Trotz Verbot: Das Kükentöten geht weiter

Die Freude war groß, als das Bundesverwaltungsgericht im September 2019 letztinstanzlich entschied, dass das Töten männlicher Küken aus rein wirtschaftlichen Gründen einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt. Auch wenn sich die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner viel Zeit ließ, um den Gerichtsentscheid in einen Gesetzestext zu gießen, das Verbot des Kükentötens ist seit dem 1. Januar 2022 in Kraft. Trotzdem können Eier und Eiprodukte in deutschen Supermärkten nach wie vor in Verbindung mit Kükentöten stehen – nach unseren Recherchen nutzen manche Händler sogar bewusst Schlupflöcher, um Verbraucher:innen zu täuschen.

Die Tricks zur Umgehung des Kükentöten-Verbots

Wer in Deutschland »Legehennen« züchtet hat jetzt im Grunde zwei Alternativen: Entweder wird das Geschlecht im Ei festgestellt und Eier mit männlichen Embryonen werden vernichtet, oder alle Küken werden ausgebrütet und die männlichen Küken werden gemästet.

Die Kosten der Geschlechtsfrühbestimmung liegen bei ca. 2 Cent pro Ei, das im Supermarkt liegt. Werden die männlichen Küken aufgezogen, verursacht das Mehrkosten in Höhe von ca. 2,5 Cent pro Ei. Bei 100 Millionen Bruteiern, die jedes Jahr in Deutschland produziert werden, ist der Anreiz hoch, das Verbot des Kükentötens zu umgehen und dadurch viele Millionen Euro einzusparen.

Für Eier, die in Lebensmitteln wie Nudeln und Gebäck verarbeitet werden (man spricht von Eiprodukten), können einfach Eier aus dem Ausland importiert werden. Vereinzelt kommen dafür sogar noch Käfigeier zum Einsatz. Ob Käfig oder nicht: Die Eier stammen – mangels Verboten in anderen Ländern – in der Regel von Hennen, deren Brüder direkt nach dem Schlüpfen getötet wurden. Das gilt für fast alle verarbeiteten Lebensmittel. Auch in der Gastronomie werden in der Regel Eiprodukte (z. B. Flüssigei im Tetrapack) verwendet, die mit Kükentöten in Verbindung stehen. Das spart Kosten und ist weder verboten noch fragen viele Kund:innen danach.

Auch für Schaleneier, wie man sie im Supermarkt, auf dem Wochenmarkt oder beim Landwirt seines Vertrauens kauft, kommt das Kükentöten zum Teil zum Einsatz. Und das gilt sogar für Eier mit DE-Aufdruck, der anzeigt, dass das Ei in Deutschland gelegt wurde.

Der Trick dahinter: Das Verbot des Kükentötens gilt nur auf der Ebene der Brütereien. Landwirt:innen sind aber nicht dazu gezwungen, ihre Hennen von deutschen Brütereien zu kaufen. Sie können die Hennen einfach aus dem Ausland beziehen, wo die Brüder der Hennen nach dem Schlüpfen getötet wurden.

Mindestens eine deutsche Brüterei hat auch bereits männliche Küken ins Ausland verkauft, um sie dort töten zu lassen.

Supermarktketten nur mit Teilausstieg aus dem Kükentöten

Infografik

Im Sommer 2022 haben wir die Supermarktketten und Discounter befragt, wie sie mit dem Verbot des Kükentötens umgehen. Auf den ersten Blick lesen sich die Antworten erfreulich: Die Händler setzen bei Schaleneiern vor allem auf das KAT-System (erkennbar am Zahlen-und-Buchstaben-Code auf dem Ei), welches das Kükentöten durch Regelungen, eine Datenbank zur Rückverfolgbarkeit und Kontrollen ausschließt – auch dann, wenn die Eier aus einem Land ohne Kükentöten-Verbot stammen.

Der Teufel steckt allerdings im Detail: Zum einen verwenden die Ketten das KAT-System für Eiprodukte in Eigenmarken nur teilweise oder gar nicht und können (bzw. wollen) daher keine Auskunft zum Ausstieg aus dem Kükentöten geben.

Zum anderen haben wir im Rahmen unserer eigenen Erhebungen insbesondere bei Edeka mehrfach DE-Eier ohne KAT-Kontrollen gefunden. Hier setzen die Einkäufer offenbar auf den oben beschriebenen Trick: Die Legehennen stammen aus dem Ausland, wo ihre Brüder getötet wurden. Die Hennen selbst wurden aber nach Deutschland exportiert und legen so Eier »aus der Region« der Edeka-Märkte.

Auf seiner Webseite wirbt Edeka mit Kükenbildern unter denen »Schützt mich!« und »Initiative Lebenswert« steht. Edeka behauptet auf dieser Seite, sich vom Wettbewerb zu unterscheiden und Vorreiter im Lebensmitteleinzelhandel zu sein. Das ist irreführend, denn Edeka hat sich ein Schlupfloch gebaut, das für Laien kaum erkennbar ist: Das Unternehmen beschränkt sich mit seinen Aussagen auf Eigenmarken. Dass auch Eier von anderen Marken verkauft werden und dass man es in diesem Fall mit dem Kükenschutz auf einmal nicht mehr so ernst nimmt, erwähnt Edeka lieber nicht. Kein Wunder: Das würde auch nicht zur heilen Welt passen, die Edeka seinen Kund:innen so gut und gerne vorspielt.

Wirklich ausgeschlossen wird das Kükentöten für Schaleneier dagegen von Aldi Nord & Süd, Norma, Lidl, Kaufland und Netto Marken-Discount. Hier wurde uns von den Unternehmen bestätigt, dass alle Eier aus dem KAT-System stammen, wovon wir uns auch stichprobenartig überzeugt haben.

Fazit

Das Kükentöten-Verbot bedeutet nicht, dass Eiprodukte in deutschen Supermärkten nicht in Verbindung mit Kükentöten stehen, da die verwendeten Eier aus dem Ausland stammen können. Auch bei Schaleneiern aus Deutschland ist Kükentöten nicht ausgeschlossen, denn zum Teil umgehen Eierindustrie und Händler das Kükentöten-Verbot ganz bewusst.

Doch auch ohne Kükentöten ist Tierleid bei der Eiproduktion nicht ausgeschlossen, sei es, weil die Brüder in der Mast leiden oder weil durch deren einfache Entsorgung im Ei die Qualzucht von kranken »Hochleistungs-Hennen« gefördert wird. Den »Legehennen« ergeht es zudem selbst in Freiland- und Biohaltung deutlich schlechter als man denken würde und wenn die »Legeleistung« nachlässt, werden auch sie, nach etwa anderthalb Jahren, getötet.

Die beste Möglichkeit für Verbraucher:innen ist es da immer noch, gar keine Eier zu nutzen. Wie man sich einfach und gesund ohne Eier ernährt, erfahren Sie im Rahmen unserer Vegan Taste Week.

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