner, mit Antilöpeli zusammen, aus der Hand zu fressen, wobei sie die Vorderpfoten auf ihre Knie setzten. Dabei fraß Antilöpeli aus der Rechten, Samba aus der Linken. Diese Ordnung wahrten sie von selbst. Ebenso war es ein für alle Mal zwischen ihnen ausgemacht, dass, wenn ich an meinem Tische arbeitete, Antilöpeli sich zu meiner Linken, Samba zu meiner Rechten niederließ. Ihre Wonne war dann, mir die Schuhe abzulecken und abzunagen. So haben sie oft bis tief in die Nacht bei mir gewacht.«

»Der Charakter der beiden war sehr verschieden. Antilöpeli war ein vollkommener Egoist. Samba, die in der Freiheit den Kampf ums Dasein kennengelernt hatte, besaß ein gutes Herz. Die Charakterverschiedenheit zeichnete sich auch in der Verschiedenheit des Gesichtsausdrucks ab. Als Antilöpeli einmal einige Stücke Naphthalin gefressen hatte und eine Woche auf den Tod krank war, wich die Gefährtin nicht von seiner Seite, leckte ihm das struppig gewordene Fellchen glatt und wollte vor Kummer nicht fressen. Wenn Samba etwas fehlte, kümmerte sich Antilöpeli nicht um sie.«

Laut Schweitzer starben sowohl Antilöpeli als auch Samba auf tragische Weise: Antilöpeli verhungerte nach Schweitzers erster, kriegsbedingter Ausreise aus Afrika in ihrer Schlafkiste, da sich der Kistendeckel, der als Schutz vor Schlangen diente, verklemmt und es niemand der in Lambaréné Verbliebenen bemerkt hatte. »Kurze Zeit darauf starb Samba aus Gram, nachdem sie kurz zuvor einem niedlichen Kleinen das Leben geschenkt hatte, das aber seiner Mutter alsbald in den Tod folgte.«

Josephine, das Wildschwein

Bereits vor der ersten Ausreise Schweitzers aus Afrika (Herbst 1917) lebte für kurze Zeit Jospehine in Lambaréné. Im Jahr 1923 widmete Schweitzer diesem Wildschwein, das er im Alter von etwa zwei Monaten in seine Obhut genommen hatte, rückblickend folgende direkte Ansprache: »Wie soll ich deine Klugheit preisen, Josephine. Um nachts nicht von Stechmücken belästigt zu werden, nahmst du die Gewohnheit an, in den Schlafsaal der Knaben einzudringen und dich dort unter das erste beste Moskitonetz zu legen. Wie manche Buße in Tabakblättern habe ich deswegen an die bezahlen müssen, denen du dich als Schlafgenosse aufdrängtest. Und wenn die Sandflöhe in deinen Füßen so herangewachsen waren, dass du nicht mehr gehen konntest, humpeltest du ins Spital herunter, ließest dich auf den Rücken legen, erduldetest das Messer, das dir die Peiniger aus den Füßen bohrte, ertrugest das Brennen der Jodtinktur, mit der man die Wunden betupfte, und grunztest herzlichen Dank, wenn die Sache für einmal wieder vorüber war.«

Ihre Klugheit, aber auch Eigenständigkeit stellte Josephine gleich an ihrem ersten Tag in Lambaréné unter Beweis, als sie sich unter dem extra für sie errichteten und tief in die Erde versenkten Drahtgitterpferch hindurch in die selbstbestimmte Freiheit grub und sich erst am nächten Tag wieder blicken ließ. Über die Wiederbegegnung schrieb Schweitzer: »Als ich […] vom Mittagessen vom Spital heraufkam, siehe, da wartete Josephine vor dem Hause auf mich und schaute mich an, als wollte sie sagen: ‚Den Spaß mit dem Pferch musst du aber nicht wiederholen, ich bleibe dir auch so treu.‘ So geschah es.«

War Schweitzer selbst auch bemüht, Jospehine ein gutes und freies Leben zu ermöglichen, so brachte vor allem seine Frau eher weniger Verständnis für das Wildschwein auf: »Als meine Frau [nach einer längeren Reise wieder] ankam, zuckte sie über den neuen Gefährten die Achseln. Ihre Sympathie hat er nie genossen, und auch nie gesucht; Josephine hatte ein feines Empfinden für dergleichen. Mit der Zeit, als sie eingesehen hatte, dass ihr nicht erlaubt sei, auf der Veranda zu erscheinen, gingen die Dinge erträglich.« Doch blieb es bei dem erträglichen Spitalfrieden leider nicht allzu lange: Im Alter von 6 Monaten begann Josephine damit, die ebenfalls in Lambaréné lebenden Hühner zu essen, was Schweitzers Frau Helene schon bald – Josephine hatte gerade drei Kücken getötet und einer Henne den Schwanz ausgerissen – zu der Aussage »Du weißt, was du zu tun hast…« hinreißen ließ. »Ich wusste es und tat es«, schrieb Schweitzer später wohl immer noch schweren Herzens, da er sich, wann auch immer ihm Klagen über den Verlust eines Huhnes entgegengebracht worden waren, stets so gut wie möglich für Jospehine eingesetzt hatte – etwa mit Beschwichtigungsgeschenken oder auch Ausreden (»Ja, mit den Schlangen hier herum ist es halt eine üble Sache.«). Schweitzer weiter: »Josephine wurde ins Spital gelockt, gefesselt und von N’Kendju rasch und kunstgerecht getötet. Ehe es Mittag läutete, war ihr Dasein zu Ende. Ich rechne, dass sie es auf acht Monate gebracht hat.«****

Der Igel Rateli

Albert Schweitzers langjährige Mitarbeiterin Emmy Martin schrieb in den Jahren 1958-1960 mehrere kurze Briefe mit Tiergeschichten aus Lambaréné an den kleinen Johannes aus Tübingen, wobei sie u.a. von Rateli berichtete: »Lieber kleiner Johannes, soeben hat der Gong zum Essen geläutet. Ärzte und Pflegerinnen kommen von ihrer Arbeit im Spital, vom Lepradorf, von der Pflanzung über den großen palmenüberschatteten Hof und steigen die Treppe hinauf in das Haus, wo das große Esszimmer die Ankommenden freundlich empfängt. Jetzt hört man den festen Schritt des Doktors. Und plötzlich regt sich etwas unter der Treppe. Eine stachelige Kugel kriecht heraus, ein niedliches Köpfchen guckt hervor, läuft geschwind hinter dem Doktor her und begleitet ihn an seinen Platz. Das ist Rateli, der Igel, so von uns getauft. Ruhig bleibt er neben den Füßen des Doktors sitzen, der ihm ab und zu einen kleinen Bissen oder ein Erdnüßchen zuschiebt. Und dies geschieht täglich. Rateli verfehlt keine Mahlzeit. Wenn man ihn tagsüber sucht, ist er unauffindbar. Aber abends, wenn nach beendeter Mahlzeit der Doktor aufsteht und am Klavier einen Choral begleitet, sitzt Rateli ruhig neben ihm, bis er das Esszimmer verlässt, die große Laterne tragend. Er begleitet ihn bis unten an die Treppe, um dann wieder geheimnisvoll zu verschwinden. Wochenlang erfreute und dies reizende Erlebnis. Aber eines Tages kam Rateli nicht mehr. Alle warteten voller Heimweh auf den lieben kleinen Freund. Am meisten wohl der Doktor. Was mag aus Rateli geworden sein? Hat er vielleicht eine Frau gefunden, mit der er ein neues Leben anfing? Wir wollen es ihm wünschen.«

Die Eule Agfu

Emmy Martin berichtete dem kleinen Johannes auch von der Eule Agfu: »Eines Abends, als ich auf der Veranda vor meinem Zimmer stand, kam Schwester Emilie und hielt in ihren Händen eine zartgelbe, flaumige Kugel. ‚Was für einen entzückenden Ball haben Sie da?‘ fragte ich. ‚Das ist eine kleine Eule, die aus dem Nest gefallen ist, ein Eingeborener brachte sie mir.‘ Die Pflegerin nahm das Tierchen in ihr Zimmer, mit viel Geduld und Liebe flößte sie ihm einige Tröpfchen Milch ein, pflegte es weiter und machte ihm in einem Körbchen ein weiches Bettchen. Zur großen Freude gedieh und wuchs Agfu zu einer schönen Eule heran, die sich nun ganz heimisch im Zimmer fühlte. Nun ging ihre Pflegemutter an, morgens die Türe zu öffnen. Im Nu flog Agfu auf eine der hohen Palmen, welche den Hof beschatten. Den ganzen Tag erblickte man Agfu nicht. Rief man aber: Agfu, Agfu!, tönte von einer hohen Palme ein feines Stimmchen: ‚Hu, hu, hu!‘ Es kam der Abend, wo Agfu täglich in das Zimmer der Pflegerin Einlass begehrte. Schon wartete diese auf ihr Pflegekind. Eine große, mit Wasser gefüllte Schüssel stand bereit, und Agfu nahm ihr tägliches Bad. Welche Wonne! Dann durfte sie auf dem Schoß der Pflegerin sitzen, wo sie gefüttert wurde. Ins Bettchen gelegt, schlief Agfu die ganze Nacht, bis der morgen graute. – Aber eines Tages kam Agfu nicht mehr. Voller Heimweh riefen wir: ‚Agfu, Agfu!‘ Aber kein feines Stimmchen antwortete mehr: ‚Hu, hu, hu’«

Albert Schweitzer und der Truthahn

Zeigt vor allem die Erzählung über die Eule Agfu, dass auch einige von Schweitzers Mitarbeitern sich ganz in seinem Sinne auf die Tiere in Lambaréné einließen, so soll mit einer kurzen Erzählung von Walter Munz (ehemaliger Mitarbeiter und auch Leiter des Urwaldspitals) noch einmal Albert Schweitzers eigenes Verhältnis zu den Tieren in den Fokus gerückt werden. Eine Erzählung, die mit einer kurzen Anekdote am Ende schön andeutet, dass Schweitzer auch mit den Problemen, die sich zwangsläufig aus dem Miteinander vieler verschiedener Menschen und Tiere ergeben konnten, nicht nur herzlich, sondern auch humorvoll umgehen konnte.

»Auf dem Hof zwischen Refektorium [Speisesaal] und Doktorhaus stolzierte in meinen Jahren ein böser und leider großer Truthahn auf und ab. Alle Afrikaner und alle weißen Schwestern fürchteten ihn, weil er mit eilenden Schritten auf sie zurannte, dann hinter ihnen nachjagte und sie mit kräftigen Schnabelhieben in die Beine zwickte. Eingeweihte mögen sich daran erinnern, dass wir wegen ‚Hinterindien‘, unserem etwas abgelegenen Toilettenhäuschen, sehr regelmäßig und manchmal häufiger als uns lieb war, den ganzen Hof zu überqueren hatten. Auch wir Männer machten eher Umwege um dieses Federvieh, als uns auf mögliche Zusammenstöße einzulassen. Der Truthahn war zu nichts nütze – nicht einmal Eier konnte er legen. Der große Doktor aber, mit seiner Ehrfurcht vor jedem Leben, achtete sogar den Truthahn hoch, obwohl es in diesem Fall vielleicht auch für ihn schwierig gewesen wäre, die Daseinsberechtigung dieses Vogels anders als grundsätzlich zu erklären. Schweitzer pflegte zu sagen: Wir müssen ihn eben ertragen. Der Truthahn und ich haben etwas gemeinsam. Wir bilden uns beide ein, wir seien Herr und Meister im Spital.«

 

* Grundsätzlich wurde im Spital nicht vegetarisch gekocht, wenngleich es nie viel Fleisch zu essen gab. Schweitzer selbst wurde aber zum Ende seines Lebens nachweislich noch Vegetarier.

** Als deutsche Staatsbürger in einer französischen Kolonie wurden Albert Schweitzer und seine Frau Helene im Herbst 1917 im Zuge des 1. Weltkriegs von Lambaréné nach Europa zurückgeführt, wo man sie erst in den Pyrenäen, dann in der Provence in Gefangenenlagern internierte. Viele materielle Güter, aber auch viele der Tiere, die sie dabei in Lambaréné zurücklassen mussten, gaben sie in die Obhut von dort verbleibenden Missionaren.

*** Das Spital in Lambaréné bezog Kondensmilch aus der Schweiz, womit aber nicht etwa nur primär die Menschen versorgt wurden, wie Schweitzer  in Bezug auf die von ihm großgezogenen Antilopen betonte: »Um Milch für das Tierlein zu haben, trinkt man lieber selber keine.«

**** Anmerkung zu diesem Bericht: Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt setzt sich gegen das Töten von Tieren ein. Deshalb sehen wir das Handeln unseres Namensgebers an dieser Stelle durchaus kritisch. Ob und wie er das grundsätzliche Dilemma hätte besser lösen können, wagen wir allerdings nicht zu beurteilen, denn es wären zu viele Faktoren zu berücksichtigen und die Gefahr einer rückwärtsgewandten, verzerrenden Bewertung wäre zu hoch. Es ist zumindest als sicher anzunehmen, dass Schweitzer – der stets mit außerordentlichem Bedacht die tatsächliche Notwendigkeit einer Tötung hinterfragte – damals schlichtweg keine Möglichkeit sah, die Hühner zu retten und Josephine zu verschonen.

Quellen

Die hier präsentieren Textauszüge über den Papagei Sakku, die Antilopen Clas und Tetchen und die Zwergantilopen Antilöpeli und Samba stammen allesamt aus dem 1923 publizierten Text »Von unseren Tieren in Lambarene«, der u. a. in der Textsammlung »Ehrfurcht vor den Tieren« aus dem Jahr 2006 neu abgedruckt wurde. Die Erzählungen über das Wildschwein Josephine, den Igel Rateli und die Eule Agfu entstammen der Textsammlung »Albert Schweitzer und die Tiere«, die Truthahn-Erzählung dem Buch »Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung« von Walter Munz. Beide Quellwerke können beim Deutschen Albert Schweitzer Zentrum bestellt werden.

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