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Fische in Aquakultur

Forellen in Massentierhaltung
© PPAMPicture – iStock

Fische genießen bei den meisten Menschen weniger Mitgefühl als Säugetiere oder Vögel. Sie erscheinen uns fremdartig, sie leben unter Wasser in einem dem Menschen lebensfeindlichen Raum, sie sind anders als Säugetiere wechselwarm, ihr Gesichtsausdruck zeigt keine Mimik und sie gelten als empfindungslos. Doch dieser Eindruck täuscht. Wissenschaftlich betrachtet stehen Fische den landlebenden Wirbeltieren in vielen Aspekten nicht nach. Sie können lernen, sie merken sich schmerzhafte Erlebnisse und versuchen diese zu meiden und sie entwickeln am Erfolg orientierte unterschiedliche Strategien, um an Futter zu gelangen. Ihr Sozialverhalten ist komplex und sie empfinden ebenso Unwohlsein und Schmerz, Angst und Stress wie andere, vom Menschen als »höher« angesehene Lebewesen. Das alles sind Gründe genug, ihre Lebensbedingungen in den verschiedenen Formen der Fischzucht (»Aquakultur«) kritisch zu hinterfragen.

Aquakultur – was ist das?

Bild Aquakultur
© Vladislav Gajic – Shutterstock

Der Begriff »Aquakultur« umfasst alle Formen der kontrollierten Aufzucht wasserlebender Organismen über ihre natürlichen ökologischen Kapazitäten hinaus – in klarer Abgrenzung zur Fangfischerei. Nach Definition der »Food and Agriculture Organization« (FAO) der Vereinten Nationen versteht man unter »Aufzucht betreiben«, dass in den Wachstumsprozess einer Art durch Maßnahmen wie Besatz, Fütterung oder Prädatorenvergrämung mit dem Ziel der Produktionssteigerung eingegriffen wird. Zur Aquakultur zählen zum Beispiel Forellenproduktion, Lachszucht in Netzgehegen, Karpfenteichwirtschaft, Flusskrebsproduktion in Teichen, Austernproduktion auf Tischkulturen, Kreislaufaquakultur oder Algenproduktion.

Die Vorgehensweise in der Aquakultur von Fischen ist je nach Region, Kultur und technischem Aufwand sehr unterschiedlich. Aquakulturen gibt es als einfache wassergefüllte Gruben im Boden, künstlich angelegte Teiche, wasserdurchströmte Becken, Netzgehege in natürlichen Gewässern bis hin zu hoch technisierten Teilkreislauf- oder Kreislaufanlagen. Generell lässt sich beobachten: Je größer die notwendige Investition und der technische Aufwand zum Betrieb einer Aquakulturanlage sind, umso größer ist auch der wirtschaftliche Druck, sie möglichst ertragsintensiv zu betreiben. Und je ertragsintensiver eine Tierhaltung betrieben wird, desto eher werden der Schutz und das Wohlbefinden der gehaltenen Tiere dem Streben nach möglichst hohen Erträgen untergeordnet. Dieses allgemeingültige Prinzip der industriellen Intensivtierhaltung lässt sich auch in der Ausweitung der Aquakultur von Fischen und Meerestieren weltweit wiederfinden.

Aquakultur gewinnt an Bedeutung

Aquakultur im offenen Meer
© Malena und Philipp K – fotolia

Weltweit werden immer mehr Fische auf kommerziellen Fischfarmen (»Aquakulturen«) in Teichen, Zuchtbecken und Netzgehegen gezüchtet. Darunter fallen Süßwasserfische wie Karpfen, Forellen, Buntbarsche (Tilapia) oder Welse (Pangasius, Clarias) sowie Meeresfische wie Lachs, Dorade, Wolfsbarsch oder Thunfisch. Die Erzeugung von Nahrung tierischen Ursprungs in Aquakultur wächst mittlerweile schneller als die industrielle Intensivtierhaltung von Landtieren. Alleine in den Jahren 2011 bis 2016 stieg die Menge der weltweit in Aquakultur gezüchteten Fische, Krebs- und Weichtiere von 61,8 Millionen Tonnen um 30 % auf 80 Millionen Tonnen an. Im gleichen Zeitraum sank die Menge an wild gefischten Wasserlebewesen von 92,2 Millionen Tonnen auf 90,9 Millionen Tonnen. Mehr als ein Drittel der weltweiten Fischbestände gilt mittlerweile als kritisch überfischt. Bedenkt man, dass rund 8 % der Wildfänge erst gar nicht für die menschliche Ernährung eingesetzt werden, so werden mittlerweile mehr Fische, Krebs- und Weichtiere aus Aquakultur verzehrt als aus Wildfang. Die FAO geht in ihrem Statusbericht 2018 zur weltweiten Entwicklung der Fischerei und Aquakultur (SOFIA 2018) davon aus, dass sich diese Entwicklung ungebrochen fortsetzen wird.

Den weltweit größten Anteil an der Fischzucht in Aquakultur hält seit 1991 China: Jahr für Jahr werden alleine in China mehr Fische in Aquakultur aufgezogen als in allen übrigen Ländern der Erde zusammen. Weitere wichtige Erzeugerländer sind daneben Indien, Indonesien, Vietnam, Bangladesh, Ägypten und Norwegen. Südamerika und Asien – allen voraus China – gelten als Nettoexporteure von Fisch. Nordamerika und Europa hingegen importieren den überwiegenden Teil des dort verzehrten Fisches. In Europa werden nicht einmal 5 % der weltweiten Aquakultur-Produktion erzeugt, aber es werden mit einem Handelswert von fast 60 Milliarden US$ weltweit am meisten Fischprodukte importiert (Stand: FAO-Statistik 2016/SOFIA-Studie 2018).

Aquakultur in der EU und in Deutschland

In der EU stammt weniger als ein Fünftel der gesamten Fischerei-Erträge aus Aquakultur – im Jahr 2015 rund 1,26 Millionen Tonnen »Lebendgewicht« an Meerestieren. Mit einem gemeinsamen Anteil von über der Hälfte der EU-weiten Aquakultur-Produktion sind Spanien (293.510 t), das Vereinigte Königreich (211.568 t) und Frankreich (163.304 t) die drei größten Züchternationen in der EU. Besonders problematisch innerhalb der EU ist, dass die Tierschutzvorgaben für Aquakultur-Betriebe in den EU-Mitgliedsstaaten nicht einheitlich geregelt sind und sehr unterschiedlich ausfallen. So gelten beispielsweise in Deutschland und den Niederlanden klare gesetzliche Vorgaben für eine wirksame Betäubung von Fischen vor der Schlachtung, wohingegen es in den meisten Aquakultur-Betrieben der Mittelmeerländer nach wie vor üblich ist, die gefangenen Fische unbetäubt auf Eis gelegt ersticken zu lassen.

Im Jahr 2016 wurden deutschlandweit rund 20.400 t Fische in Aquakultur – also in speziell dafür angelegten Teichen, in Kalt- und Warmwasseranlagen sowie in Netzgehegen – aufgezogen. Die wichtigsten so gezüchteten Fischarten sind die Regenbogenforelle (8.500 t) und der Karpfen (5.200 t). Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden durch erwerbsmäßige Fischerei in natürlichen Seen und Flüssen etwa 2.619 t verschiedene Fische gefangen, durch Angelfischerei hingegen mindestens 18.200 t, nach Einschätzung des Instituts für Binnenfischerei wahrscheinlich sogar mehr.

Im Gegensatz zur weltweiten Zunahme der Aquakultur mit jährlichen Zuwachsraten von bis zu 8 % findet in Deutschland nur ein geringer Ausbau der Fischzucht in Aquakultur statt. Rund vier von fünf hierzulande verzehrten Fischen stammen aus dem Ausland. Gründe dafür sind die niedrigen Preise importierter Aquakultur-Produkte und die im internationalen Vergleich hohen behördlichen Anforderungen an Aquakultur-Anlagen in Deutschland. Hierzulande findet man traditionelle Karpfenteiche, von Fluss- oder Quellwasser durchströmte Forellenbecken sowie einige technische Aquakulturanlagen, die unabhängig von der Verfügbarkeit und Beschaffenheit von Oberflächenwasser arbeiten. Im Saarland ist sogar eine landbasierte Meerwasser-Kreislaufanlage in Betrieb.

Wasserqualität: ein entscheidender Tierschutzaspekt

Auch wenn sich Parallelen zur industriellen Intensivtierhaltung aufdrängen: Bei Fischen in der Aquakultur sind nicht zu hohe Besatzdichten das brennendste Tierschutzproblem, sondern die Gewährleistung einer jederzeit tiergerecht guten Wasserqualität. Fische brauchen sauberes Wasser zum Atmen, zur Fortbewegung und zur Fortpflanzung, zum Aufnehmen von Futter und um Stoffwechselendprodukte wieder loszuwerden; sie nehmen durch das Wasser ihre Umgebung wahr und sie orientieren sich darin.

Eine zentrale Forderung für verbesserten Tierschutz in der Aquakultur beläuft sich auf die Gewährleistung einer jederzeit hinreichend guten Wasserqualität. Dabei müssen tierartspezifische Ansprüche der unterschiedlichen kultivierten Fischarten angemessen beachtet werden.

Eine schlechte Wasserqualität behindert den Gasaustausch bei der Atmung. Trübstoffe können die Kiemen reizen und sie anfälliger für Krankheitserreger machen. Durch gelöste Schadstoffe im Wasser wird zudem die Haut der Fische in Mitleidenschaft gezogen, sodass ihre Abwehrkraft gegen Pathogene und Parasiten sinkt. Zu warmes oder zu kaltes Wasser, ein falscher pH-Wert oder ein unzureichender Salzgehalt beeinträchtigen ebenfalls die Gesundheit und das Wohlergehen von Fischen. Selbst Stress lässt sich durch gelöste Stresshormone über das Wasser von einem Fisch auf den anderen übertragen – und das sogar zwischen verschiedenen Arten.

Kleinere ungünstige Veränderungen der verschiedenen Wasserparameter können Fische je nach Art und Lebensstadium oft noch längere Zeit kompensieren. Kompensation kostet jedoch Energie und kann bei den wechselwarmen Wasserbewohnern sogar soweit führen, dass sie ihr Wachstum einstellen. Das ist in der gewerblichen Fischzucht kein wünschenswerter Zustand und wird deshalb auch möglichst vermieden. Doch weil sich die verschiedenen Wasserparameter gegenseitig beeinflussen, können kritische Veränderungen relativ unvorhersehbar auftreten und zu Leiden und Schäden führen – bis hin zum Absterben des Fischbesatzes.

Wie schnell die Wasserqualität einer Fischkultur in kritische Werte umkippen kann, ist wiederum von der Besatzdichte abhängig und vom Grad des Wasseraustauschs beziehungsweise der Wasseraufbereitung. Je mehr Fische pro Kubikmeter Wasser gehalten werden, umso schneller muss das Wasser ausgetauscht oder durch biologische Klärung wieder gereinigt werden. In naturnahen extensiven Aquakulturen, beispielsweise Karpfenteichen, findet die Wasserreinigung ausschließlich durch Mikroorganismen und Pflanzen im Ökosystem Teich statt. In intensiveren Aquakulturen, beispielsweise bei der Forellenzucht in Durchflussbecken, muss stetig frisches Bach- oder Quellwasser zugeführt werden. Bei der Aufzucht von Lachsen in marinen Netzgehegen ist der Wasseraustausch durch die Meeresströmung entscheidend für die Wasserqualität. In geschlossenen Systemen, sogenannten Kreislaufanlagen, wird versucht, mit Hilfe hoch technisierter Mess-, Regel-, Belüftungs- und Aufbereitungstechnik die Wasserqualität aufrechtzuerhalten.

Als tierschutzgerecht in Hinblick auf die Wasserqualität kann eine Aquakultur nur dann angesehen werden, wenn in ihr Leiden und Schäden wirksam vermieden werden, die aufgrund von kritischen Veränderungen der Wasserqualität durch die Besatzdichte, durch natürliche äußere Einflüsse oder durch technische Mängel der Anlage auftreten können.

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