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Fische in Aquakultur

Forellen in Massentierhaltung
© PPAMPicture – iStock

Fische werden von vielen Menschen als niedere Lebewesen wahrgenommen, denen weder Empfindungsvermögen noch kognitive Fähigkeiten zugestanden werden. Neuere Forschungsergebnisse zeigen jedoch eindeutig, dass die Unterschiede zwischen Fischen und anderen Wirbeltieren hinsichtlich ihres Gedächtnisses, ihrer Lernfähigkeiten und ihrem Sozialverhalten weit geringer sind, als lange Zeit angenommen wurde. So sind Fische erstaunlich lernfähige Lebewesen und weisen Merkmale der sozialen Intelligenz wie Täuschungsstrategien, Bestrafung oder Altruismus auf. Und auch bezüglich der Leidensfähigkeit zeigt sich immer deutlicher: Auch Fische empfinden Angst, Schmerzen und Stress. In der Intensivhaltung von Fischen wird all dies weitestgehend ignoriert.

Leben in der Aquakultur

 

Bild Aquakultur
© Vladislav Gajic – Shutterstock

Weltweit werden immer mehr Fische auf kommerziellen Fischfarmen, sog. Aquakulturen, in Teichen, Zuchtbecken, Netzgehegen und Meereskäfigen gezüchtet. Darunter fallen Süßwasserfische wie Karpfen, Forelle oder Tilapia sowie Meeresfische wie Lachs, Dorade, Heilbutt oder Thunfisch. Der Sektor Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Sektor tierlicher Nahrungsmittel: Zwischen 1980 und 2012 wuchs er um durchschnittlich 8,6 % pro Jahr. Über 66 Millionen Tonnen Fisch sowie Krebs- und Weichtiere werden inzwischen in Meeres- und Süßwasserzuchten gemästet ‒ das entspricht mit über 42 % fast der Hälfte des Gewichts der weltweit verzehrten Wasserlebewesen. 88 % der globalen Aquakulturproduktion werden in Asien gezüchtet, insbesondere in China, auf das rund 62 % zurückgehen ‒ in Europa werden dagegen nur 4,3 % der weltweiten Menge produziert. Der Trend geht derzeit in Richtung Ausbau intensiver Monoaquakulturen mit nur einer Spezies.

Eine Prognose der Weltbank, des International Food Policy Research Institute (IFPRI) und der Food and Agriculture Organization (FAO) schätzt, dass Fischfarmen bis 2030 vermutlich knapp zwei Drittel des gesamten weltweiten Fischkonsums produzieren werden, während der Wildfang abnehmen wird. Bis 2030 werden 38 % des weltweiten Fischkonsums auf China und 70 % auf Gesamt-Asien zurückgehen. Dabei lebt der gesamte Fischerei- und Aquakultursektor schon heute vor allem von globalen Exporten: 2010 wurden weit mehr als ein Drittel der weltweit produzierten Fische exportiert.

Laut den Agriculture, forestry and fishery statistics 2014 stammt ein Fünftel der gesamten EU-Fischerei-Erträge aus Aquakultur – im Jahr 2012 rund 1,25 Millionen Tonnen »Lebendgewicht« an Meerestieren. Mit einem gemeinsamen Anteil von über der Hälfte der Aquakultur-Produktion sind Spanien, das Vereinigte Königreich und Frankreich die drei größten Züchter in der EU (für Infos zu Deutschland siehe Abschnitt »Aquakultur in Deutschland«, Seite 3).

Hohe Besatzdichte und fehlende Strukturierung des Lebensraumes

Aquakultur im offenen Meer
© Malena und Philipp K – fotolia

In der Aquakultur werden die Fische auf engstem Raum gehalten. Und das, obwohl bekannt und belegt ist, dass eine zu hohe Besatzdichte zu vielfältigen Problemen wie erhöhtem Stress, größerer Anfälligkeit für Krankheiten, erhöhter Verletzungsgefahr (insbesondere an den Flossen), Beeinträchtigung des natürlichen Schwimmverhaltens sowie der Zunahme von Aggressionen führen kann. Insbesondere bei wandernden Wasserlebewesen wie z. B. Lachsartigen (Lachs, Forelle) und Thunfischen ist die Differenz zwischen dem natürlichen Lebensraum und dem in der Zuchtanlage verfügbaren extrem: Thunfische z. B. erreichen in der Freiheit Geschwindigkeiten von 80 km/h und durchqueren innerhalb mehrerer Wochen ganze Ozeane. Empfohlen werden deshalb maximale Besatzdichten, die für Lachse und Kabeljau beispielsweise zwischen 10–15 kg/m3 und für Forellen bei 20-30 kg/m3 liegen – die tatsächlichen Besatzdichten liegen jedoch vermutlich meist deutlich höher.

Hohe Besatzdichten werden oft mit dem Argument gerechtfertigt, dass bei niedrigeren – allerdings immer noch deutlich über den natürlichen Dichten liegenden – Besatzdichten insbesondere räuberische Arten aufgrund von territorialem Verhalten zu Aggressivität neigen. Diese Tatsache kann jedoch auch als klares Anzeichen dafür verstanden werden, dass sich diese Arten schlichtweg nicht für die Fischzucht eignen. In der Natur würde dieses Problem gar nicht erst entstehen, da die rangniederen Fische bei Angriffen die Möglichkeit haben auszuweichen.

Zu den hohen Besatzdichten kommt eine Vernachlässigung der Strukturierung des künstlichen Lebensraums, der wenig Reize und Rückzugsmöglichkeiten für die Fische bietet und zudem zu Verhaltensauffälligkeiten führt. Wird z. B. der Heilbutt, der in freier Wildbahn ein bodengrundbewohnender Einzelgänger ist, in engen Gruppen in unstrukturierten Tanks oder Netzgehegen gehalten, kann er sich nicht wie üblich auf dem Boden »ablegen« und muss mehr umherschwimmen. Bei Lachsen in Aquakulturen treten häufig unterentwickelte Exemplare auf, die Säugetier-ähnliche Verhaltensmuster und Biomarker eines depressiven Zustands zeigen.

Handling von Fischen

Werden Fische mit Händen oder Geräten angefasst und aus dem Wasser entnommen (= »handling«), etwa für die Größensortierung, zum Transport, zur Überprüfung der sexuellen Reife oder zur Entnahme der Geschlechtsprodukte wie Spermien oder Eizellen, dann geht dies mit Verletzungsgefahren und Stress einher. Ihre empfindliche Haut, die die Schuppen umgibt, kann beim Abfischen und den verschiedenen Formen der Abfertigung leicht verletzt werden – eine intakte Haut ist jedoch unabdingbar für die Fortbewegung im Wasser sowie den Schutz vor Fressfeinden und äußeren Einflüssen. Außerdem bedeutet allein schon die Entnahme aus dem Wasser für die Fische eine äußerste Stresssituation: Wenn etwa Doraden drei Minuten lang außerhalb des Wassers verbringen müssen, dann steigt ihr Level des Stresshormons Cortisol auf das 50-fache an.

Zuchtmethoden sowie hormonelle und genetische Manipulation

Wie in der Landwirtschaft wird auch in der Fischindustrie selektive Zucht mit Zielen wie schnellerem Wachstum, besserer Futterverwertung und späterer Geschlechtsreife betrieben. Der Atlantik-Lachs z. B. geht zu fast 100 % auf selektiert gezüchtete Stämme zurück, EU-Forellen zu 70 % – ein solcher Lachs lässt sich doppelt so schnell auf das gewünschte Gewicht mästen wie der ursprüngliche Wildlachs. Ebenfalls wie in der Landwirtschaft geht auch die Hochleistungszucht bei Fischen mit vielfältigen Problemen wie z. B. dem verstärkten Auftreten von Katarakten (Trübung der Augenlinse) einher.

In der Fischzucht werden verschiedene, ethisch fragwürdige Methoden angewandt, um beispielsweise Eier zu entnehmen, Fische unfruchtbar zu machen oder sie genetisch zu verändern. Im Folgenden werden einige der gängigen Methoden näher beschrieben.

Da die meisten Fischspezies in Gefangenschaft nicht spontan ablaichen, werden Elterntieren reife Eier und Samen auf verschiedene Arten entnommen: So wird den Fischen beispielsweise mit starkem Druck der Hände über den Bauch gefahren oder über eine Nadel Druckluft injiziert, um die Eier herauszupressen. Eine dritte Variante ist das Töten der Elterntiere. Fische künstlich zur Reproduktion zu bringen, gelingt auch durch den Einsatz von Hormonen, die gleichzeitig die Reifung der Eier und das Ablaichen auslösen.

Weitere hormonelle und genetische Eingriffe beziehen sich auf gewünschte Merkmale: Da je nach Fischart Männchen oder Weibchen schneller wachsen und zudem mit der sexuellen Reife geschlechtsspezifisch die Fleischqualität nachlässt, werden aus wirtschaftlichen Gründen bevorzugt Populationen nur eines Geschlechts gezüchtet. Um etwa eine rein weibliche Population zu erhalten, wird weiblichen Fischen das männliche Hormon Testosteron verabreicht, sodass diese Spermien produzieren. Besamt man mit diesen Spermien die Fischeier, entsteht eine rein weibliche Brut. Diese Praxis findet z. B. bei Lachsartigen, Karpfen und Tilapia ihre Anwendung.

Um u. a. das Kreuzen von aus der Aquakultur entkommenen Fischen mit der wilden Population zu verhindern, werden häufig sterile Fische gezüchtet: Frisch befruchtete Eier werden Hitze- und Druckstößen ausgesetzt, wodurch unfruchtbare, sogenannte triploide Fische mit drei statt zwei Chromosomensätzen entstehen. Ist dies nicht schon bedenklich genug, so leiden Triploide zudem überdurchschnittlich oft z. B. an Wirbelsäulenverformungen oder Atemschwierigkeiten und sterben früher.

Gentechnik wird ebenfalls eingesetzt, um Zuchtziele wie schnelles Wachstum, bessere Futterverwertungsraten, erhöhte Krankheitsresistenz sowie Anpassung an ungünstige Bedingungen wie Kälte und Sauerstoffmangel zu verwirklichen. Dabei treten ähnliche Probleme wie bei gentechnisch veränderten Säugetieren auf: hohe Todesraten (rund zwei Drittel der Fische versterben frühzeitig), verkrüppelte Flossen und Kiemen, reduzierte Fruchtbarkeit und erhöhte Aggressivität. In den USA, Kuba und China liegen den Behörden bereits Anträge auf die Marktzulassung genveränderter Fische vor. Eine kommerzielle Züchtung dieser Fische birgt nicht abschätzbare ökologische Risiken sowie Risiken für das Wohlergehen der Tiere selbst.

Mangelhafte Erforschung der Grundbedürfnisse

Etwa 97 % der zur Zeit in Aquakulturen gehaltenen Wassertiere wurden erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts domestiziert, rund ein Viertel sogar erst seit gut 15 Jahren. Bei derartig rapide fortschreitender Domestizierung immer neuer Arten kann deren verhaltensbiologische Erforschung nicht Schritt halten, weshalb es insgesamt nur wenige Studien über Verhalten und Bedürfnisse der gezüchteten Arten gibt. Das Wissen bezüglich artgerechter Haltung und dem Wohlergehen einzelner Spezies ist daher bisher sehr beschränkt.

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Initiative Transparente Zivilgesellschaft