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Fleisch senkt Cholesterin? Studien-Tricks entlarvt

Hackfleisch Labor
© Alexander Raths – Shutterstock

Wissenschaftliche Studien können wichtige und seriöse Argumente liefern, um den Schaden oder Nutzen von Produkten zu belegen. Da Studien in der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen genießen, eignen sie sich auch zur Produktwerbung sowie zur Verharmlosung von Risiken. So nutzen Unternehmen sowie Interessengruppen der Pharma- und der Lebensmittelindustrie wissenschaftlich wirkende Publikationen auch, um ungesunde oder nutzlose Produkte in ein besseres Licht zu rücken. Wir haben die gängigsten Methoden zusammengefasst, die genutzt werden, um Konsumenten und Konsumentinnen zu täuschen.

Gute Verbreitung von schlechten Studien

Manche überholten Empfehlungen bleiben hartnäckig in den Köpfen hängen, auch wenn es längst aktuellere oder bessere Studien mit anderen Ergebnissen gibt. Eine jahrzehntelange Einflussnahme durch zahlreiche gesponserte Studien (etwa zur Wirksamkeit einzelner Präparate) hinterlässt noch Jahre später Spuren mit bisweilen ernsten Folgen. Ein bekanntes Beispiel hierzu ist die seit den 1960er Jahren beliebte und jahrzehntelang propagierte Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden mit Östrogen. Dabei waren schon zu Beginn der 1940er Jahre Hinweise auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bekannt. Erst mithilfe einer großen Studie aus dem Jahr 2002 konnte belegt und breitflächig kommuniziert werden, dass diese Östrogenpräparate das Risiko für Herz- sowie Krebserkrankungen, einschließlich Brustkrebs erhöhten. Die Gesundheitsrisiken der Einnahme von Hormonpräparaten waren höher als ihr Nutzen. Als darauf die Zahl der Verschreibungen zurückging, nahm auch die Zahl der Brustkrebsfälle ab.

Das Problem: Studien, die explizite Nebenwirkungen von Medikamenten und anderen Produkten untersuchen, werden von der Industrie häufig nicht finanziert. WissenschaftlerInnen, die ungewollte Studien durchführen und publizieren, haben zudem das Problem, auch zukünftig kaum an Forschungsgelder aus der Wirtschaft zu kommen.

Ungeeignete Studien als Beweise

Ein Nachweis für die Wirksamkeit einer Behandlung, also z. B. die Einnahme eines Präparats, Lebensmittels oder eine Ernährungsumstellung, sollte mit statistisch geeigneten Methoden erfolgen. Dazu eignen sich unter anderem kontrollierte klinische Studien. Um etwa den Einfluss von gesättigten Fettsäuren auf den Cholesterinspiegel zu untersuchen, müssen bei den untersuchten Personen jeweils zwei Messwerte vorliegen: ein Wert vor einer Ernährungsumstellung und ein Wert danach. Nur so kann man einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme an gesättigten Fettsäuren und einem Anstieg des Cholesterins erkennen.

Bei einer bloß einmaligen Messung des Cholesterins gelingt das nicht. Denn die Cholesterinwerte einzelner Menschen unterscheiden sich erheblich voneinander, allein schon aufgrund genetischer Unterschiede. Diese verschleiern den Einfluss der Ernährung bei einer einzelnen Messung. Trotzdem nutzt die Industrie diese Art von Untersuchung, um beispielsweise ungesunde Eigenschaften von Lebensmitteln zu verbergen. So kann sie etwa behaupten, gesättigte Fettsäuren in Milch führten nicht zu einem Anstieg des Cholesterins und damit auch nicht zu einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen.

Ungenaue Methoden und falsche Schlussfolgerungen

In Studien ist es wichtig, die TeilnehmerInnen korrekt einzuordnen. Will man beispielsweise vegetarisch lebende Menschen untersuchen, schließt aber fischessende und vegane Personen als VegetarierInnen mit ein, erschwert das Vergleiche mit anderen Studien, die diese Gruppen getrennt behandeln. Die untersuchten Gruppen müssen zudem ausreichend groß sein, um Vergleiche untereinander sowie generelle Aussagen zu ermöglichen.

Irreführend sind auch Studien, die mögliche Einflussfaktoren einer Behandlung nicht voneinander trennen. Das passiert etwa, wenn man Personen mit einem ungesunden Essverhalten auf eine deutlich gesündere Diät setzt und ihnen zusätzlich ein Präparat oder bestimmtes Lebensmittel gibt. Diesem darf man dann keine gesundheitliche Verbesserung zuschreiben. Tatsächlich kam eine Studie auf diesem Weg zum Ergebnis, dass Rindfleisch Cholesterin senke. Dabei waren bei der Ernährungsumstellung der untersuchten Personen zusätzlich zum Verzehr von Rindfleisch so viele andere Faktoren günstiger als vorher, dass nicht von einem positiven Einfluss des Rindfleischs auszugehen ist.

Ungeeignete und fehlende Variablen

Die Auswahl der zu untersuchenden Daten sollte gewissenhaft erfolgen. Beispielsweise sind Werte, die nichts über den Anstieg an Cholesterin aussagen, für diesbezügliche Gesundheitsaussagen ungeeignet. Genau das hat eine Studie des American Egg Board gemacht, das den Konsum von Eiern propagiert. Diese untersuchte den Cholesterinwert »Fastening Cholesterol«, der allerdings erst am nächsten Morgen und damit mehrere Stunden nach dem Essen gemessen wird. Der Spiegel sinkt bis dahin wieder. Dadurch war der sonst übliche Anstieg von Cholesterin im Blut durch den Verzehr von Eiprodukten nicht mehr nachzuweisen und der Wert unbrauchbar, wie andere ForscherInnen daraufhin antworteten. Auch kurze, starke Anstiege von Cholesterin über den Tag verteilt sind außerdem gesundheitsschädlich. Diese Studie wird u. a. von der Eierindustrie genutzt, um die Risiken des Eierkonsums kleinzureden.

Wenn nur Korrelationen, also gleichzeitig auftretende Faktoren, untersucht werden, können noch keine Kausalzusammenhänge dargestellt werden. Außerdem sollte immer geschaut werden, was in einer Untersuchung nicht erhoben wurde. In einer Studie zu Pflanzenmilch und Wachstum wurde der Konsum von Milch und Milchalternativen sowie die Körpergröße von Kindern erfasst. Je mehr Milchalternativen Kinder verzehrten, desto kleiner waren sie. Allerdings wurde das sonstige Ernährungsverhalten und die Nährstoffversorgung (insbesondere Protein) sowie Nährwertunterschiede zwischen Milchalternativen (z. B. der Proteingehalt von Hafer- vs. Sojamilch) nicht erfasst. Zudem ist die Körpergröße nicht optimal geeignet, um Rückschlüsse auf die allgemeine Entwicklung zu ziehen. Größere Menschen sind nicht zwangsläufig gesünder oder stärker als kleinere. Die ForscherInnen weisen zwar auf die fehlenden Kausalaussagen hin. Allerdings ist die Aussage der Studie mit solchen Methoden so nicht wirklich brauchbar.

Abhängige Forschung

Lobbyverbände oder Firmen sponsern zahlreiche WissenschaftlerInnen, Institute und Forschungsprojekte. Das kann in manchen Fällen deutlich die Forschung beeinflussen. Einige Studien stammen von Instituten, die Ableger oder gar Abteilungen von Herstellern oder Interessenverbänden sind. Ein Beispiel ist das jahrelange Sponsern von Studien durch die Bleiindustrie, um die schädliche Wirkung von Blei in der Umwelt und in Lebensmitteln kleinzureden.

Die Nutzung der Medien

Nicht nur die Studien selbst spielen eine Rolle für die Meinungsbildung, sondern auch die mediale Berichterstattung darüber – etwa in einflussreichen Tageszeitungen. Das gilt ebenfalls für die Wahrnehmung von Studien innerhalb der Wissenschaft. So zitierten WissenschaftlerInnen in ihren eigenen Studien besonders häufig solche Untersuchungen, über die zuvor die New York Times berichtet hatte.

Da Journalistinnen und Journalisten häufig unter Zeitdruck komplexe Zusammenhänge mit wenigen Worten erklären und zudem gern zuspitzen, fallen in der Berichterstattung einschränkende Ergebnisse und Aussagen von Studien oft weg. Eine fachlich fundierte Bewertung der Ergebnisse erfolgt häufig nicht. Dies ist auch zahlreich bei den obigen Ergebnissen zur angeblich nicht vorhandenen Wirkung von Eiern auf den Cholesterinspiegel geschehen. Oftmals nutzen Redaktionen zudem nur Pressemitteilungen zu Studienergebnissen. Das wissen auch die Auftraggeber der Studien, die aus der ungeprüften Berichterstattung einen Nutzen ziehen.

Manchmal werden Studien auch reißerischer wiedergegeben. In einer Studie erhielten Säuglinge eines indigenen Volkes in Ecuador zusätzlich ein Ei pro Tag und wurden mit Kindern ohne Extra-Ei verglichen. Die Kinder mit Ei waren am Ende der Untersuchungszeit seltener mangelernährt. Allerdings sind die Ergebnisse schwer übertragbar, da es sich um Kinder handelte, die bereits mangelernährt oder einem erhöhten Risiko für Mangelernährung ausgesetzt waren. Obwohl ein Artikel einer deutschen Zeitung dies durchaus kritisch anmerkt, wird zunächst über die plakative Überschrift »Eier lassen Kinder wachsen« suggeriert, dies gelte per se für alle Kinder und jeglichen Eierkonsum.

Abgerundet wird dies mit der Aussage eines Arztes am Ende, dass vegane Kinder zu den wenigen Gruppen zählten, die von einer Mangelernährung betroffen seien. Ihnen würde er »am liebsten ein Ei pro Tag verordnen«. Leider wird damit nicht zwischen einer ungesunden Ernährung unabhängig von der Ernährungsweise und einer gesunden veganen Ernährung unterschieden. Das vorangegangene Loblied auf Eier untermauert diese vorurteilsbehaftete Aussage automatisch.

Werbung statt Studien

Wenn Studien nicht zu einem von den Auftraggebern gewünschten Ergebnis kommen, besteht die Möglichkeit, die ganze Studie oder einen Teil der Ergebnisse nicht zu veröffentlichen. Das führt automatisch dazu, dass sich das Verhältnis von kritischen Studien zugunsten der Interessenverbände verschiebt.

Unabhängig davon können Unternehmen ein geschicktes Marketing zur Verbreitung eines womöglich ungesunden Produkts einsetzen. Dazu zählen etwa an Kinder gerichtete Werbemaßnahmen. Hersteller und Verbände reizen dabei häufig den gesetzlich vorgegebenen Rahmen für spezielle Werbeformulierungen aus. Der E-Mail-Verkehr bzgl. mehrerer Werbeversprechen des American Egg Board mit der entsprechenden Kontrollbehörde in den USA zeigt, wie nahe und wenig nachvollziehbar verbotene und erlaubte Behauptungen zur Bewerbung von Eiern in diesem Fall beieinander liegen: Beispielsweise hat die Behörde die Verwendung des Begriffs »nutrient-dense« (in etwa: hohe Nährstoffdichte) für Eier zugelassen, während sie die Verwendung von »nutritious« (nahrhaft) dafür verboten hat.

Wege zu einem kritischen Urteil

Wer die Aussagekraft von Studienergebnissen beurteilen will, sollte prüfen, inwieweit u. a. die oben genannten Methoden auf die Studien zutreffen. Wer sind die Autorinnen und Autoren der Studien, wer hat sie finanziert? Klingen die verwendeten Methoden und Messwerte sinnvoll? Haben die Autoren zudem wichtige andere Veröffentlichungen zu dem Thema zitiert? Haben sie wichtige oder kontroverse Studien ausgelassen? Passen die Ergebnisse zu bisherigen Studien? Zu einem fundierten Urteil zu gelangen, ist gerade für Laien meist schwierig. Eine erste Einschätzung ist aber nach etwas Training oft möglich. Weitere Hinweise zur Bewertung von Studien und wissenschaftlichen Arbeiten gibt es in diesem kurzen Video, in diesem Übersichtsartikel, in dieser Checkliste und in diesem Video-Kurs zum »Forschen lernen«.

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