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Interview mit einem Undercover-Filmer

Tierschutz-Recherchen
© ARIWA

Ingo S. filmt seit elf Jahren im Auftrag des Deutschen Tierschutzbüros heimlich die Missstände in der deutschen Massentierhaltung. Wir haben ihn nach seinen Beweggründen und Erfahrungen gefragt.

Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt (ASS): Ingo, wann haben Sie sich zum ersten Mal in eine Legebatterie geschlichen und wie kam es dazu?

Ingo S.: Das war vor über 11 Jahren, damals hat ein regionale Tierschutzverein Fotomaterial aus einer Legebatterie benötigt. Der Verein wollte auf das Thema Batteriehaltung von Hühnern aufmerksam machen. Es gab zwar ausreichend Bildermaterial dazu, doch der Verein hatte die Bildrechte nicht. Sehr unbedarft suchte ich in den Gelben Seiten nach dem Begriff »Geflügelzucht« und fand auch tatsächlich eine Legebatterie 35 km von mir entfernt. Wenig später stand ich bewaffnet mit einer Fotokamera im Stall und machte schnell ein paar Aufnahmen. Genau so schnell wurde aber mein Treiben auch vom Bauern bemerkt, und der fand das gar nicht so lustig. Naja, was soll ich sagen, ich war schon immer schnell auf den Beinen, denn auf eine Konfrontation wollte ich es lieber nicht ankommen lassen. Daran hat sich bis heute übrigens nichts geändert.

ASS: Wie ging es weiter?

Ingo S.: Die Bilder habe ich dann dem regionalen Tierschutzverein gegeben, und kurz vor Ostern wurden sie als Plakat für eine Aktion genutzt. Sogar eine Zeitung fragte damals an, ob sie die Bilder abdrucken dürfte – das war natürlich klasse. Daraufhin haben sich viele kleine, aber auch größere Tierschutzorganisationen bei mir gemeldet, denen ich die Bilder dann gegeben habe.

ASS: In wie vielen Ställen und Mastanlagen waren Sie inzwischen?

Ingo S.: Bei hundert habe ich aufgehört zu zählen. Es sind inzwischen sicherlich mehr als 300 Betriebe und Stallungen gewesen.

ASS: Dann haben Sie ja einen guten Einblick, wie die sogenannten Nutztiere in Deutschland gehalten werden. Wir hören oft, dass die erschütternden Bilder, die immer wieder veröffentlicht werden, absolute Ausnahmen sind. Was sind Ihre Erfahrungen?

Ingo S.: Es sind leider keine Ausnahmen, sondern es ist die Regel; und das wissen auch die verschiedenen Lobbys. Gerne versuchen die sich dann herauszureden: »Ausnahme«, »Einzelfall« – doch das sind sie nicht. Aber was sollen die auch sonst sagen? Sie können schlecht zugeben, dass das der ganz normale Alltag ist, aber genau das ist es. Oftmals sind die Medien auch nicht sehr hilfreich: »Extremer Einzelfall« klingt besser als »das ist normal«. In fast jedem Stall, den ich besucht habe, fand ich aber verletzte, sterbende, tote oder verkrüppelte Tiere. In der industriellen Massentierhaltung geht es fast nur um den Profit. Antibiotika, Hormone, Schmerzmittel, Medikamenteneinsatz im großen Stil sind in solchen Ställen genauso normal wie der Umstand, dass verletzte Schweine zum Sterben in einen Gang gelegt werden, wo sie dann keinen Zugang mehr zu Wasser und Futter haben und jämmerlich verdursten – dies ist billiger als den Tierarzt zu rufen und das Tier zu behandeln. Verletzte Enten und Hühner werden ebenso wenig tierärztlich behandelt, sondern einfach zum Sterben in Kadavertonnen gestopft – und dann müssen sie auf ihren bereits toten Artgenossen verhungern und an ihren Verletzungen sterben.

ASS: Ist das auch bei den großen Firmen der Fall? Diese werben doch oft mit artgerechter Tierhaltung.

Tote Hühner in einer Tonne
© ARIWA

Ingo S.: Die Situation mit sterbenden Hühnern in der Kadavertonne habe ich bei der Firma Wiesenhof vorgefunden. Und zwar an zwei Standorten, einmal bei Berlin und zum anderen im bayerischen Bogen. Wiesenhof wurde auch wegen Tierquälerei angezeigt. Gebracht hat das wenig – und seitdem sind die Mülleimer verschlossen, was für die zum Teil sterbenden Hühner noch mehr Leid bedeutet, denn jetzt ersticken sie vermutlich in den verschlossenen Tonnen.

ASS: Es werden aber auch immer wieder Bilder veröffentlicht, auf denen die Tiere recht gesund und munter aussehen. Sind die alle geschönt?

Ingo S.: Das ist leider alles Betrug. Jeder, der mal mit mir in den Ställen unterwegs war, weiß das ganz genau: Es ist Werbung, die Aufnahmen sind alle geschönt. So sieht man z.B. in der Hühnermast immer nur Aufnahmen, wenn die kleinen Küken gerade erst eingestallt werden. Da haben die Tiere auch noch viel Platz im Vergleich zur Endmast-Phase. Oft werden die Ställe auch einfach vorzeigbar gemacht. Dann wird stundenlang sauber gemacht, kranke Tiere werden entsorgt und die Ställe werden nur zur Hälfte belegt. Das ist Betrug am Verbraucher. Bestes Beispiel dafür ist die Firma QS (Qualität und Sicherheit) aus Bonn. Sie suggeriert dem Verbraucher mit schönen Schweine-Fotos auf ihrer Website und Schwein-knuddelt-mit-seinem-Mäster-Fotos in Broschüren, dass alles ganz idyllisch und tiergerecht abläuft. Doch fast alle QS-Betriebe sind einfach nur herkömmliche Mastställe mit den bekannten Problemen. Tote und sterbende Tiere sind eben auch dort normal; und die Mäster quetschen oftmals gern einige Puten mehr in den Stall, um so noch ein paar Euro mehr zu verdienen: Masse statt Klasse.

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