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Fische: soziale und empfindsame Tiere

Fische
© Vilainecrevette – Shutterstock

Um die gewaltige Nachfrage nach Fisch zu decken, werden jedes Jahr weltweit zwischen 970 und 2.700 Milliarden Fische gefangen, gezüchtet und teilweise aneinander verfüttert (letzteres in Aquakulturen). Zum Vergleich: Die Zahl der weltweit geschlachteten Landtiere liegt laut FAO bei knapp 70 Milliarden pro Jahr (Stand: 2013).

Einige Menschen, die sich aus ethischen Gründen gegen den Konsum von Fleisch entscheiden, essen weiterhin Fisch. Das mag daran liegen, dass Fische lange – auch von der Wissenschaft – als bloße »Reflexmaschinen« ohne Empfindungen betrachtet wurden. Eine wachsende Anzahl von Forschungsergebnissen zeigt jedoch, dass Fische ganz im Gegenteil kognitive und soziale Wesen sind, die fühlen können und zu erstaunlichen Leistungen in der Lage sind.

Selbstbewusstsein

Delfine, Elefanten, Schimpansen, Elstern – Sie alle haben den sogenannten Spiegeltest bestanden. Mit diesem Test möchten Wissenschaftler herausfinden, ob sich Tiere ihrer selbst bewusst sind. Während des Versuchs wird dem jeweiligen Tier ein Spiegel präsentiert und seine Reaktion auf das eigene Ebenbild beobachtet und interpretiert.

Auf den Bahamas wurde der Spiegeltest kürzlich mit Manta-Rochen durchgeführt – mit einem interessanten Ergebnis: Die zwei Versuchstiere zeigten keinerlei Anstrengungen, mit ihrem Spiegelbild interagieren zu wollen, was darauf hinweist, dass sie die Reflexionen nicht als einen anderen Artgenossen interpretierten. Stattdessen bewegten sie sich in ungewöhnlicher Weise vor dem Spiegel und ließen Blasen emporsteigen – vermutlich, um zu sehen, ob ihre Reflexionen im Spiegel sich genau so bewegten wie sie selbst oder sogar, um mit ihrem Spiegelbild zu experimentieren bzw. zu spielen. Laut den Autoren der Studie zeigen die Rochen damit ein ganz ähnliches Verhalten wie Affen. Sollten die Rochen tatsächlich ihrer selbst bewusst sein, würde das den Forschern zufolge den Schluss zulassen, dass die Tiere auch zu hoch entwickelten kognitiven und sozialen Leistungen in der Lage sind.

Soziales Lernen

Fische sind dazu imstande, durch Artgenossen zu lernen und kulturelle Traditionen aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel dafür sind Guppies, die den Weg zu versteckten Futterplätzen von ihren Artgenossen lernen. Auch Steinbarsche orientieren sich bei der Nahrungsaufnahme an Anderen: Wird jungen Fischen dieser Art ein für sie unbekanntes Beutetier präsentiert, rühren sie es nicht an. Beobachten die Jungen jedoch einen Artgenossen, der das Tier frisst, tun sie es ihm gleich.

Gemeinsame Jagd

Die Zusammenarbeit während der Jagd gilt als ein wichtiger evolutionärer Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Aus dem Tierreich ist dieses Verhalten ebenfalls bekannt, zum Beispiel bei Löwen, Wölfen und Schimpansen. Eine interessante Form der Zusammenarbeit zwischen zwei Fischarten zeigen Zackenbarsche und Riesenmuränen. Um eine gemeinsame Jagd zu initiieren, taucht der Barsch vor dem Tagesversteck der nachtaktiven Muräne auf und fordert sie u. a. mit übertrieben starken Bewegungen seines Körpers dazu auf, ihm zu folgen. Kommt die Muräne dem nach, führt der Barsch sie zu dem Versteck eines Beutefisches. Dort angelangt, schlüpft die schlanke Muräne in das Versteck und sucht nach der Beute. Erwischt sie den Fisch, war die Jagd für die Muräne erfolgreich; flieht die Beute, wartet draußen der Barsch auf seine Mahlzeit. Beide Jagdpartner nehmen durch diese Kooperation mehr Nahrung auf als wenn sie jeweils allein jagen würden.

Räumliches Gedächtnis

Neben der gemeinsamen Jagd ist noch eine weitere Leistung des Zackenbarsches bemerkenswert: Um die Muräne zum Beutefisch zu führen, muss er sich daran erinnern, wo dieser sich versteckt hat. Auch das Tagesversteck der Muräne muss er gut kennen, denn er sucht nicht beliebig nach irgendeinem Jagdpartner. Tatsächlich scheint er sogar Muränen, mit denen er in der Vergangenheit bereits gemeinsam gejagt hat, bevorzugt auszuwählen.

Ein hervorragendes räumliches Gedächtnis kann auch die Krausflossen-Grundel vorweisen. Bei Niedrigwasser versteckt sie sich in Gezeitentümpeln, die auch bei Ebbe mit Seewasser gefüllt bleiben. Bei Gefahr springt die bis zu 15 cm große Grundel von Tümpel zu Tümpel. Das Besondere daran: Die Tiere können die anderen Tümpel nicht sehen, wenn sie zum Sprung ansetzen. Eine Reihe Untersuchungen aus den 1940ern hat gezeigt, dass sie bei Flut über das Gebiet schwimmen und sich die Lage der Tümpel genau einprägen. Das Wissen darüber können sie sogar nach 40 Tagen noch abrufen – ein eindrücklicher Hinweis darauf, dass das so häufig angeführte, angebliche »3-Sekunden-Gedächtnis« von Fischen nicht den Tatsachen entspricht.

Gebrauch von Werkzeugen

Der Gebrauch von Werkzeugen war lange eine Fähigkeit, die nur Menschen zugeschrieben wurde. Mittlerweile weiß man jedoch, dass auch viele Tiere Werkzeuge nutzen – Fische sind dabei keine Ausnahme. So bläst beispielsweise der Großzahn-Lippfisch Wasser auf eine mit Sand bedeckte Muschel, um sie freizulegen. Anschließend trägt er seine Beute in seinem Mund zu einem nahegelegenen Stein, um sie dort zu zertrümmern. Strenggenommen sprechen einige Forscher allerdings erst dann von »Werkzeuggebrauch«, wenn ein Tier selbst ein Hilfsmittel benutzt, um sein Ziel zu erreichen. Dies ist bei den südamerikanischen Buntbarschen der Fall: Diese nutzen Blätter als Transportmittel, um ihre Eier bei Gefahr in Sicherheit zu bringen.

Soziales Verhalten

Es ist mittlerweile erwiesen, dass Fische ihre Artgenossen individuell voneinander unterscheiden und erkennen können. Mit dieser Fähigkeit ist ein Grundstein für komplexere soziale Verhaltensweisen gelegt.

Wenn etwa Buntbarsche einen Zweikampf beobachten, können sie sich merken, wie dieser ausgegangen ist. Das Wissen darüber, welcher Fisch stärker oder schwächer ist, machen sie sich dann in eigenen Kämpfen mit den jeweiligen Gegnern zunutze.

Ein faszinierendes Beispiel für die soziale Intelligenz der Fische ist außerdem der Putzerfisch. Vertreter dieser Art machen ihrem Namen alle Ehre: Sie unterhalten »Putzstationen« und ernähren sich von Parasiten und Algen, die sie von den Körpern ihrer »Kunden« entfernen. Besonders fleißige Exemplare reinigen über 2.000 Fische am Tag, die über 100 verschiedenen Arten angehören.

Es gibt starke Hinweise darauf, dass die Putzerfische ihre Kunden kategorisieren können. Hätte ein Fisch auch eine andere Putzstation ansteuern können (etwa weil er ein großes Territorium hat), wird er bevorzugt behandelt. Kunden, von denen der Putzerfisch weiß, dass sie nur seine Putzstation ansteuern können, müssen demgegenüber länger auf ihre Behandlung warten. Gleichzeitig werden die Putzerfische ihrerseits von ihren potenziellen Kunden beobachtet und bewertet. Ist der Service nicht zu deren Zufriedenheit, steuern sie gegebenenfalls einen anderen Putzerfisch an.

Sollte der Putzerfisch einmal zu viel Material von einem Fisch abfressen (z. B. gesundes Gewebe), reagieren die Kunden darauf häufig, indem sie ihn aggressiv verfolgen. Um sein Fehlverhalten wieder gut zu machen, gibt sich der Putzerfisch bei der nächsten Behandlung nachweislich mehr Mühe und lässt dem Fisch eine überdurchschnittliche Säuberung zuteil werden. Damit solche komplexen Interaktionen funktionieren, ist das Wiedererkennen der Kunden Voraussetzung. Dementsprechend geht man davon aus, dass Putzerfische mehr als 100 unterschiedliche Kunden individuell voneinander unterscheiden.

Körperkontakt

Um ihre Kunden zu beschwichtigen, nutzen Putzerfische Körperkontakt: Sie schwimmen über den Fisch und berühren ihn. Dieses Verhalten zeigen sie häufiger bei Raubfischen als bei harmlosen Exemplaren – offenbar, um eine eventuell aufkommende, gefährliche Attacke gleich im Keim zu ersticken. Dass Fische Körperkontakt als angenehm empfinden, zeigt sich auch daran, dass sie in unterschiedlichen Situationen darum bitten. So schwimmen beispielsweise freundlich gesinnte Barsche zu menschlichen Tauchern, um sich streicheln zu lassen. Auch von Muränen, die menschlichen Körperkontakt suchen, wird berichtet.

Wie auch für uns Menschen haben solche Streicheleinheiten für Fische therapeutischen Charakter. Dies konnte in einem Versuch nachgewiesen werden, in dem ein Doktorfisch eine halbe Stunde lang allein in einem Gefäß ausharren musste, das nur gerade so viel Wasser enthielt, um ihn zu bedecken. Wenn er die Möglichkeit hatte, begab sich der Fisch in die Nähe einer realistischen Putzerfisch-Attrappe, die streichelnde Bewegungen ausführte. Der Stresslevel des Fisches – gemessen am Kortisollevel im Blut – nahm beim Kontakt mit der Attrappe deutlich ab.

Fische können gestresst sein, aber auch an einer Art Depression leiden – das haben vor Kurzem schwedische Forscher herausgefunden. Auf jeder Lachsfarm kann man Fische beobachten, die – in der Entwicklung gehemmt und zu klein regungslos an der Oberfläche treiben. Die chemischen Eigenschaften des Gehirns und die Verhaltensweisen dieser Fische ähneln den typischen Symptomen einer Depression, wie sie bei anderen Tieren dokumentiert wurden. Hervorgerufen wird die Depression der Lachse durch die Umgebung, in der Fische in Aquakultur leben: In überfüllten Becken, in denen sie mit aggressiven Artgenossen ums Futter kämpfen müssen und unregelmäßigen Veränderungen des Lichts, des Wassers und der Strömungen ausgesetzt sind.

Fazit

Fische nehmen in unserer Wahrnehmung eine Sonderstellung ein: Sie sind vielen von uns fremd, u. a. weil sie einen anderen Lebensraum bewohnen als wir und weil sie keine Säugetiere sind. Nicht zuletzt deswegen wurde Fischen lange Zeit die Fähigkeit zu kognitiven Leistungen und Empfindungen abgesprochen.

Die vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Fische zu komplexen Verhaltensweisen fähig sind. Weitere Forschungsprojekte dazu sind – zumindest wenn sie tierfreundlich durchgeführt werden – wünschenswert, um die jeweiligen Resultate noch weiter zu untermauern. Die bisherigen Ergebnisse zeigen jedoch bereits, dass wir unser Bild von Fischen grundlegend überdenken sollten – und damit auch unseren Umgang mit ihnen.

Mehr zum Thema finden Sie in unseren Artikeln zu Meerestieren.

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