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25.6.: Anfang vom Ende der Massentierhaltung

Mahi Klosterhalfen
Mahi Klosterhalfen. Foto: Timo Stammberger

Einen Tierschutz-Gedenktag habe ich noch nie in meinen Kalender eingetragen – bis gestern. Jetzt ist dort der 25. Juni 2021 als Anfang vom Ende der Massentierhaltung verewigt.

Bevor ich diesen Tag beschreibe, hier einige Hintergrundinformationen: Seit vielen Jahren liegt der Schwerpunkt der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt darauf, über die Lebensmittelwirtschaft Fortschritte für die sogenannten Nutztiere auszuhandeln und zu erkämpfen. Hinter dieser Strategie steckt die Beobachtung, dass die Politik im Tierschutz ihrem gestalterischen Auftrag nicht nachkommt und aufgrund der vorhandenen Strukturen auch so schnell nicht nachkommen kann (die Agrarlobby hat z. B. massiven Einfluss auf die Bundesregierung und das Bundeslandwirtschaftsministerium – u. a. durch etliche Mandate und Ämter, wogegen Tierschutzorganisationen von Außen kaum ankommen können). Als besonders wirkungsvollen Hebel hatte schon unser Gründer, Wolfgang Schindler, die Großabnehmer von Tierprodukten identifiziert, die ihren Lieferanten Vorgaben machen können.

Seitdem haben wir über die Wirtschaft viel bewegt: Dass die Supermarktketten und später fast die gesamte Lebensmittelwirtschaft auf den Verkauf und die Verwendung von Käfigeiern verzichtet haben, geht weitestgehend auf unsere Arbeit zurück. Auch der Ausstieg aus dem Schnabelkürzen bei Legehennen und spätere Verbesserungen in der Aufzucht der Hennen gehen im Wesentlichen auf unsere Initiative zurück. Und seit einigen Jahren setzen wir uns erfolgreich für Verbesserungen in der Hühnermast ein.

Uns immer in einem Thema festzubeißen, kann anstrengend für unser Team sein und macht uns sicherlich nicht für Spender:innen attraktiv, die Abwechslung und Action sehen wollen, doch unser Fokus auf Wirkung geht immer vor. Ich bezeichne in diesem Zusammenhang die Massentierhaltung manchmal als Maschine, die wir auseinanderbauen, was aber nur dann gelingen kann, wenn wir ein Teil nach dem anderen abbauen und verschrotten. Denn wenn wir immer nur einzelne Schrauben lösen, dann dreht die Agrarindustrie sie wieder fest, während wir an anderen Stellen weiter schrauben. Gestern ist endlich mal ein großer Teil von dieser Maschine abgefallen.

Der 25. Juni 2021

Los ging alles mit einer Mail von Aldi, die uns am Vorabend erreichte: »Wir werden morgen mit einem großen Thema an die Öffentlichkeit gehen und würden uns gern mit Ihnen dazu morgen früh austauschen«, hieß es darin. Kurz vor dem Meeting kam eine weitere E-Mail mit Sperrfrist, in der schon alle wesentlichen Informationen enthalten waren: Aldi Nord und Aldi Süd steigen bis 2030 für Masthühner, Schweine, Puten und Rinder aus den »Haltungsform«-Stufen 1 und 2 aus. Stufe 3 wird der neue Mindeststandard.

Zum Kontext: Das »Haltungsform«-System besteht aus vier Stufen. Stufe 1 ist das gesetzliche Minimum, Stufe 2 ist vor allem die »Initiative Tierwohl«, in der es im Wesentlichen um 10 % mehr Platz und ein paar wenige Verbesserungen im Detail geht. Wir und viele anderen NGOs haben vielfach darauf hingewiesen, dass das kein »Tierwohl« ist, sondern großes Tierleid so nur ein kleines bisschen gelindert wird. Stufe 3 schreibt u. a. deutlich mehr Platz, Beschäftigungsmaterial und Zugang zu Außenklima vor. Die Einstiegsstufe des Labels des Deutschen Tierschutzbunds ist hier z. B. verortet. In Stufe 4 herrscht etwas Chaos, denn hier finden sich sowohl alle Bio-Siegel wieder (oft sehr schwache Tierschutzstandards) als auch die Premiumstufe des Deutschen Tierschutzbunds. Mit der Abkehr von den Stufen 1 und 2 hat Aldi also entschieden, Billigfleisch aus den Regalen zu nehmen. Aldi spricht hier zu Recht von einem #Haltungswechsel, der sich sowohl auf die Haltung des Unternehmens als auch auf die Haltung der Tiere bezieht.

Im Meeting haben wir einige Details geklärt und Aldi zu dieser Entscheidung beglückwünscht. Gleich darauf ging es damit weiter, Zitate für Medienanfragen bereitzustellen. Danach ging es in die Strategiefindung: Was fordern wir jetzt von den anderen Supermarktketten und in welchem Tonfall? Wo liegen jetzt die Chancen (alle machen mit) und wo die Risiken (alle anderen blocken ab und der Vorstoß von Aldi scheitert womöglich)? Mit mehr Fragen als Antworten im Kopf, beschloss ich, meinen Schreibtisch zu verlassen und zum Nachdenken einen Spaziergang durch den Wald zu machen.

Dort hatte ich folgende Erkenntnisse: Von unserem zuvor starken Fokus auf Masthühner können wir uns ein Stück weit lösen, denn wir haben die Chance für alle »Haupttierarten« (Schwein, Huhn, Rind und Pute machen bei Aldi mehr als 90 % des Umsatzes mit Fleisch aus) Bewegung in die Sache zu bekommen. Zudem wurde mir klar, dass der nächste Schritt über Rewe laufen sollte, da ich Lionel Souque, dem Vorstandsvorsitzenden der Rewe Group, einige Wochen zuvor ein Dialogangebot zu unserer Masthuhn-Kampagne gemacht hatte, er darauf eingegangen war und mir seine Handynummer mit den Worten gab, ihn bei wichtigen Anliegen jederzeit und ohne Terminvereinbarung anrufen zu können. Was könnte wichtiger sein als die Verkündung von Aldi und die potenzielle Rolle von Rewe, durch ein Mitziehen die Chance drastisch zu erhöhen, dass sich auch die anderen Handelshäuser anschließen? Ich war baff, als Lionel Souque sinngemäß sagte: »Ja, das machen wir auch. Ich dachte, wir hätten das auch schon kommuniziert, aber das kommt dann wohl bald«.

Nach einem internen Austausch mit Freude und Verwunderung ging ich zurück in mein Home-Office und überlegte, wie es jetzt weitergehen könnte. Von den größten Einzelhändlern fehlten jetzt nur noch die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) sowie die Edeka-Gruppe (Edeka und Netto Marken-Discount). Ein Brief an die beiden Top-Entscheider erschien mir hier als Mittel der Wahl. Bevor ich mich daran setzen konnte, schrieb ich ein Update für unser Team und eins für die internationale Bewegung. Außerdem hatte ich ein Meeting mit einem Vorstandskollegen, dem ich versprach, ihm einen Artikel über die aktuellen Entwicklungen zuzusenden. Nach dem Meeting zeigte mir Google eine Überschrift an, aus der hervorging, dass sich Edeka in der Zwischenzeit auch angeschlossen hatte, wenn auch noch ohne Jahreszahl. Ich gehe davon aus, dass das für die ganze Edeka-Gruppe gilt. Wenig später fand ich einen Artikel, aus dem hervorging, dass auch Kaufland mit an Bord ist – auch hier ist davon auszugehen, dass die Entscheidung für die Gruppe, also auch für Lidl, gilt. (Nachtrag: Die Aussage von Kaufland ist bislang noch nicht so klar wie im Artikel angeteasert wurde.)

Zusammengefasst haben am 25. Juni 2021 fast alle großen Lebensmitteleinzelhändler beschlossen, zukünftig kein Billigfleisch mehr zu verkaufen. Das wird einen massiven Umbau der Tierhaltung in Deutschland nach sich ziehen. 2030 als Zieljahr ist daher ambitionierter als es auf den ersten Blick erscheint.

Jetzt kommt der Politik eine Rolle zu, die sie m. E. tatsächlich erfüllen kann: Nachdem die Wirtschaft Fakten geschaffen hat, kann die Politik Regularien erstellen, den Weg für Umbaugenehmigungen ebnen und Subventionen bereitstellen.

Am 25. Juni hätten wir auch frei machen können

So wichtig unsere Rolle war, Verbesserungen in der »Nutztierhaltung« in die Wege zu leiten (so scheint auch Aldis Teilnahme an der Europäischen Masthuhn-Initiative ein wichtiger Schritt gewesen zu sein, um zu neuen, noch weiter reichenden Entscheidungen zu kommen): Am 25. Juni waren wir vor allem Beobachter:innen. Schon während meines Waldspaziergangs kam mir ein Bild dazu: Wir haben wesentlich dazu beigetragen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und ihn auf einen Berg zu schieben. Jetzt rollt der Karren den Berg auf der anderen Seite herunter und vieles passiert ohne unser Zutun. Die Erlebnisse des Tages möchte ich trotzdem nicht missen.

Worauf es jetzt ankommt

Die »Haltungsform«-Stufen 3 und 4 sind noch lückenhaft. Beispielsweise gibt es nur Kriterien zur Schweinemast, nicht aber zu den sogenannten Zuchtsauen sowie zur Aufzucht von Ferkeln. Auch das Thema Qualzucht wird bislang nur rudimentär für Masthühner und Puten sowie gar nicht für Schweine und Rinder abgedeckt. Auch ein Ende der Verstümmelungen (Abtrennen von Ringelschwänzen, Schnabelspitzen etc.) fehlt noch. Zudem müssen die Tierschutzstandards im Bio-Bereich deutlich angehoben werden, um von einem Industrie-Bio zu einem besseren Bio zu kommen. Um diese und andere Themen werden Wirtschaft, Politik und NGOs heftig ringen müssen, damit es zu einem weitreichenden Umbau der »Nutztierhaltung« kommt. Der Anfang dafür wurde gestern eindrücklich gemacht!

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