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Weltklimarat: Systemwechsel jetzt!

Mensch auf Mülldeponie
bakhrom-tursunov – unsplash

In seinem sechsten Bericht gibt der Weltklimarat (IPCC) erneut umfassend Auskunft über Ausmaß und Folgen der Klimaerhitzung sowie über Möglichkeiten diese einzudämmen. Der Tenor lautet deutlicher denn je: Die Menschheit muss jetzt schnell und beherzt handeln, um das Schlimmste zu verhindern. Wir haben uns angesehen, was das IPCC vor diesem Hintergrund zu den Themen Landwirtschaft und Ernährung schreibt.

Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)

  • = Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen
  • im Deutschen meist »Weltklimarat«
  • Institution der Vereinten Nationen (UN)
  • gegründet 1988
  • Aufgabe: den wissenschaftlichen Kenntnisstand zur Klimaerhitzung durch Fachleute auf der ganzen Welt zusammentragen und bewerten

6. Sachstandsbericht

Wie ist die Lage?

Das IPCC stellt fest: Der menschliche Beitrag zur Klimaerhitzung ist eindeutig und unbestreitbar. Er hat dazu geführt, dass die globale Durchschnittstemperatur bis 2019 bereits um 1,07 °C gestiegen ist im Vergleich zur vorindustriellen Zeit (1850-1900). Mit Blick auf die letzten 2.000 Jahre ist das ein trauriger Hitzerekord.

Weitreichende, zum Teil unumkehrbare, Veränderungen in der Atmosphäre, den Ozeanen, der Kryosphäre (Schnee und Eis) und der Biosphäre der Erde sind eingetreten. So ist z. B. der Meeresspiegel zwischen 1901 und 2018 im Schnitt um 20 cm gestiegen. Die Folgen, insbesondere Hitzeextreme, aber z. B. auch Überschwemmungen wie 2021 in Deutschland, betreffen alle Regionen der Erde.

Die Landwirtschaft ist dabei nicht nur Verursacherin der Klimaerhitzung (später mehr dazu), sondern auch Opfer. Vor allem Trockenheiten und ausbleibende Niederschläge erschweren den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln. Die Klimaveränderungen vertragen jedoch auch viele »Nutztiere« nicht gut. Erhöhter Ressourcenverbrauch, besonders von Wasser, ist die Folge. Gleichzeitig sinken die »Erträge«. Um die knapper werdenden Ressourcen konkurrieren auch Fischerei und Aquakultur-Industrie.

Wie ist der Ausblick?

Die Klimakrise bedroht die globale Ernährungssicherheit und die Existenz und Gesundheit vieler Menschen. Bereits heute sind laut IPCC 3,6 Milliarden Menschen – knapp die Hälfte der Menschheit – hochgradig gefährdet. Weltweit nehmen Hunger, Armut, Ungleichheit und Verdrängung zu. Wasser wird immer knapper.

Um die im Pariser Klimaabkommen zwischen fast allen Ländern der Welt vereinbarte 1,5-Grad-Marke nicht bereits im Laufe des 21. Jahrhunderts zu knacken, braucht es »rasche und tiefgreifende und in den meisten Fällen sofortige Senkungen der Treibhausgasemissionen in allen Sektoren« , so das IPCC. Das Zeitfenster für wirksame Maßnahmen schließt sich.

Bis zu einem gewissen Grad können sich Mensch und Natur zwar an die Erhitzung anpassen und müssen das sogar zwangsläufig. In der Land- und Forstwirtschaft hieße das z. B. widerstandsfähigere Pflanzen- und Tierarten zu nutzen oder die Größe der Tierbestände an die verfügbaren Flächen zu binden. Die richtigen Anpassungsmaßnahmen können dabei zugleich Treibhausgasemissionen verringern. Der Anpassung sind jedoch Grenzen gesetzt. Je wärmer es wird, desto mehr verstärken sich die Probleme gegenseitig.

Landwirtschaft ist einer der Haupttreiber der Klimaerhitzung

Das IPCC sieht großes Potenzial im Bereich Landwirtschaft, Forstwirtschaft und sonstige Landnutzung (agriculture, forestry and other land use, kurz AFOLU), um die Klimaerhitzung zu mindern. Der Bereich machte im Jahr 2019 allein 22 % der menschengemachten Treibhausgasemissionen aus. Das waren rund 13 Gigatonnen CO 2 -Äquivalente.

In dem Bereich ließen sich zudem große Mengen CO 2 aus der Atmosphäre entfernen und auf natürliche Weise in Böden speichern. Im Netto könnte die Menschheit durch CO 2 -Entfernung ihre Treibhausgasemissionen dadurch auf Null reduzieren. Besonders großes Potenzial sieht das IPCC daher in der Erhaltung, verbesserten Bewirtschaftung und Wiederherstellung von Wäldern und anderen Ökosystemen – insbesondere in der Verringerung der Entwaldung in tropischen Regionen. An zweiter Stelle folgt eine nachhaltigere Landwirtschaft. Wobei für das IPCC hier eine reduzierte, nachhaltige Tiernutzung, insbesondere von Weidetieren auf Grünlandflächen, dazugehört. Drittens nennt das IPCC jedoch Maßnahmen wie die Umstellung auf eine nachhaltige und gesunde Ernährung und die Verringerung von Lebensmittelverlusten und -abfällen als Möglichkeiten, Emissionen zu vermeiden.

Sich mit Klimaschutzmaßnahmen nur auf den Bereich AFOLU zu konzentrieren, würde zwar nicht ausreichen. Dafür könnten insbesondere dort Synergieeffekte z. B. zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, von Ökosystemleistungen und Existenzgrundlagen genutzt werden, betont das IPCC.

Infografik Emissionen
*Die Zahlen entsprechen den Angaben des IPCC. Durch das Runden entsteht eine Ungenauigkeit (101 % in der Summe).

Was sagt das IPCC zur Ernährung?

Als Beispiel für eine nachhaltige, klimafreundliche Ernährungsform nennt das IPCC die Planetary Health Diet. Diese beinhaltet nur noch geringe Mengen tierlicher Produkte. Bis 2050 könnte sie eine Reduktion von 29 bis 70 % der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen bewirken. Insbesondere die Reduktion des Fleischkonsums sieht das IPCC als einen der wirksamsten Faktoren.

Da Entscheidungen beim Thema Ernährung oft unbewusst getroffen werden, muss beim Systemwechsel nachgeholfen werden, so das IPCC. So können pflanzliche Produkte z. B. über den Preis und die Positionierung im Supermarktregal oder auf der Speisekarte den Menschen nähergebracht werden. Auch Subventionen für pflanzliche Lebensmittel können helfen. Lediglich über die negativen Folgen von Tierprodukten zu informieren, reiche nicht aus.

»Clean Meat« (Zellkulturfleisch) hebt das IPCC als mögliche ressourcenschonende Proteinquelle der Zukunft hervor. Für deren Produktion sind weniger Flächen und Wasser notwendig. Allerdings nennt das IPCC auch Insekten als eine Option, Ernährung klimafreundlicher zu gestalten.

Als positive Nebeneffekte einer klimaschonenden, also überwiegend pflanzlichen, Ernährung nennt das IPCC die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile einer Ernährungsumstellung: mehr Platz für gesunde Ökosysteme und weniger Tote durch Volkskrankheiten, die durch ungesunde Ernährung gefördert werden.

Infografik Planetary Diet

Ein Appell an die Menschheit

Auch wenn die Autor:innen des Berichts die sichtbaren Fortschritte im Klimaschutz und das Engagement der jüngeren Generationen (Stichwort »Fridays for Future«) optimistisch stimmen, machen sie klar, dass bisher viel zu wenig passiert. Die durch Menschen verursachten Treibhausgasemissionen sind seit 2010 in allen wichtigen Sektoren weltweit gestiegen – wenn auch weniger als im Jahrzehnt davor. Schon die Versprechungen der Regierungen sind zu unambitioniert. Die Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen müssten drei bis sechsmal höher sein. UN-Generalsekretär Antonio Guterres dazu: »Dieser Verzicht auf politisches Handeln ist kriminell.«

Als Maßnahmen gegen die Klimaerhitzung nennt das IPCC daher im Grunde nichts Neues: Neben dem Schutz der Ökosysteme und der Reduktion des Fleischkonsums z. B. klimaneutrale Energiequellen und Gebäude, emissionsfreie Fortbewegung, Energieverbrauch und Ressourcenverschwendung reduzieren, allgemein nachhaltiger wirtschaften – aber diese Ziele müssten möglichst schnell erreicht und nicht nur halbherzig verfolgt werden. Auch im Bereich AFOLU ist die die Diskrepanz zwischen notwendigen und tatsächlichen Investitionen riesig.

Wenn es so weitergeht wie bisher, rechnet das IPCC bis 2100 mit einer durchschnittlichen globalen Erhitzung um 3,2 °C. Anpassungen und Schadensregulierung werden dann teuer für die Menschheit. Investitionen in eine klimaneutrale Zukunft zwar auch, aber sie werden sich auf lange Sicht auszahlen, z. B. durch saubere Luft, mehr Biodiversität und eine gesündere Ernährung. Wir möchten ergänzen: Auch die Tiere würden profitieren.

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