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Wir haben es satt! Ein Kongressrückblick

Konstantinos Tsilimekis auf dem Wir-haben-es-satt-Kongress
© Anne Bohl
Vom 2. bis zum 5. Oktober 2014 fand in Berlin der erste Wir-haben-es-satt-Kongress statt. Über 400 TeilnehmerInnen diskutierten hier im Rahmen von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Arbeitsgruppen die Gegenwart und Zukunft der landwirtschaftlichen Produktion. Wir waren mit drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus unserem Wissenschaftsressort vor Ort – und haben viele gute Eindrücke aus der Veranstaltung mitgenommen.

Vorträge und Arbeitsgruppen

Nach einigen ersten Kurzvorträgen bei der Kongresseröffnung am Donnerstagabend und weiteren Vorträgen am folgenden Morgen ging es spätestens ab Freitagnachmittag gänzlich in die Vollen: In insgesamt 22 Arbeitsgruppen wurden diverse Themen aus dem politischen wie auch landwirtschaftlich praktischen Bereich gemeinsam bearbeitet. Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wurden auf Plakaten festgehalten, die später von allen Kongressteilnehmern eingesehen werden konnten. Wir haben uns in die Gruppen »Spannungsfeld Tierhaltung «, »Aquakultur« und »Vegane Landwirtschaft« eingebracht. Letztere war sehr gut besucht und wurde von Daniel Mettke und Anja Bonzheim vom Biologisch-Veganen Netzwerk für Landwirtschaft und Gartenbau (BVN) kompetent und kreativ geleitet.

Podiumsdiskussion: Rolle der Tiere in der Landwirtschaft?

Weiter ging es am Freitagabend mit einer Podiumsdiskussion zum Thema »Zwischen artgerecht und vegan – welche Rolle spielen Tiere in einer bäuerlich-ökologischeren Landwirtschaft?«, das von verschiedenen Seiten aus kontrovers, auch mal mit Unmut, oft aber auch mit Blick nach vorn diskutiert wurde. Neben einem Food-Aktivisten und jeweils einer Vertreterin vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e. V. (BDM) und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) war auch der Leiter unseres Wissenschaftsressorts, Konstantinos Tsilimekis, als Diskutant mit dabei:

Er wies u. a. auf die grundsätzlichen Möglichkeiten einer bio-veganen, d. h. vor allem »nutztierlosen« Landwirtschaft hin und regte mehrfach dazu an, innerhalb der Bewegung Wir-haben-es-satt (WHES) zukünftig noch stärker gemeinsam für eine pflanzliche(re) Produktion und Ernährung einzutreten. Als Zwischenkommentator trat mitunter noch Erasmus Müller von der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch e.V. (ARIWA) auf die Bühne, der entschieden dazu aufforderte, das Thema Tierrechte stärker als bisher in der WHES-Bewegung zu berücksichtigen. Vorab nicht als Diskutant eingeplant, wurde außerdem noch Daniel Mettke vom BVN mit dazu geholt, der spontan einige fachspezifischere Fragen des Publikums zur bio-veganen Landwirtschaft beantwortete.

WHES-Forderungen und agrarpolitischer Talk

Der Samstag stand ganz im Zeichen einer gemeinsamen Diskussion der grundsätzlichen Forderungen der WHES-Bewegung. Mit einleitenden Vorträgen und einem Großgruppen-Arbeitsformat, das den gegenseitigen Austausch stark beförderte, konnten Forderungen wie »Recht auf Nahrung weltweit!«, »Gesundes und bezahlbares Essen für alle!« »Artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotika-Missbrauch!« oder »Zugang zu Land!« intensiv in den Blick genommen und inhaltlich erweitert und/oder geschärft werden.

Einige der Ergebnisse vom Samstag dienten schließlich als Grundlage für einen agrarpolitischen Sonntags-Talk mit drei Vertretern und einer Vertreterin verschiedener Parteien (SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linken, CDU). Wenngleich dieser Talk letztlich wenig Erhellendes abseits bekannter Plattitüden oder ausschweifender Antworten brachte, so muss doch zumindest die hervorragende Moderation der Journalistin und Autorin Tanja Busse hervorgehoben werden, die mit viel Sachkenntnis und Charme nachhakte und erhaltene Antworten oft noch einmal pointiert auf den Punkt brachte. Als positiv kann zudem sicherlich gelten, dass die eingeladenen Politiker und die Politikerin einen direkten Eindruck davon erhalten konnten, wie konzentriert die alternative Agrarbewegung mittlerweile arbeitet und wie breit sie aufgestellt ist.

Ein insgesamt gelungener Kongress

Soll ein Fazit zum Kongress gezogen werden, so kann dessen Organisationsteam insgesamt nur ein großes Lob ausgesprochen werden: Es hatte seine Veranstaltung von Anfang bis Ende im Griff und von vornherein mit abwechslungsreichen Arbeits- und Diskussionsformaten gut durchgeplant. Besonders erfreulich war zudem, dass die Verpflegung der Kongressteilnehmer ausschließlich vegan und vegetarisch erfolgte (ein Ansatz, der auch beim zeitgleich abgelaufenen Stadt-Land-Food-Festival hätte stärker berücksichtigt werden können).

Keineswegs zu unterschätzen ist die Leistung, vom tierhaltenden Öko- und konventionellen Bauern bis hin zum Veganer verschiedenste an der Zukunft der landwirtschaftlichen Produktion interessierte Akteure zusammenzubringen. Zwar werden sich diese auch in Zukunft wohl nicht immer in allen Punkten einig sein und manche Punkte sogar äußerst kontrovers diskutieren, doch werden sich in der prinzipiell geteilten Ablehnung agrarindustrieller Strukturen auch immer wieder gemeinsame Linien für gewisse Wegstrecken finden lassen. So bietet eine solche Austausch-Ebene etwa speziell für den Tierschutz und das Tierrecht nicht nur die Möglichkeit, die eigenen Themen in die derzeit stärkste anti-agrarindustrielle Bewegung einzubringen und viele unterschiedliche Agrar-Akteure direkt zu erreichen. Es kann sich darüber hinaus auch gemeinsam mit der Bewegung gegen z. B. ausufernde Großkonzern-Politiken und die gegenwärtig stark exportorientierte Wirtschaftspolitik sowie für eine Hinwendung zu bäuerlich-ökologischeren Produktionsweisen eingesetzt werden – essentielle Punkte, um u. a. auch eine geringere Tierproduktion und die Ausweitung der bio-veganen Landwirtschaft zu ermöglichen.

Was die WHES-Bewegung an sich betrifft, so wäre es für die Zukunft sehr wünschenswert, weitere wichtige und gemeinsame Forderungen mit aufzunehmen und genauer auszuformulieren: So etwa die Forderung nach einer rapiden Senkung des gegenwärtigen Pestizideinsatzes auf den Äckern, in erster Linie aber auch die Forderung nach einer Stärkung pflanzlicher(er) Ernährungsweisen. Umgekehrt sind alle an vegetarischen und veganen Ernährungsweisen Interessierte herzlich dazu eingeladen, sich noch stärker als bisher konstruktiv in die alternative landwirtschaftliche Bewegung einzubringen, um dort den Tierschutz und das Tierrecht noch weiter zu stärken und alternative landwirtschaftliche Konzepte mit auf den Weg zu bringen – eine gute Gelegenheit dazu bietet die am 17. Januar 2015 wiederholt stattfindende Großdemonstration in Berlin, bei der auch unsere Stiftung wieder mit dabei sein wird und bei der es wieder kollektiv heißen wird: Wir haben es satt!

Initiative Transparente Zivilgesellschaft