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Schlachthöfe: Verstöße an der Tagesordnung

Fleischerhaken
© alex_photos – fotolia

Kein Tier möchte sterben. Für Fleisch, Eier und Milch töten wir trotzdem jährlich Millionen. Wie es hinter den verschlossenen Türen der Schlachthöfe zugeht, zeigen immer wieder Undercover-Recherchen von Tierschutzorganisationen.

Soko Tierschutz, das Deutsche Tierschutzbüro und Animal Rights Watch (ARIWA) veröffentlichten in den vergangenen Monaten verstörende Videoaufnahmen aus fünf Schlachtbetrieben. Sie zeigen: Ein brutaler und gesetzeswidriger Umgang mit den Tieren gehört in jedem einzelnen von ihnen zum Alltag.

Der Umgang mit »ausrangierten Milchkühen«

Besonders hart trifft es kranke und verletzte Kühe, die die Milchindustrie aussortiert hat. Größere Schlachthöfe lehnen diese Tiere meist ab, da sie eigentlich nicht mehr transportfähig sind. Kleine Schlachthöfe, die die Tiere trotzdem annehmen, machen durch den geringen Einkaufspreis Gewinn.

Zwei solcher Betriebe beobachtete die Soko Tierschutz im Oktober: die Landmetzgerei Matthias Blohm in Schönhausen (Sachsen-Anhalt) und den Betrieb der Vieh und Fleisch Karl Temme GmbH in Bad Iburg (Niedersachsen). Schonend ging man dort nicht mit den Tieren um. Aus Schönhausen liegen 16 Tage und aus Bad Iburg rund 30 Tage Filmmaterial vor – darauf ist erschreckend oft zu sehen, wie schwache und verletzte Tiere mit Seilwinden aus den Transportanhängern gezogen werden.

Außerdem wurden viele Kühe mit Elektrotreibern an empfindlichen Körperstellen, z. B. im Gesicht, am Euter oder am After, traktiert. Auch dann, wenn ihnen der Weg versperrt war. Kälber wurden vom Anhänger geworfen. Ein Tier stand über Nacht unversorgt mit Beinfesseln in einem Gatter. Dies alles verbietet die EU-Schlachtverordnung. Viele Kühe, die in den Betrieben angeliefert wurden, waren abgemagert und durch den groben Umgang deutlich verängstigt, teils panisch.

Bio-Sterben und der »Metzger nebenan«

Auch wenn die zwei vorab genannten Betriebe zu den kleineren gehören: Die Größe eines Schlachthofs, eine Bio-Zertifizierung oder regionale Produktionsketten lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wie die Tiere behandelt werden. Das zeigen die Aufnahmen des Deutschen Tierschutzbüros aus einem großen Oldenburger Rinderschlachthof und einem Schweineschlachthof in Laatzen (Niedersachsen) sowie die von ARIWA aus einem kleinen Schlachthof in Hakenberg (Brandenburg).

In allen drei bio-zertifizierten Betrieben konnten die TierschützerInnen beobachten, wie Tiere misshandelt wurden. Die EU-Ökoverordnung schreibt, so wie das Tierschutzgesetz und die EU-Schlachtverordnung eigentlich vor, dass Leiden bei der Schlachtung vermieden werden sollen. Vorgaben, nach denen die Schlachtung von Tieren aus biologischer Haltung anders abläuft, als bei konventionell gehaltenen Tieren, gibt es nicht.

Der Oldenburger Schlachthof der Standard-Fleisch GmbH & Co. KG ist einer der größten Rinderschlachthöfe Deutschlands. 90.000 Tiere sterben dort nach eigenen Angaben jährlich. Rund 600 Stunden Videomaterial liegen aus diesem Betrieb vor. In den Videos sind immer wieder Rinder zu sehen, die nach dem Bolzenschuss noch bei Bewusstsein sind und denen trotzdem die Kehle aufgeschnitten wird. Unfassbar sind Szenen, in denen der Kopf einer Kuh im Tor der Tötungsbox eingeklemmt wird, um einen erneuten Bolzenschuss zu setzen, oder an den Beinen aufgehängte Rinder um Luft ringen, da sie, während sie entbluten, wieder zu Bewusstsein kommen.

In dem Betrieb der Hakenberger Fleisch GmbH gab es nur zwei Schlachttage pro Woche, an denen je etwa ein Dutzend Rinder oder Schafe getötet wurden. Doch auch die sehr geringe Anzahl von Schlachtungen garantiert keinen reibungslosen Ablauf: Die Betäubung wurde an den Beobachtungstagen nie vorschriftsmäßig durchgeführt. Die Arbeiter setzten das Bolzenschussgerät stets mehrmals an und führten häufig auch den Kehlschnitt falsch durch. Viele Tiere verendeten qualvoll.

Verbesserungswürdiges Kontrollsystem

Die Aufnahmen legen nahe, dass Tierqual in deutschen Schlachthöfen an der Tagesordnung ist. Möglich scheint das auch, weil einige Veterinärämter wegsehen: Gegen den großen Oldenburger Rinderschlachthof gab es bereits anonyme Anzeigen, ohne dass etwas passierte. Auf den Aufnahmen des Tierschutzbüros ist ein behördlicher Kontrolleur anwesend, der sogar selbst zum Schlachtermesser greift.

Gegen Jens Winter, den Geschäftsführer der kleinen Hakenberger Fleisch GmbH, war bereits im März wegen Korruption ermittelt worden. Er hatte den zuständigen Amtsveterinär regelmäßig zum Essen eingeladen. Das Veterinäramt in Stendal, das für den Schönhauser Schlachthof für ausgediente Milchkühe verantwortlich ist, stand bereits wegen seiner Untätigkeit in anderen Fällen in der Kritik. Der Amtsleiter trat einige Zeit später zurück.

Drei Schlachthöfe stillgelegt, einer davon endgültig

Die vorläufigen Konsequenzen der Enthüllungen fallen sehr unterschiedlich aus: Der Schlachtbetrieb für kranke Milchkühe in Bad Iburg wird aufgelöst. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen den Betreiber und zwei Tierärzte.

Unklar ist, wie es mit den Betrieben in Schönhausen und Hakenberg weitergeht. Ersteren legten die Behörden vorerst still. Laut Kreisverwaltung könnte das Schlachten unter zusätzlichen Tierschutz- und Hygieneauflagen jedoch weitergehen. Auch Jens Winter hat die Schlachtungen wohl nur vorübergehend ausgelagert. Sein Hakenberger Betrieb verarbeitet weiterhin Fleisch. Er und das zuständige Veterinäramt sehen die Schuld vor allem bei den Angestellten.

Weiter geht es im Oldenburger Schlachthof, für den sich ein neuer Betreiber gefunden hat. Dieser will auf freiwillige Videoüberwachung setzen. Die Leine-Fleisch GmbH, die für den Laatzener Schweineschlachthof verantwortlich ist, will ihren Schlachtablauf weiter optimieren. Lediglich das Bio-Siegel wurde dem Betrieb entzogen.

Unser Fazit

Die Erkenntnisse aus den Recherchen der Tierschutzorganisationen sind so erschreckend wie offensichtlich: Es scheint kaum einen Unterschied zu machen, in welchem Schlachthof Tiere getötet werden oder wie sie zuvor gelebt haben. Fehler und bewusste Tierschutzverstöße scheinen die Regel, nicht die Ausnahme zu sein. Viele Tiere leiden dabei unermesslich. Es gibt keine Garantie dafür, dass das Tier, von dem das Fleisch auf dem Teller oder die Milch im Kaffee stammt, schnell und schmerzlos gestorben ist.

Den SchlachthofarbeiterInnen die alleinige Schuld zu geben, ist allerdings zu kurz gedacht. Sie erledigen die Arbeit, die sonst niemand tun möchte, und werden oft selbst miserabel behandelt. Viele sehen jedoch keine bessere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Das Töten von Tieren hinterfragen sie nicht, denn es ist gesellschaftlich legitimiert und wird zur Routine. ArbeiterInnen, die sowohl ihr Einkommen als auch ihr psychisches Wohlergehen behalten wollen, können sich Empathie mit den Tieren dabei kaum leisten, so PsychologInnen.

Die Veterinärbehörden stärker in die Pflicht zu nehmen und die Kontrollmaßnahmen in den Schlachthöfen zu verschärfen, zum Beispiel durch Videoüberwachung, kann nur ein erster Schritt sein, um das schlimmste Tierleid zu verhindern. Zusätzlich muss die Branche aufhören, Produktions- und Lohnkosten zu drücken – das bedeutet, dass Fleisch teurer werden muss.

Die einzige konsequente Möglichkeit jedoch, Tiere nicht für die menschliche Ernährung sterben zu lassen, ist es, Tierprodukte zu meiden. Jeder einzelne Mensch kann dabei seinen Teil zu einem gesellschaftlichen Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses beitragen. Mit unserer Vegan Taste Week zeigen wir, dass pflanzliche Speisen lecker, gesund und vielfältig sind.

(jw)

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