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Fische (wild)

Thunfische im Meer
© richcarey – iStock

Mit ihrer ausgeprägten Lernfähigkeit und ihrem Langzeitgedächtnis gleichen Fische höheren Wirbeltieren. So gebrauchen sie etwa Werkzeuge, z. B. Steine zum Aufknacken von Muscheln. Zudem kommunizieren Fische auf vielfältige Weise, kooperieren teilweise artübergreifend, z. B. bei der Jagd oder Körperhygiene, und weisen weitere Merkmale der sozialen Intelligenz wie Täuschungsstrategien, Bestrafung oder Altruismus auf. Angesichts dieser gewachsenen Erkenntnisse erscheint die Zahl der jährlich weltweit getöteten Fische erschreckend hoch.

Überfischung

Um die gewaltige Fischnachfrage der Menschen zu decken, werden jedes Jahr weltweit etwa 90 Millionen Tonnen an Fisch und anderen Wasserbewohnern im Meer und in Binnengewässern gefangen. Nach neueren Berechnungen sind dies rund 0,97 bis 2,7 Billionen Fische. Eine aktuelle Studie hat die Fangmengen mariner Fische rekonstruiert und geht sogar von einer deutlich höheren Gesamtfangmenge aus. Außerdem beschreibt sie einen stärkeren Rückgang der Fangmengen seit 1996 – jedoch nicht wegen Rücksichtnahme auf die Rückbildung der überfischten Populationen, sondern weil sich durch die anhaltende Fischerei immer weniger Fischbestände überhaupt erholen können.

Im Jahr 2013 wurden laut den Agriculture, forestry and fishery statistics in der EU 4,8 Millionen Tonnen »Lebendgewicht« an Wildfischen gefangen; die deutsche Flotte fing davon 219.000 Tonnen (in allen weltweiten Fanggebieten; ohne Binnengewässer). Die Mehrheit der von EU-Ländern gefangenen Fische kommt aus dem Ost-Atlantik und Mittelmeer. Aus dem für die EU wichtigsten Fanggebiet, dem Nordost-Atlantik, stammt als meistgefangene Spezies mit einem Anteil von 20 % der atlantische Hering.

Laut dem Weltfischereireport der UN-Welternährungsorganisation (FAO) sind nahezu 87 % der weltweiten Fischbestände überfischt oder an der Grenze der maximalen Ausbeutung. Manche Experten schätzen die Zahl sogar höher ein. Ein Bericht der Europäischen Kommission über den aktuellen Zustand der Fischbestände verzeichnet zwar zumindest bei der Hälfte der bewerteten Bestände im Nordostatlantik, der Nordsee und der Ostsee ein nachhaltiges Fangniveau (2014; gegenüber nur 14 % im Jahr 2009). Trotzdem sieht es für andere Gegenden laut Bericht »düster« aus: Im Mittelmeer sind 93 % bzw. im Schwarzen Meer 86 % der Bestände überfischt. Für manche ist die Überfischung sogar ein lukratives Geschäft: So lagert der Konzern Mitsubishi mehrere zehntausend Tonnen tiefgefrorenen Blauflossen-Thunfisch, der auf den Weltmeeren stark bedroht ist. Dies macht den Vorrat zur Rarität und damit immer wertvoller; außerdem kann Mitsubishi so den Preis auf dem Weltmarkt mit beeinflussen.

Sollte auch weiterhin so konsumiert und gefischt werden wie bisher, dann könnten im Jahr 2050 die Ozeane leergefischt sein, schätzt die Umweltorganisation WWF.

Beifang

Von den gefangenen Meereslebewesen werden laut dem Beifang-Report des WWF jährlich 40 % als Beifang aus einer Reihe von gesetzlichen und ökonomischen Gründen nach dem Einholen »entsorgt«, d. h. zurück ins Meer geworfen. Dazu gehören pro Jahr rund 300.000 Wale und Delphine, mehrere Millionen Haie und Rochen, 250.000 Meeresschildkröten sowie andere Meerestiere und sogar rund 300.000 Seevögel, die in den Netzen hängenbleiben. Ein Großteil von ihnen verendet bereits in den Netzen, beim Einholen oder wenig später durch Fangfolgen (Verletzungen, Infektionen, Erschöpfung durch Fluchtversuche sowie Stress und Verletzungen durch Raubfischangriffe). Das Problem der Beifänge bzw. Rückwürfe entsteht vor allem durch wenig selektive Fangmethoden und den Wunsch der Fischer, nur eine gezielte (ertragreichere) Spezies oder besonders große Exemplare davon zu fangen. Die Arten oder kleinen Exemplare, die nur wenig Gewinn bringen, werden wieder zurückgeworfen.

Intelligenz und Leidensfähigkeit der Fische

Fischschwarm im Meer
© DJ – fotolia

Wie neuere Forschungsergebnisse zeigen, besitzen Fische weitreichende kognitive, d. h. das Wahrnehmen, Denken und Erkennen betreffende Fähigkeiten. Die frühere Annahme, dass sie nur festen, unabänderlichen Verhaltensweisen folgen, ist damit nachweislich überholt. In wissenschaftlichen Studien mehren sich außerdem Beweise dafür, dass Fische auch empfindungsfähige Wesen sind, die Angst, Stress und Schmerzen erleiden können. Unter Stress schießen bei Fischen, ähnlich wie beim Menschen, Puls und Blutdruck in die Höhe. Zudem steigt der Stresshormonpegel an. Ihr Schmerzsystem ähnelt sehr dem von Vögeln und Säugetieren: Sie haben über neuronale Bahnen mit dem Gehirn verbundene Schmerzrezeptoren (»Nozizeptoren«). Bei einer Stressreaktion werden, wie bei Menschen, körpereigene Schmerzmittel (endogene Opioide) zur Schmerzunterdrückung ausgeschüttet und durch von außen zugeführte Schmerzmittel (wie z. B. Morphin) lässt sich das schmerzbedingte Verhalten eliminieren. Zudem erlernen Fische bei schmerzhaften Reizen ein Verhalten, das sie langfristig den unangenehmen Reiz vermeiden lässt. Damit widerlegten die Wissenschaftler, dass Fische bloß aus Reflex auf Schmerz reagieren.

Trotz zahlreicher wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Leidensfähigkeit der Fische werden Wildfische auf eine Weise gefangen und getötet, die nicht mit dem Tierschutzgesetz und dem darin verankerten Grundsatz der schonenderen Behandlung und Schlachtung von Tieren vereinbar ist. So müssen Fische zwar laut der deutschen Tierschutz-Schlachtverordnung von 2012 vor dem Töten betäubt werden, ausgenommen sind jedoch die vorherrschenden Massenfänge, da dies »nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich wäre«.

Körperliche Leiden und Schäden bei Fischen

Schmerzen und Leiden erleben Wildfische in drei verschiedenen Phasen: dem Fang, dem Einholen und dem darauf folgenden Umgang mit den Tieren bis zu ihrem Tod. Die ersten zwei Phasen der wichtigsten Fangmethoden werden im Folgenden skizziert. Danach wird kurz auf die dritte Phase eingegangen.

Schleppnetze

Pelagische Schleppnetze sind neben Grundschleppnetzen die wichtigsten Fanggeräte in der Hochseefischerei. Sie haben die Form gigantischer, schwimmender Trichter mit bis zu 1500 Metern Länge, die mit einem Fangsack enden. Die Öffnung des Netzes ist bis zu 23.000 Quadratmeter groß, was etwa fünf Fußballfeldern entspricht. In einem Netz können bis zu 500 Tonnen Wildfisch einschließlich riesiger Mengen an Beifang gefangen werden.

Grundschleppnetze sind kleiner als pelagische Schleppnetze und werden über den Meeresboden gezogen. Damit durchpflügen sie regelrecht die dort befindlichen Ökosysteme wie Korallenriffe und zerstören wichtigen Lebensraum. Im Juni 2016 hat die EU nach jahrelangen Verhandlungen zumindest endlich den Einsatz von Grundschleppnetzen in der Tiefsee des Atlantiks verboten (ab 800 m Tiefe, gilt für EU-Gewässer bis 200 Seemeilen von der Küste). Außerdem muss nun beim Kontakt von Fischereigeräten mit Tiefseekorallen, -schwämmen und anderen empfindlichen -ökosystemen der Fang beendet werden.

Fischschwärme werden mit diesen Netzen verfolgt, bis die Tiere erschöpft und in den engeren Teil des Netzes gelangt sind. Dort gefangen, geraten die Fische in Panik und schlagen heftig mit ihren Schwänzen, wobei sie häufig sich selbst und andere Fische verletzen. Auf engem Raum zusammengetrieben, werden sie oft erdrückt oder erstickt, da sie ihre Kiemen nicht mehr bewegen können. Wenn die Netze eingeholt werden, können sich die Schwimmblasen durch den Druckabfall plötzlich ausdehnen. Das kann dazu führen, dass den Fischen die Gedärme aus Mund und Anus heraustreten. In einigen Fällen platzen die Schwimmblasen auch. Der gesamte Schleppvorgang kann viele Stunden dauern.

Kiemennetze

Kiemennetze, je nach Art der Ausbringung auch Stell- oder Treibnetze genannt, bewirken, dass Fische mit ihren Kiemen in dieser Art von Netzen hängen bleiben. Stellnetze werden, im Gegensatz zu Treibnetzen, in der Regel an beiden Enden fest verankert. Treibnetze schweben durchs Wasser und sind unbefestigt. Auch hier ist der Beifang groß: Da sich in den oft kilometerlangen Kiemennetzen auch Meeressäugetiere wie Wale, Delphine, Seehunde, aber auch Schildkröten, Vögel und andere Meerestiere verfangen, werden besonders Treibnetze von Kritikern auch »Wände des Todes« genannt.

Für die Fische sind die Netze unsichtbar, sodass sie beim Versuch, sie zu durchschwimmen, mit dem Kopf in ihren Netzmaschen stecken bleiben. Wenn sie flüchten wollen, werden sie an ihren Kiemen oder Flossen in der Masche festgehalten. Beim Versuch sich zu befreien, verheddern sich die Fische immer mehr, wodurch sie in Angst- und Panikzustände geraten. Beim Befreiungskampf können sich die Tiere an den scharfen Maschen Schnittwunden zufügen. In diesen Zuständen müssen die Tiere oftmals viele Stunden oder sogar Tage verweilen. Viele von ihnen erliegen dabei ihren Verletzungen oder ersticken aufgrund von zugeschnürten Kiemen.

Die Europäische Union will die Praxis der Treibnetzfischerei sowie das Mitführen der Netze an Bord komplett verbieten. Zwar ist der Einsatz von Treibnetzen beim Fang von weit wandernden Arten, wie z. B. dem Thunfisch, schon seit 2002 untersagt, aber durch mangelnde Kontrollen und Lücken im Gesetz ist die illegale Treibnetzfischerei immer noch weit verbreitet. Die neue Regelung soll nun solche Schlupflöcher schließen und Fische vor dieser rücksichtslosen Methode schützen. Eigentlich bereits ab Januar 2015 angedacht, befindet sich der Entwurf aktuell noch in der Diskussion. Im Juni 2016 wurde zumindest der Einsatz von Kiemen- und Stellnetzen in Regionen unterhalb von 600 Metern von der EU verboten.

Ringwadennetze

Beim Ringwaden-Fang wird ein Fischschwarm mit einem Netz umkreist, das dann zugezogen wird. Im schrumpfenden Raum werden die Fische immer dichter zusammmengedrängt, was in zunehmendem Maße Panikreaktionen verursacht und sie veranlasst, immer schneller zu schwimmen und aus dem Wasser zu springen. Dabei kollidieren sie miteinander und mit den Netzwänden, was zu Verletzungen führt. Weitere Verletzungen entstehen, wenn die Fische auf das Schiff gebracht werden: Wird das Netz an Bord gehievt, werden die unten liegenden Fische zerdrückt. Eine andere Methode ist es, die Netze im Wasser zu lassen und die Fische durch Rohre an Bord zu pumpen. Dabei kommt es häufig zu Verletzungen wie gebrochenen Flossen.

Da Thunfische häufig mit Delphingruppen schwimmen, werden in der Ringwadenfischerei manchmal gezielt letztere gefangen, um an Thunfische zu gelangen. Um Thunfisch mit Ringwaden dahingegen »delphinfreundlich« zu fangen, wird oft nicht nach Delphinen Ausschau gehalten, sondern stattdessen ausgenutzt, dass mehrere im Wasser lebende Tierarten die Tendenz haben, sich unter schwimmenden Gegenständen – die zum Thunfischfang ins Wasser geworfen werden – zu versammeln. Neben »Speisefischen« wie dem Thunfisch gehören dazu auch u. a. Schildkröten und Haie, die dann oft für delphinfreundlichen Thunfisch sterben müssen.

Langleinen

Diese Fangmethode der Industriefischerei führte in wenigen Jahren zur Überfischung von Thun- und Schwertfisch. An bis zu 100 Kilometer langen Leinen befinden sich teilweise mehrere tausend einzelne Köderhaken, an denen Fische stunden- oder tagelang hängen können, bevor die Leinen eingeholt werden. Das Aufspießen der Fische am Haken selbst verursacht Verletzungen verschiedener Art, je nachdem, wo er sich festsetzt (Lippe, Kiemen, Auge), und die ausweglose Situation löst eine Alarmreaktion aus: Die aufgespießten Fische kämpfen bis zur Erschöpfung, um sich zu befreien. Währenddessen sind sie schutzlos den Attacken von Raubtieren ausgesetzt.

Bei dieser Fangmethode werden häufig lebendige Fische als Köder aufgespießt. Diese müssen in aller Regel noch deutlich mehr leiden als die für den Verzehr bestimmten Fische, da sie zuerst unter Angst und Stress gefangen, dann häufig für Tage oder sogar Wochen unter schlechten Bedingungen gehalten und schließlich bei vollem Bewusstsein, meist durch eine halbautomatische Maschine, auf Haken aufgespießt werden.

Langleinen werden auch verwendet, um Haie zu fangen. Ihnen wird die begehrte Rückenflosse abgeschnitten, um sie danach verstümmelt zurück ins Meer zu werfen, wo sie spätestens dann sterben. An den Langleinen verfangen sich außerdem häufig viele andere Meeresgeschöpfe. Besonders häufig unter den Beifangopfern sind Schildkröten und Seevögel. Dazu zählen auch einige vom Aussterben bedrohte Arten.

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