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Martin Balluch – Vorstellung

Martin Balluch ist spätestens seit dem skandalösen Tierschutzprozess der bekannteste Tierschützer Österreichs. Für unsere lose Vorstellungsreihe hat er einen Text über sich und seine Arbeit geschrieben:

Tierschutz zum politischen Tagesthema machen!

Foto Martin Balluch - © Balluch

Schon 1978 habe ich mich erstmals an einer Kampagne für Tier- oder Umweltschutz beteiligt. Damals ging es um das Verbot von Kernkraftwerken, das wir 1979 in Österreich tatsächlich erreichen konnten. 1979 wurde ich auch erstmals bei einer gewaltfreien Aktion von der Polizei festgenommen und vom Rasen des Burggartens in Wien getragen. Die Geldstrafe von umgerechnet € 2 hört sich heute lächerlich an, für mein Taschengeld damals als Schüler war es nicht so einfach, sie aufzubringen.

35 Jahre Aktivismus und gut 25 Festnahmen später bin ich noch immer für den Tierschutz aktiv. Schon 1985 habe ich meine erste Tierschutzgruppe gegründet, als Student der Uni Wien. 1989 wurde ich vegan, und seit damals widme ich den wesentlichen Teil meines Lebens der Tierschutzarbeit. In den 1980er Jahren hatten wir aber noch sehr wenig politisches Selbstvertrauen, ernsthafte Änderungen der gesellschaftlichen Praxis schienen in weiter Ferne, wir wollten durch unsere Medienaktionen und unermüdlichen Infostände eigentlich nur an das Leid der Tiere erinnern und hofften darauf, dass wenigstens eine Minderheit von Menschen ihren Lebensstil ändert und insbesondere den Fleischkonsum beendet. Seit 1997 bin ich beim Verein »Gegen Tierfabriken« in Österreich aktiv, 2002 wurde ich dessen Obmann.

Es war in den 1990er Jahren, als wir zunehmend den Mut fassten, auch auf Bundesebene gesetzliche Verbote zu fordern. Im Jahr 1998 erreichten wir tatsächlich und mit überraschender Leichtigkeit das weltweit erste Verbot von Pelzfarmen in Österreich. 4 Jahre später folgte das Verbot der Wildtierhaltung in Zirkussen. Es wurde Zeit, Tierschutz zu einem ernsthaften politischen Thema zu machen, das auch Wahlen mitbestimmen kann und das von allen Parlamentsparteien TierschutzsprecherInnen und ein entsprechendes Parteiprogramm fordert. Gegen den gesellschaftlichen Normalzustand getraut sich nur eine kleine Minderheit von Menschen mit Pioniermentalität einen völlig anderen (in unserem Fall: veganen) Lebensstil zu führen. Um die Gesellschaft als Ganzes tierfreundlicher zu machen, ist eine Politik der kleinen Schritte nötig: Reformen.

Tatsächlich gibt es bereits gewaltige Mehrheiten für ernsthafte Reformen, insbesondere der sogenannten Nutztierhaltung. Wer will schon, dass Schweine auf Vollspaltenböden ohne Stroheinstreu oder dass Masthühner zu mehr als 20 Tieren pro m² vor sich hin vegetieren müssen? Laut repräsentativer Umfragen weniger als 10% der Bevölkerung, während gut 80% eine Änderung wünschen. Doch nichts geschieht! Im Gegenteil, die Tierfabriken werden immer größer und erhöhen ihre Intensität der Tierhaltung ständig. Daher engagieren wir uns beim VGT seit 2003 vor allem dafür, insbesondere im Bereich der wirtschaftlich bedeutenden Tiernutzung der Mehrheitsmeinung zum Durchbruch zu verhelfen und einschneidende Reformen anzugehen. Es gelang uns, Verbote für Legebatterien (auch der ausgestalteten Variante), für die Käfighaltung von Kaninchen zur Fleischproduktion und für die Haltung von Mutterschweinen in Kastenständen (wenn auch mit 21 (!) Jahren Übergangsfrist) zu erreichen. Aber auch bei Tierversuchen gab es Fortschritte durch unsere schlagkräftigen Kampagnen. 2006 wurden in Österreich Tierversuche an allen Menschenaffen (einschließlich Gibbons) verboten und ab 2016 ist das Bestehen eines Tests mittels Fragenkatalogs zur Schaden-Nutzen Abwägung Voraussetzung für jeden Tierversuchsantrag, um nach objektiven Kriterien die schlimmsten dieser Versuche ausscheiden zu können.

Bei der Art unserer Kampagnenführung haben wir uns an Martin Luther King orientiert, der mit Dauerprotesten und wiederholten Aktionen des zivilen Ungehorsams das Establishment herausforderte. Heute wie damals führte das zu Konflikten mit der Behörde. Im Oktober 2006 begannen deshalb Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen uns TierschützerInnen in Österreich, die im April 2007 in die Gründung einer Sonderkommission mündeten, die im Mai 2008 schließlich in 23 Privatwohnungen und 7 Büros von Tierschutzvereinen in den frühen Morgenstunden mit bewaffneten und maskierten Polizeikräften mit Gewalt eindrang und die BewohnerInnen, darunter auch mich, unter vorgehaltener Waffe wegen Bildung einer kriminellen Organisation verhaftete und für 105 Tage in Untersuchungshaft nahm. Erst 3 Jahre später fällte ein Gericht nach 14monatigem Prozess einen Freispruch, der mittlerweile in den meisten Punkten rechtskräftig ist. 5 der damals 13 Angeklagten müssen sich aber demnächst (Stand Mai 2013) einer Berufungsverhandlung stellen, in der es hauptsächlich darum geht, ob eine legale Kampagne, deren Ziel es ist, einen öffentlichen Druck zu erzeugen, als Nötigung zu werten ist. Sollte das vom Höchstgericht bejaht werden, würde das einen absoluten Bruch im bisherigen Demokratieverständnis in Österreich bedeuten.

Solange wir nur mit harmlosen Medienaktionen auf das Tierleid hinwiesen, wurden wir vom Staat als »Spinner« nicht ernst genommen. Kaum gelang es uns, Mehrheiten zu mobilisieren und ernsthafte Einschränkungen der wirtschaftlichen Nutzung von Tieren durchzusetzen, sperrte man uns ins Gefängnis. Die Zukunft wird zeigen, ob der schrankenlose Raubtierkapitalismus über die Ansprüche aller leidensfähigen Lebewesen auf eine entsprechende Lebensqualität, wie sie von der Zivilgesellschaft vertreten werden, einfach so hinweggehen kann.

Martin Balluch

Die Buchtrilogie von Martin Balluch

  • »Die Kontinuität von Bewusstsein« im Guthmann-Peterson Verlag 2005 über die Gründe für Tierschutz und Tierrechte
  • »Widerstand in der Demokratie« im Promedia Verlag 2009 über die Methode der Umsetzung
  • »Tierschützer. Staatsfeind« im Promedia Verlag 2011 über die Konsequenzen, die einem bei Tierschutzaktivismus in einem repressiven Staat blühen

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