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Ich möchte das Ende der Massentierhaltung miterleben

Mahi Klosterhalfen
Mahi Klosterhalfen © Florian Bolk
Das folgende Interview mit Mahi Klosterhalfen, dem geschäftsführenden Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, ist vor einigen Monaten auf RUHRGESICHTER (RG) erschienen.

RG: Herr Klosterhalfen, nach dem Abitur haben Sie Betriebswirtschaftslehre studiert. Das klingt zunächst einmal nicht zwingend nach einem vorbereitenden Studium auf ihren jetzigen Beruf.

Mahi Klosterhalfen: Ja und nein. In der Tat hatte ich nach dem Abitur ganz andere Pläne, als Tierschützer zu werden. Damals, noch weitgehend ohne ethische Orientierung, hatte ich mir fest vorgenommen, ein Unternehmen aufzubauen und damit reich zu werden – das war auch der Hauptgrund dafür, weshalb ich mich für ein BWL-Studium entschlossen hatte. Diese Pläne habe ich dann mitten im Studium völlig verworfen. Allerdings kommt mir die BWL im beruflichen Alltag doch immer wieder sehr gelegen und Wolfgang Schindler, der Gründer unserer Stiftung, hat es sogar in der Satzung festgehalten, dass der Vorsitzende über eine betriebswirtschaftliche Ausbildung verfügen sollte. Insofern: Vorbereitung, ohne es zu wissen.

RG: Was führte sie dann zum Tierschutz?

Mahi Klosterhalfen: Ich habe als Student eines Tages die Autobiographie von Mahatma Gandhi gelesen, in der es eine Stelle gab, die letztendlich mein Leben verändert hat: Gandhi war krank und seine Ärzte sagten ihm, er müsse Hühnerfleisch essen oder Hühnersuppe trinken, sonst würde er sterben. Gandhi entgegnete, dass er lieber selbst sterben würde als dafür verantwortlich zu sein, dass ein Tier sein Leben für ihn geben müsse. Diese ethische Grundhaltung fand ich so kraftvoll und faszinierend, dass mich die Szene nicht mehr losgelassen hat. Bis dahin sah ich mich immer als Gegner der Massentierhaltung und von Tiertransporten. Nachdem ich die Stelle gelesen hatte, kam ich mir scheinheilig vor. Bei genauerem Hinsehen hatte ich immer nur Lippenbekenntnisse abgelegt, denn durch mein tägliches Ess- und Kaufverhalten hatte ich die Massentierhaltung in Wirklichkeit unterstützt. Mir wurde klar, wie scheinheilig ich war und beschloss spontan, zumindest einen Monat lang vegetarisch zu leben, um zu testen, ob ich nicht zu mehr fähig war als zu Lippenbekenntnissen. Ein Hintertürchen hielt ich mir aber offen: Wenn sich die vegetarische Ernährung als zu mühselig oder geschmacksneutral herausstellen würde, könnte ich zumindest sagen, ich hätte es versucht. Nach diesem Monat, der zu meiner Überraschung total harmlos verlief, entschloss ich mich, auch zukünftig kein Fleisch und keinen Fisch mehr zu essen.

Wenig später stellte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft die Frage, was eigentlich mit diesen Veganern und Veganerinnen los ist. Ich dachte, mit der vegetarischen Ernährung und dem Kauf von Bio-Milch und -Eiern hätte ich mein Ziel erreicht, dass für mich keine Tiere mehr leiden oder sterben müssen. Durch eine Recherche im Internet erfuhr ich aber, dass Kühe künstlich geschwängert werden, damit sie Milch »geben«, und dass die männlichen Kälber zu Kalbsfleisch verarbeitet werden. Außerdem erfuhr ich, dass sogenannte Milchkühe, ob nun Bio oder nicht, nach wenigen Jahren geschlachtet werden, dass die Brüder der Legehennen nach dem Schlüpfen geschreddert werden und dass die Hennen auch nur ein Jahr lang (meist unter schlechten Bedingungen) leben dürfen. Noch vor dem Computer sitzend entschloss ich mich, auf eine vegane Ernährung umzustellen.

RG: Nun waren Sie also ein vegan lebender BWL Student. Was veranlasste Sie zum Schritt in den aktiven Tierschutz?

Mahi Klosterhalfen: Als ich mich immer intensiver mit den Machenschaften in der Tierproduktion auseinander setzte, reichte es mir irgendwann nicht mehr, »nur« Veganer zu sein. Ich wollte aktiv etwas gegen diese Industrie unternehmen, die Küken die Schnabelspitzen abtrennt, Kälbern die Hornansätze ausbrennt und Ferkeln die Ringelschwänze abschneidet. Ich wollte etwas dagegen tun, dass Hennen in Käfigen ausharren müssen, in denen sie noch nicht einmal ihren grundlegendsten Bedürfnissen nachgehen können. Ich konnte nicht länger dabei zusehen, dass Tag für Tag tausende Tiere fehlbetäubt geschlachtet werden.

Ich war damals noch immer Student, und über das Internet erfuhr ich von einer Kampagne in den USA, die mich faszinierte: Die größte Tierschutzorganisation der USA (HSUS) unterstützte Studierende dabei, die MensaleiterInnen davon zu überzeugen, keine Käfigeier mehr zu verwenden. Ich dachte zuerst: ‚Wenn es das auch in Deutschland gäbe, wäre ich sofort mit dabei!‘ Das dachte ich mir dann jedes Mal, wenn ich von den Erfolgen der Kampagne gehört habe, bis ich mir irgendwann sagte: »Wenn es das hier nicht gibt, musst du es halt aufbauen!«. Gesagt, getan: Ich rief in den USA an, holte mir Tipps und wenige Wochen später saß ich mit schlotternden Knien meinem ersten Studentenwerks-Gastronomieleiter gegenüber. Er war grundsätzlich offen für das Thema, scheute sich aber vor den Kosten. Deshalb fing ich an, Unterschriften von Studierenden zu sammeln. Ich fand schnell Unterstützung und innerhalb kürzester Zeit kehrte ich mit 5.000 Unterschriften zum Gastronomieleiter zurück. Er war so beeindruckt, dass er mir auf der Stelle versprach, Käfigeier aus den Mensen zu verbannen. Dieser Erfolg hat mich so motiviert, dass ich anfing, mit Studierenden in ganz Deutschland zusammenzuarbeiten und ihnen zu helfen, die gleichen Erfolge zu erzielen.

RG: Das ist beeindruckend und erinnert mich an ein Zitat von Albert Schweitzer, das ich auf der Website Ihrer Stiftung gefunden habe: »Über das, was der Einzelne ausrichten kann, täuscht man sich. Er vermag mehr, als man meint.« Was führte sie dann schließlich zum professionellen Tierschutz und in den Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt?

Mahi Klosterhalfen: Damals trat ich mehreren Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bei, beteiligte mich an Demos und lernte unter anderem Sebastian Zösch kennen. Wir beide hatten durch unsere ehrenamtliche Arbeit immer wieder miteinander zu tun und wir tauschten uns darüber hinaus auch regelmäßig über effektive Kampagnen für die Tiere aus. Sebastian, dessen Werdegang meinem in vielen Grundzügen ähnelt, ist heute übrigens Geschäftsführer des Vegetarierbunds Deutschland. Er sagte eines Tages sinngemäß zu mir: »Wenn du dich weiter für Legehennen einsetzen willst, solltest du mal Wolfgang Schindler kennenlernen. Das ist der Rechtsanwalt, der das Bundesverfassungsgericht überzeugt hat, dass Legebatterien verfassungswidrig sind, und er ist der Gründer der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, die Aldi Nord überzeugt hat, keine Käfigeier mehr zu verkaufen.«

Sebastian hatte die E-Mail-Adresse von Wolfgang Schindler, dem ich gleich schrieb. Wolf lud mich ein, ihn in München zu besuchen. Wir unterhielten uns einige Stunden über die Stärken und Schwächen der Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen und wir stellten schnell fest, dass die Chemie zwischen uns stimmte. In seiner direkten Art fragte Wolf mich nach meiner Kontonummer. Er wolle die Initiative »Käfigfreie Mensa« unterstützen und sehen, was ich mit seiner Hilfe (2.000 Euro) anstellen könne. Ich nutzte das Geld, um mich mit den Studierenden in ganz Deutschland zu treffen, mit denen ich bislang nur telefoniert hatte. Das war wichtig, denn die Erfahrung hatte gezeigt, dass anfangs nicht alle Mensaleiter so offen waren wie »meiner«, was die Studierenden oft demotivierte. Vor Ort konnte ich oft helfen, wieder Schwung in die Sache zu bringen.

Als sich immer mehr Mensen von Käfigeiern verabschiedeten, fragte Wolfgang Schindler mich, ob ich dem Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt beitreten wolle. Ich sagte sofort ja und zu meiner Überraschung machte er mich gleich zum einzelvertretungsberechtigten Vizepräsidenten. Er sagte zu, die Stiftung finanziell zu unterstützen, doch er machte auch klar, dass ich mich selbst um die nötigen Einnahmen kümmern müsste, wenn ich von meiner Tierschutzarbeit leben können wolle (mein Traum).

Ich machte mich also zunächst unbezahlt an die Arbeit, aus einer kleinen, von ihrem Gründer finanzierten Stiftung ohne nennenswerten Außenauftritt eine Stiftung zu machen, die Arbeitsplätze schafft und so deutlich größere Projekte und Kampagnen stemmen kann. Zum Glück fanden und finden sich viele Menschen, die den Ausbau unserer Arbeit mit ihren Spenden und Förderbeiträgen möglich machen. Jetzt, sechs Jahre später, sind wir knapp 20 Personen, die sich – teils als Festangestellte, teils als Bundesfreiwillige – in Vollzeit für den Schutz und die Rechte der Tiere einsetzen.

RG: Wie finanziert sich die Stiftung?

Mahi Klosterhalfen: Die Stiftung finanziert sich fast ausschließlich über Spenden und Förderbeiträge. Aber auch Vermächtnisse spielen eine wachsende Rolle.

RG: Auf welchem Themenbereich liegt das Hauptaugenmerk Ihrer Arbeit?

Mahi Klosterhalfen: Wir sind eine Stiftung, die sich für den Schutz und die Rechte der Tiere einsetzt. Bei unserer Arbeit lassen wir uns von der Maxime »Ehrfurcht vor dem Leben« unseres Namensgebers leiten. Da daraus ein gigantischer Handlungsauftrag entsteht, haben wir uns entschlossen, uns auf den Bereich zu konzentrieren, in dem mit Abstand am meisten Leid und Tod verursacht wird: die Nutzung von Tieren und Tierprodukten als Nahrungsmittel.

Wir fördern die vegane Ernährungsweise als die derzeit ethisch beste Lösung, um dem unnötigen Leid und Tod der »Nutztiere« entgegen zu treten. Dabei machen wir uns nichts vor: die vegane Ernährung umfassend zu verbreiten, ist ein langwieriger Prozess, der meistens Zwischenschritte wie die Reduktion des Fleischkonsums und die vegetarische Ernährung erfordert. Da ein Ende der Nutzung von Tieren als Nahrungsquelle derzeit nicht absehbar ist, wirken wir zudem auf eine weniger qualvolle Züchtung, Haltung und Tötung der Tiere hin.

RG: Wie sehr war der Schutz von sogenannten »Nutztieren« bereits für den Gründer der Stiftung prägend?

Mahi Klosterhalfen: Auch Wolfgang Schindler hat sich stark auf die »Nutztiere« konzentriert, wobei wir den Fokus in meinen ersten Jahren gemeinsam weiter geschärft haben. Vor meiner Zeit hat er beeindruckende Projekte und Kampagnen sowohl gegen Tierversuche als auch gegen die Massentierhaltung auf die Beine gestellt: Er hat Studierende vor Gericht vertreten, die sich aus ethischen Gründen weigerten, Tierversuche durchzuführen, er schrieb juristische Fachartikel zum Tierschutzrecht, die unter Juristen noch heute als legendär gelten, und er schaffte mit dem Aldi-Nord-Käfigeiausstieg den ersten großen Tierschutz-Durchbruch im Bereich der Unternehmenskampagnen.

RG: Was muss man über den Namensgeber der Stiftung wissen?

Mahi Klosterhalfen: Albert Schweitzer war einer der wenigen Philosophen, die ihre Erkenntnisse so ernst genommen haben, dass sie sie als praktische Ethik (vor-)gelebt haben. Das ist auch ein Grund dafür, warum sich die Philosophie auch heute noch so schwer mit ihm tut: sie ist akademisch geprägt und versteht sich höchstens als Wegweiser, der zwar die Richtung anzeigt, aber sich selbst nicht bewegt. Ein anderer Grund ist, dass Schweitzer die Tiere und alles andere Leben in seine Ethik mit einbezogen hat, während damals fast die gesamte restliche westliche Philosophie unglaubliche Verbiegungen vornahm, um sich nicht ernsthaft und konsequent mit der Tierethik auseinanderzusetzen. Was viele zudem nicht wissen: Schweitzer hat aktiven Tierschutz betrieben, und der späte Albert Schweitzer war Vegetarier.

RG: Ist Albert Schweitzer ein Vorbild für Sie?

Mahi Klosterhalfen: Ja. Sich ethische Grundsätze zu erarbeiten und selbst dann nach diesen zu leben, wenn es unbequem wird, ist etwas, woran wir uns alle ein Vorbild nehmen können und sollten.

RG: Was sind Ihre Ziele mit der Stiftung?

Mahi Klosterhalfen: Ich möchte das Ende dessen miterleben, was wir heute als Massentierhaltung bezeichnen und ich will mit der Stiftung wesentlich dazu beitragen, dass Tiere als das anerkannt werden, was sie sind: Individuen mit eigenen Bedürfnissen und Charakteren sowie einem starken Lebenswillen. Und ich möchte gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei helfen, dass wir uns trauen, aus diesen Tatsachen ethische Konsequenzen zu ziehen.

RG: Was war für Sie der bislang größte Erfolg der Stiftung?

Mahi Klosterhalfen: Es lässt sich, glaube ich, ziemlich klar sagen, dass keine andere Organisation einen so großen Beitrag dazu geleistet hat, die Käfighaltung von Legehennen in Deutschland praktisch bis in die Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen: Von der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts bis hin zu den erfolgreichen Verhandlungen mit fast allen großen Supermarkt- und Großhandelsketten sowie mit über hundert Lebensmittelproduzenten gehen die meisten großen Erfolge auf unsere Stiftung oder Akteure der Stiftung zurück. Ganz klar muss man dabei auch sagen, dass wir bei fast allen dieser Schritte große Teile der Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen als Partner hinter uns hatten. Auch diese breiten Bündnisse zu schmieden, sehe ich als großen Erfolg – davon gibt es noch viel zu wenig.

Genauso freue ich mich, dass wir mit vielen Unternehmen zusammenarbeiten, um das vegetarisch-vegane Angebot zu vergrößern, und dass uns immer wieder Menschen schreiben, die aufgrund unserer Arbeit ihren Fleischkonsum drastisch reduziert haben oder gleich auf vegetarisch oder vegan umstellten.

RG: Hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung von Tierrechten und Tierschutz etwas geändert? Wenn ja, was?

Mahi Klosterhalfen: Als ich im Jahr 2005 auf die vegane Lebensweise umstellte und neue Menschen kennenlernte, war ich fast jedes Mal der erste Veganer, den diese Menschen in ihrem Leben gesehen haben. Da hatte ich immer wieder das Gefühl, die Menschen halten mich für einen Außerirdischen – besonders, wenn ich in Restaurants erklärte, was ich essen will und was nicht. Im Scherz sage ich heute manchmal, dass man als vegan lebender Mensch inzwischen ins tiefste Bayern reisen muss, um das noch erleben zu dürfen.

Aber im Ernst: Noch vor wenigen Jahren musste man sich vegane Kochbücher aus den USA und England bestellen, heute belegen vegane Bücher regelmäßig die ersten Plätze der Kochbuch-Bestsellerlisten. Und wir haben innerhalb weniger Jahre einen kompletten Imagewandel durchgemacht: früher galten vegan lebende Menschen als blass, schwach und launisch, heute stellen vegan lebende Athleten regelmäßig neue Weltrekorde auf und die meisten Menschen aus den Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen können auch mal über sich selbst lachen und werden auch so wahrgenommen. Das sind, zusammen mit der stetig wachsenden Zahl der vegetarisch und vegan lebenden Menschen, schon sehr beachtliche Veränderungen innerhalb kürzester Zeit.

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