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Transfarmation: Wege aus der Tierhaltung

Landstraße beim Sonnenuntergang
© Werner Sevenster – unsplash

Es gibt viele Gründe für einen landwirtschaftlichen Betrieb, mit der Tierhaltung aufzuhören – vom Hadern mit der Tiernutzung an sich bis hin zu wirtschaftlichen Unwägbarkeiten. Damit das für die Landwirt:innen kein Scheitern, sondern der Anfang von etwas Besserem wird, gibt es inzwischen einige Beratungsangebote sowie erfolgreiche Beispiele aus der Praxis, von denen sich lernen lässt.

Wer hilft und welche Möglichkeiten gibt es?

Unterstützung bei der Suche nach Perspektiven und beim Umstellungsprozess finden ausstiegswillige Tierhalter:innen bei Unternehmen, NGOs und Kolleg:innen. Das professionelle Beratungsangebot ist dabei noch überschaubar. Jedoch gehen immer mehr Landwirt:innen, die eine Umstellung wagen oder bereits hinter sich haben, an die Öffentlichkeit, vernetzen sich und helfen anderen.

Die Alternativen sind dabei vielfältig, angefangen beim Pflanzenanbau bis hin zur eigenen Produktion von Käsealternativen, touristischen Angeboten oder gar Lebenshöfen. Je nachdem können weitere Ansprechpersonen sinnvoll sein. Landwirt:innen, die z. B. bereits wissen, dass sie zukünftig tierfrei Pflanzen anbauen möchten, finden in Deutschland umfassendes Fachwissen beim Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau.

Aus eigener Erfahrung: Rancher Advocacy Program (USA)

Besonders ehemalige Landwirt:innen, die aus ethischer Überzeugung die Tierhaltung eingestellt haben, sind gerne bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. So auch Renee King-Sonnen, Gründerin der Rowdy Girl Sanctuary in Texas. Sie krempelte die ehemalige Rinder-Ranch ihres Mannes Tommy um und machte einen Lebenshof daraus. Mit dem Rancher Advocacy Programm unterstützt Renee seit 2018 auch andere beim Ausstieg aus der Tierhaltung mit Rat und Kontakten.

TransFARMation auf schweizerisch: Hof Narr

Ähnlich wie Renee King-Sonnen haben auch Sarah und Georg Heiligtag eigene Erfahrungen mit der Umstellung eines tierhaltenden Betriebs gesammelt. Sie übernahmen 2013 einen Hof bereits mit dem Ziel, ihn – aus ethischen und ökologischen Motiven – in einen Lebenshof mit Gemüseanbau umzuwandeln. Ihren Hof haben sie Hof Narr getauft. In Zusammenarbeit mit der Stiftung NEB Tierschutz bieten die Heiligtags heute auch Beratung bei der TransFARMation von anderen Betrieben an. Sarah Heiligtag gab 2021 in einem Interview an, dass sie seit 2017 rund 55 Höfen bei der Umstellung habe helfen können. Derzeit beschäftigt sich Hof Narr mit der Frage, wie auch in Deutschland ein Angebot geschaffen werden kann.

Eine »Transfarmation«, die Hof Narr begleitet, ist die des Lebenshofs Aurelio. Der SRF hat die Besitzer:innen Beat und Claudia Troxler sowie den Hof Narr 2020 für eine Reportage besucht (schweizerdeutsch mit dt. UT). Die Toxlers arbeite(te)n auch mit Refarm’d zusammen (siehe unten).

Begleitung zur Veganen Landwirtschaft e.V. (D)

Beim Verein Begleitung zur Veganen Landwirtschaft (BeVeLa) aus Deutschland ist der Name ebenfalls Programm. Ob der Ausgangspunkt ein Betrieb mit eigener Tierhaltung ist, ist dabei nicht entscheidend. Für BeVeLa steht das Ergebnis im Fokus: gänzlich tierfreies und nachhaltiges Wirtschaften. Das Team arbeitet mit Sarah Heiligtag und FFSFF (siehe unten) zusammen und berät seit 2020 interessierte Landwirt:innen zu passenden Alternativen für ihren Betrieb, vermittelt Expert:innen, z. B. vom Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau, und unterstützt bei der Umstellung.

Ein von BeVeLa begleiteter Hof ist die Krachmacher Mühle in Franken, ein ehemaliger Schweinemastbetrieb. Heute ist die Krachmacher Mühle ein Lebenshof. Aktuell entsteht zudem ein Konzept für veganen Pflanzenanbau. Auch ein kleines Museum mit Gegenständen aus der konventionellen Tierhaltung gibt es.

Farmers For Stock-Free Farming und Northwood Farm (UK)

Farmers For Stock-Free Farming (FFSFF) bezeichnet sich selbst als Netzwerk mit dem Ziel, Landwirt:innen beim Ausstieg aus der Tierhaltung zu inspirieren und zu unterstützen. FFSFF wurde 2020 in Schottland gegründet. Das Beratungsteam schlägt eine breite Vielfalt alternativer Nutzungskonzepte für Gebäude und Land der ehemaligen Tierhaltungsbetriebe vor, z. B. als Lager, für Sport und Tourismus oder für Veranstaltungen. Dabei ermuntert FFSFF Landwirt:innen stets auch, natürliche Ökosysteme auf ihrem Land wiederherzustellen. FFSFF ist zudem der offizielle Ansprechpartner für den biozyklisch-veganen Anbau im Vereinigten Königreich.

Laurence Candy stellte seinen Milch- und Rindermastbetrieb, die Northwood Farm, ab 2019 erst auf biologische und später auf vegane Landwirtschaft um. FFSFF half ihm 2021, um konkrete Fragen zum veganen Anbau zu klären.

»Transfarmation« von Mercy for Animals (USA): Hühnerställe zu Hanfplantagen

Die US-amerikanische Tierschutzorganisation Mercy for Animals (MFA) hat ein spezialisiertes Angebot: Sie unterstützt seit 2019 insbesondere Hühnermastbetriebe beim Umstieg auf den Pflanzenanbau. Das Projekt heißt Transfarmation. Das Team berät die teilnehmenden Landwirt:innen bei der Umstellung und vernetzt sie mit weiterverarbeitenden Unternehmen. Die alten Hühnerställe werden dabei wiederverwendet – zum Anbau von Hanf, Pilzen und allem, das in Hydrokulturen wächst.

Der ehemalige Hühnermäster Mike Weaver hat den Umstieg auf den Hanfanbau erfolgreich vorgemacht, nachdem er 2016 von der Mastindustrie endgültig die Nase voll hatte. Heute verdient Mike Weaver mit CBD-Öl deutlich mehr als früher, wie er in einer Dokumentation (englisch) von MFA verrät.

Farm Transformers von Blue Horizon (USA)

Auch andere NGOs haben Ausstiegs-Projekte gestartet. Farm Transformers heißt es bei der Stiftung Blue Horizon. Diese wurde 2016 in den USA mit dem Ziel gegründet, die globale Lebensmittelproduktion tierfrei zu gestalten. Im Zuge dessen entwickelte sich auch das Projekt Farm Transformers, mit dem Blue Horizon Expert:innen und Landwirt:innen, die ihre Betriebe umgewandelt haben oder noch dabei sind, vernetzen möchte. Auch konkrete Unterstützung, z. B. bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, soll möglich sein.

»Grow Green« der Vegan Society und die Bradley Nook Farm (UK)

Die englische Vegan Society unterstützt mit ihrer Kampagne Grow Green die Agrarwende hin zu einer pflanzlichen Landwirtschaft durch Aufklärungs- und politische Lobbyarbeit. Sie sucht jedoch auch den Kontakt zu Landwirt:innen, die aus der Tierhaltung aussteigen oder auf vegane Landwirtschaft umstellen möchten.

Im Jahr 2009 rief Jay Wilde bei der Vegan Society an, weil er mit dem Rindermastbetrieb seines Vaters extrem unglücklich war. Jay und seine Frau Katja stellten die Bradley Nook Farm daraufhin auf vegane Landwirtschaft um. Den Beginn ihres Wegs begleitet der preisgekrönte Kurzfilm »73 Cows« (englisch). Die Bradley Nook Farm arbeitet(e) auch mit Refarm’d (siehe unten) zusammen.

Refarm’d (UK), Oatly (SWE) und Hälsa (USA): Pflanzenmilch-Expert:innen

Das 2019 gegründete Unternehmen Refarm’d aus England bietet ein speziell auf Milchbetriebe zugeschnittenes Angebot an. Das Ziel: Sie auf die Herstellung von Pflanzenmilch oder pflanzlichen Milchprodukten umzustellen und einen Lebenshof für die ehemaligen »Milchkühe« daraus zu machen. Refarm’d unterstützt die Landwirt:innen z. B. mit Kontakten zu Zulieferern, Ausrüstung, Rezepten und Schulungen und sucht potenzielle Abnehmer:innen für die Produkte. Der Vertrieb soll dabei umweltfreundlich, regional und direkt zwischen Farm und Kund:in erfolgen.

Laut Refarm’d-Website ist die Hafermilchproduktion derzeit aufgrund von Umstrukturierungen pausiert. Das Unternehmen hat jedoch mit PlantBlend inzwischen auch ein Beratungsangebot für die Weiterentwicklung von pflanzlichen Milch- und Milchproduktalternativen gestartet. Es richtet sich an kleine und mittlere Betriebe.

Wenn man im Heimatland eines großen Hafermilchherstellers wie Oatly lebt, kann es sich auch lohnen, diesen direkt anzufragen. Das tat 2015 der schwedische Landwirt Adam Arnesson und machte aus seinem Kuhmilchbetrieb mit Oatlys Unterstützung einen Hafermilchbetrieb. Nach dem ersten Jahr analysierten Forscher:innen der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften seine Produktion und kamen zu dem Ergebnis, dass er nun pro Hektar doppelt so viele Kalorien für den menschlichen Verzehr produziere und die Klimaauswirkungen pro Kalorie halbiert habe.

Der skandinavische Haferjoghurt-Hersteller Hälsa, der aktuell seine Marktpräsenz in den USA ausbaut, hat 2020 sogar ein eigenes Programm gestartet, um Haferanbau nach skandinavischem Vorbild in Nordamerika zu fördern. Das Unternehmen verfolgt dabei ganz pragmatische Ziele: Es hat hohe Standards für die Natürlich- und Nachhaltigkeit seiner Rohstoffe, auch in Bezug auf den Anbau. Haferanbau, der diesen Ansprüchen genügt, gibt es bislang in den USA zu wenig. Hälsa hat daher ein Netzwerk aus skandinavischen Bio-Landwirt:innen, Forschenden und Umweltexpert:innen ins Leben gerufen, um US-amerikanischen Landwirt:innen bei der Umstellung von Rinderhaltung auf Bio-Haferanbau zu helfen.

So geht es auch: finanzielle Hilfe vom niederländischen Staat

Die Niederlande gehören zu den größten Agrarproduzenten der Welt und haben die höchste Dichte an »Nutztieren« in Europa. Die Gülle-Massen sind für das Land jedoch zu einem Problem geworden. Um Umweltschäden und Klimaerhitzung zu verringern, gibt es daher ganz offiziell staatliche Ausstiegsprämien für tierhaltende Landwirt:innen.

Dafür stellt die niederländische Regierung seit einigen Jahren immer wieder Millionenbeträge bereit. Besonders Landwirt:innen, deren Betriebe als besonders umweltschädlich eingeschätzt werden, soll der Ausstieg aus der Tierhaltung erleichtert werden – teils mit überwältigendem Zuspruch.

Im aktuellen Koalitionsvertrag sind nun sogar 25 Milliarden Euro für die Transformation der Landwirtschaft vorgesehen. Ziel ist es, die Tierzahlen im Land um ein Drittel zu reduzieren. Eine Förderung kann dabei für den Ausstieg aus der Landwirtschaft, den Umzug des Betriebs in eine weniger belastete Region oder den Umstieg auf extensive Methoden gewährt werden. Die Teilnahme ist derzeit freiwillig.

Mehr Unterstützung von Politik, Handel und Verbraucher:innen, bitte!

Die oben genannten Beispiele aus der Praxis zeigen, dass das Interesse an Wegen aus der Tierhaltung bei den Landwirt:innen da ist. Insbesondere jüngere Generationen sind oft nicht mehr bereit, Lebensmittelproduktion auf Kosten der Tiere zu betreiben oder sich den harten Bedingungen der Branche auszusetzen. Die Nachfrage nach Tierprodukten sinkt und aktuelle Krisen zeigen, dass eine regionale und nachhaltige Versorgung mit pflanzlichen Grundnahrungsmitteln nicht vernachlässigt werden darf. Aus ethischen und ökologischen Gründen ist die Reduktion der Tierzahlen sowieso zwingend erforderlich. In der Zukunft werden voraussichtlich immer mehr Betriebe darüber nachdenken, ihre Tierhaltung zu beenden. Bei Sarah Heiligtag vom Hof Narr melden sich heute schon »pro Woche zwei bis fünf Bauern oder Bäuerinnen«.

Viele Landwirt:innen, speziell solche mit kleineren Betrieben, scheuen unter den aktuellen politischen und ökonomischen Bedingungen jedoch das finanzielle Risiko einer Umstellung. Unter anderem auch, weil Verbraucher:innen meist doch noch zum billigen Tierprodukt greifen. Die Politik muss daher europaweit Perspektiven bieten und lenken, z. B. durch die Förderung pflanzlicher Lebensmittel, sowie Anreize für einen Ausstieg aus der Tierhaltung schaffen. Wie das aussehen kann, zeigen die Niederlande.

Auch Produzent:innen und Handel können Landwirt:innen durch Abnahmegarantien und langfristige Verträge Sicherheit bieten. Außerdem können Lebensmitteleinzelhandel, Hersteller und Landwirtschaft gemeinsam daran arbeiten, dass pflanzliche Alternativen günstiger werden als Tierprodukte, meint Padraig Elsner, Public Relations Manager beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV), in einer Befragung von ProVeg International. Das würde das Einkaufsverhalten der Verbraucher:innen ändern und somit mehr Landwirt:innen zur Umstellung bewegen.

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