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Interview: Vegan for Future

Karotten
© Thomas Gamstaetter – Unsplash
Professor Andreas Pfennig
© Wilhelm Jünger, Aachen

Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung sowie fortschreitender Umweltzerstörung und Erderwärmung ist Professor Andreas Pfennig überzeugt, dass die vegane Ernährung der Schlüssel zu einer nachhaltigeren und gerechteren Zukunft ist.

Pfennig, Professor für Verfahrenstechnik an der Université de Liège in Belgien, widmet sich in seiner Forschung der Umwandlung von Stoffen, insbesondere mithilfe bio-basierter Prozesse. Dabei behält er sowohl molekulare als auch globale Zusammenhänge im Blick. Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich daher auch mit Szenarien für eine nachhaltige Zukunft. Aktuell engagiert er sich bei Scientists for Future.

Professor Pfennig fordert: »Wir brauchen nicht nur eine Energiewende, sondern auch eine Ernährungs-,
Entwicklungs- und Bewusstseinswende.« In seinem aktuellen Buch »Klima-Wende-Zeit« und auf seiner Webseite kann man seine Erkenntnisse nachlesen. Uns verriet er sie in einem Interview.

Herr Professor Pfennig, warum ist es aus Ihrer Sicht notwendig, dass sich Menschen zukünftig vegan ernähren?

Ganz einfach: um das menschliche Wohlergehen auch in der Zukunft sicherzustellen. Die fruchtbaren Landflächen der Erde reichen sonst nicht aus, um alle Anforderungen an eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu erfüllen.

Welche Anforderungen sind das?

Wir wollen alle Menschen satt machen und das trotz wachsender Bevölkerungszahl. Dabei wollen und müssen wir aber auch nachhaltig produzieren, um die Umwelt zu entlasten. Außerdem müssen wir den Klimawandel langfristig reduzieren.

Ich möchte darauf gerne näher eingehen: Anforderung Nummer eins ist die Ernährungsgerechtigkeit. Heutzutage nutzen wir fruchtbare Flächen für eine intensive Landwirtschaft. Das heißt, für jeden Menschen werden im globalen Durchschnitt auf etwa 7.000 Quadratmetern alle Nahrungsmittel und andere landwirtschaftlichen Produkte wie beispielsweise Baumwolle, Naturkautschuk und Biodiesel erzeugt.1

Die landwirtschaftliche Produktivität pro Fläche hat sich dabei in den letzten etwa 50 Jahren verdoppelt.2 Dies war auch nötig, weil sich die Weltbevölkerung in dieser Zeit ebenfalls verdoppelt hat. Nur durch diese Intensivierung können wir heute sicherstellen, dass etwa 89 % aller Menschen mindestens ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt sind.

Trotzdem hungern – heute und auf dieser Erde – etwa 11 % der Menschheit, Tendenz steigend. Dadurch, dass wir Nahrungs- und Futtermittel international handeln, ist es für viele Bauern attraktiver, für den internationalen Handel zu produzieren als für lokale Märkte. Dadurch steigen die lokalen Lebensmittelpreise, sodass die Ärmsten sich eine ausreichende Ernährung nicht mehr leisten können. Zudem ist es für Landwirte, beispielsweise in Brasilien und Indonesien, attraktiv, Regenwald zu roden, weil sie so mehr Produkte für den globalen Handel anbieten können.

Würden wir Nahrungsmittelverschwendung verhindern und die Nahrungsmittel besser verteilen, könnten wir den Hunger etwas abmildern. Es würde aber nicht gelingen, alle Menschen ausreichend zu ernähren und gleichzeitig unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Warum geht das nicht, nachhaltige Lebensmittel für alle Menschen zu produzieren?

Eine ökologische Landwirtschaft ist weniger intensiv. Dies bedeutet, dass die Erträge pro Hektar um 10 % bis 20 % niedriger ausfallen, je nach Ausprägung des Öko-Landbaus.3

Aber es geht nicht nur um Lebensmittel: Um die Rohstoffe für Materialien und Stoffe des täglichen Bedarfs wie beispielsweise Kunststoffe, Wasch- und Reinigungsmittel nachhaltig, das heißt bio-basiert herzustellen, benötigen wir ebenfalls mehr Landfläche.

Einige Flächen sollten wir zudem einfach ungenutzt lassen, um die Biodiversität zu fördern.

Um den Klimawandel auch langfristig zu begrenzen und Klima-Kipppunkte zu vermeiden, müssen wir außerdem in absehbarer Zeit Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen. Dies kann gelingen, indem wir Wald aufforsten und mehr Bio-Energie nutzen. Hierfür benötigen wir weitere Landflächen.

Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen, können Sie uns das kurz erläutern?

Für Bio-Energie werden Energiepflanzen (z. B. Mais, Ölpalmen, Zuckerrohr) angebaut und direkt oder nach der Umwandlung als Kraftstoffe verbrannt. Das dabei entstehende Kohlendioxid, das ja ursprünglich aus der Atmosphäre stammt, kann aufgefangen und beispielsweise in ehemalige Erdgaslagerstätten gepresst werden, um dort langfristig zu lagern.

In den Berichten des Weltklimarates wird dies als BECCS bezeichnet: »bio-energy with carbon capture and storage«. Die meisten der vom Weltklimarat zusammengetragenen Szenarien, die eine Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau sicherstellen, nutzen Aufforstung und BECCS in teilweise erheblichem Ausmaß.

Für Nachhaltigkeit und Klimaschutz benötigen wir also zusätzliche fruchtbare Landflächen?

Genau, die haben wir aber nicht zur Verfügung. Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant. Heute leben etwa 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Je nach Szenario werden es 2050 zwischen 9,8 und 10,8 Milliarden sein und 2100 zwischen 11,2 und 16,5 Milliarden.

In entwickelten Ländern könnten wir uns zukünftig zwar mehr Öko-Landbau, mehr Bio-Energie und Brachflächen für mehr Biodiversität leisten, ohne auf vegane Ernährung umzustellen. Damit würden wir aber Flächen nutzen, die für eine ausreichende Ernährung der Menschen am anderen Ende der Welt benötigt werden.

Wir erkaufen uns ein gutes Öko-Gewissen also durch mehr Hunger Wenn wir nicht auf vegane Ernährung umstellen, werden noch mehr Menschen hungern oder noch mehr Wälder gerodet oder wir werden die wesentlichen, dringend nötigen Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit nicht umsetzen können.

Selbst bei besserer Verteilung der Nahrungsmittel und weiterer maximaler Ertragssteigerung der Landwirtschaft können die benötigten zusätzlichen Flächen nur bereitgestellt werden, wenn wir auf tierbasierte Nahrungsmittel vollständig verzichten.

Angenommen die Menschheit wird vegan, welchen Effekt hätte das?

Dadurch würden die 80 % der Fläche zur Nahrungsmittelerzeugung frei, die wir heute nutzen, um tierbasierte Nahrungsmittel herzustellen, die aber nur 17,5 % zu unserer Ernährung beitragen.4 Nur wenn die Menschheit ihre Ernährung auf vegan umstellt, reicht die verfügbare fruchtbare Landfläche, um alle genannten und dringend nötigen Anforderungen der Zukunft zu erfüllen.

Dies wird auch in meiner Grafik deutlich: Die farbigen Flächen zeigen, welche Bereiche wie viel Landfläche brauchen, runtergerechnet auf den Pro-Kopf-Verbrauch eines Menschen. Die Bereiche sind einerseits eine nachhaltige Lebensmittel- und Güterproduktion, aber auch landwirtschaftliche Tierhaltung, die mit Futtermittelanbau und Weideflächen stark ins Gewicht fällt. Hinzu kommen der Anbau von Energiepflanzen und Aufforstungsflächen, um den Klimawandel einzudämmen, sowie Rückzugsflächen für die Natur, um die Artenvielfalt zu erhalten.

Wie viel Landfläche uns für die Versorgung eines Menschen überhaupt zur Verfügung steht, zeigt die schwarze Linie. Diese Linie nimmt so stark ab, weil die Weltbevölkerung wächst, wir uns also die Gesamtfläche der Erde mit immer mehr Menschen teilen müssen. Ich gehe dabei von einem optimistischen Szenario aus, bei dem die Bevölkerungszahlen nicht ganz so stark steigen.

Bei den benötigten Flächen gehe ich davon aus, dass die Landwirtschaft auch zukünftig die Erträge pro Fläche weiter steigern kann. Außerdem setze ich voraus, dass zukünftig alle Menschen ausreichend ernährt werden können. Es ist deutlich, dass die Produktion von Tierfutter und der Bedarf an Weidefläche die verfügbare Fläche übersteigen. Alle übrigen Bedarfe können dagegen auf der verfügbaren Fläche realisiert werden.

Wenn die Weltbevölkerung allerdings stärker wächst als in diesem Szenario, das am optimistischen Rand der möglichen Entwicklung liegt, steht noch deutlich weniger Landfläche zur Verfügung, besonders gegen Ende des Jahrhunderts.

Diagramm Flächenbedarfe

Nur durch vegane Ernährung wird also die Menschheit fit für die Zukunft. Wir können dann neben der Beseitigung des Hungers all die Maßnahmen ergreifen, die wir zur Bekämpfung des Klimawandels und zum Erreichen eines nachhaltigen Wohlergehens der Menschheit so dringend benötigen! Vegane Ernährung ist damit die einzige Option, um heute sofort den Hunger zu besiegen und eine glückliche und gleichzeitig nachhaltige Zukunft langfristig sicherzustellen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Möchten Sie die vegane Ernährung ausprobieren? Dann melden Sie sich hier für unsere Vegan Taste Week an.

 


Fußnoten

1 Berechnung auf Grundlage der Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

2 Berechnung auf Grundlage der Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Vgl. Pfennig, A. 2019: Sustainable Bio‐ or CO2 Economy: Chances, Risks, and Systems Perspective.

3 Vgl. Malézieux, E. / Lesur-Dumoulin, C. / Ben-Ari, T. / Langlais, C. / Makowski, D. 2018: Yield variability in organic versus conventional systems : a meta-analysis for horticultural systems.

und Mondelaers, K. / Aertsens, J. / Van Huylenbroeck, G. 2009: A meta-analysis of the differences in environmental impacts between organic and conventional farming.

4 Berechnung auf Grundlage der Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Vgl. Pfennig, A. 2019: Sustainable Bio‐ or CO2 Economy: Chances, Risks, and Systems Perspective.

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