Mastkälber

Kalb auf der Wiese - hat es besser als Mastkälber
© Nate Allred – Shutterstock

Kälber haben ein starkes Bedürfnis zu laufen, rennen und spielen. Sie sind sehr aufgeweckt, brauchen soziale Kontakte, speziell in den ersten Lebenswochen aber auch noch ausgedehnte Ruhepausen. Die Geburt eines Kalbes kann bis zu sieben Stunden dauern, dazu kommen die mehrtägige Vorbereitungsphase des Muttertieres sowie die Zeit nach der Geburt. Normalerweise leckt die Mutter ihr Kalb nach der Geburt trocken. Diese sensible Phase dient zur Ausbildung der Mutter-Kind-Bindung. Schon nach einer halben Stunde beginnt das Neugeborene mit den ersten Aufstehversuchen und sucht nach dem Euter – innerhalb von drei Stunden haben die meisten Kälber die erste Milch getrunken. Die Kälbermast wird den unterschiedlichen Bedürfnissen der Tiere schon in den ersten Lebenstagen nicht gerecht.

Leben in der Kälbermast

Mastkalb in Einzelhaltung
© Animal Rights Watch

Die zukünftigen Mastkälber entstammen meist Milchkuhbetrieben und sind größtenteils die männlichen Nachkommen der Milchkühe (aber auch weibliche Kälber werden gemästet, wenn kein Bedarf besteht, sie als Milchkühe einzusetzen). Sie können keine Milch geben und sind auch für eine Bullenmast nicht geeignet – Milchkuhrassen sind selektiv auf eine hohe Milchleistung gezüchtet und nicht darauf, viel Fleisch anzusetzen. Trotzdem müssen Mastkälber täglich durchschnittlich 1,1 bis 1,2 kg zunehmen, um innerhalb kurzer Zeit ein Mastendgewicht von 220 kg bis 260 kg zu erreichen. Insofern sie nicht gleich in dem Betrieb gemästet werden, in dem sie auch geboren wurden, werden sie ab dem vierzehnten Lebenstag an andere Mastbetriebe weiterverkauft. Jeder damit einhergehende Transport stellt eine enorme Belastung für die Kälber dar. Derzeit leben in Deutschland rund 430.000 männliche Milchkuh-Nachkommen.

Wird das neugeborene Kalb für die Mast bestimmt, wird es sofort von der Mutter getrennt und separat untergebracht. Diese Einzelhaltung der Kälber ist bis zur achten Lebenswoche gesetzlich erlaubt. Die Kälber leben in dieser Zeit entweder in einem Stall in kleinen Boxen oder in einem Kälberiglu außerhalb des Stalls. Durch die ständige Einzelhaltung fehlen der natürliche Mutter-Kind-Kontakt sowie mütterliche Reize und Motivationen nach der Geburt: Die Neugeborenen werden nicht abgeleckt und ihre Aufstehversuche werden nicht von der eigenen Mutter unterstützt. Außerdem wird die Angliederung an die größere soziale Gruppe unterbunden, die bei Kälbern nach einigen Lebenstagen mit einem starken Bedürfnis nach Sozialkontakten inkl. Berührungs- und Sichtmöglichkeiten beginnt. Dieses Gemeinschaftsbedürfnis kann nur in einer Gruppenhaltung befriedigt werden.

Erst ab der achten Lebenswoche werden die Kälber in Gruppen gehalten und dabei meist in Ställen mit mehreren Buchten. Diese sind entweder mit Tiefstreu oder Vollspaltenböden ausgestattet, wobei ein Stall mit eingestreuter Fläche zwar arbeitsaufwändiger, für das Wohlbefinden der Kälber aber essentiell ist. Er ermöglicht das sorglose Laufen und Rennen ohne Ausrutschen und verhindert so Verletzungen. Vorgezogen wird bei der Kälbermast jedoch meist ein einstreuloser Stall mit Vollspaltenboden, da die Tiere fast ausschließlich mit Flüssignahrung ernährt werden, was dazu führt, dass ihr Kot sehr flüssig ist und die Einstreu schneller verschmutzen würde. Außerdem würden die Kälber aus Beschäftigungs- und Raufuttermangel das Stroh vom Boden fressen und das Risiko für Erkrankungen, Verstopfungen und unzureichende Tageszunahmen würde steigen – die Gewinnspanne des Landwirts würde mit all dem sinken. Zwar liegen auf Vollspaltenböden zum Teil Gummiauflagen, doch sind diese nicht weich genug, was zu einem eingeschränkten Ablegeverhalten führt. Eine hohe Besatzdichte bewirkt außerdem, dass die Kälber das Liegen mit ausgestreckten Beinen vermeiden, aus Angst, dass ihre Artgenossen auf sie treten.

Fütterung der Mastkälber

Die erste Milch nach der Geburt wird Kolostrum oder »Biestmilch« genannt. Im Gegensatz zur späteren Milch hat sie eine andere Farbe (gelblich-bräunlich) und auch eine andere Zusammensetzung, wobei besonders Antikörper (Immunglobuline) eine herausragende Rolle fürs Kalb spielen. Das Kolostrum steht in den ersten Tagen ausschließlich dem Nachwuchs zu. Das Kalb darf jedoch nicht aus dem Euter trinken, die Mutterkuh wird schon am ersten Tag per Hand oder maschinell gemolken. Dadurch wird verhindert, dass eine Bindung zwischen Muttertier und Kalb entstehen kann, die die spätere Trennung erschwert.

Da die Kälber fast ohne eigene Abwehrkräfte geboren werden, erhalten sie über die erste Milch einen Schutz vor Krankheiten. Diese passive Immunisierung ist jedoch zeitlich begrenzt. Einerseits ist die Darmwand des Kalbes nur für einige Zeit durchlässig für diese Moleküle, andererseits sinkt mit der Zeit der Gehalt der Immunglobuline in der Milch. Die Schutzwirkung des Kolostrums hält also nicht lange an, weswegen eine Ausbildung der eigenen Abwehr der Kälber wichtig ist, die ab der zweiten Lebenswoche beginnt.

Drenchen

Da gerade schwache Kälber häufig nur einen geringen Saugreflex zeigen, werden diese – häufig auch aufgrund von Zeitmangel – für die Nährstoffversorgung zwangsgetränkt, auch wenn das Zwangsverabreichen von Nahrung ohne medizinische Begründung laut Tierschutzgesetz verboten ist. Bei diesem sog. Drenchen wird eine Schlundsonde (ein Plastikschlauch) in den Magen der Tiere geschoben. Mit dieser Technik werden jedoch der natürliche Schluckvorgang und die Ausbildung einer Rinne im Pansen (der größte der drei Vormägen) zum Transport der Milch umgangen und die Milch gelangt nicht direkt in den Labmagen, in dem eigentlich ihre erste Verdauung stattfindet. In Studien wurde gezeigt, dass sich durch das Drenchen nicht immer, wie gewünscht, der Gesundheitszustand der Kälber verbessern lässt. Im Gegenteil: Verschiedene Erkrankungen stehen sogar speziell mit der Zwangstränke in Verbindung (s. u.).

Andere Methoden der ersten Milchversorgung werden aber oft als zu zeit- und arbeitsaufwändig gesehen. Doch nehmen z. B. gerade Kälber, die bei ihrer Mutter bleiben dürfen, mehr Kolostrum auf, wobei eine bessere Aufnahme der Abwehrkörper aus der Milch durch die Bindung von Mutter und Kalb stimuliert wird.

Milchersatz für Kälber

Mastkälber
© tierschutzbilder.de

Nach den ersten beiden Wochen wird in der Kälbermast statt der Milch ein Milchaustauscher aus Eimern mit Nuckeln oder Tränkeautomaten gefüttert (die Milch der Mutterkuh soll dem menschlichen Verzehr vorbehalten bleiben). Milchaustauscher sind hoch verarbeitete Erzeugnisse, die u. a. aus Nebenprodukten der Milchherstellung wie Magermilch- und Molkenpulver (zum Teil entmineralisiert und entzuckert) sowie pflanzlichen Inhaltsstoffen bestehen. Diese Futterumstellung der jungen Kälber ist eine zusätzliche Belastung, der sie alleine und ohne Beistand ihrer Mutter ausgesetzt sind.

Am Lebensanfang ist der Vormagen der Kälber noch gering ausgebildet. Die getrunkene Milch wird im Labmagen und Dünndarm verdaut und muss dafür die noch kleinen und kaum funktionsfähigen Vormägen mittels Schlundrinnenreflex passieren. Erst mit zunehmendem Alter und richtigem Futter entwickelt sich das Kalb zu einem Wiederkäuer mit mehrhöhligem Magen. Diese Entwicklung wird bei Mastkälbern unterbunden, da die Tiere bis zur Schlachtung fast nur mit Milch oder Milchaustauschern ernährt werden. Schon seit langem ist jedoch bekannt, dass eine auf Flüssignahrung basierende Ernährung für Kälber nicht ausreichend ist. Erst mit der Aufnahme von Raufutter (z. B. Heu) entwickeln sich der Pansen und die Pansenzotten.

Eine frühe Versorgung mit rohfaserreichem Futter ist für Wiederkäuer auch aus weiteren Gründen essentiell: So werden etwa viele Kälber mit einem Eisenmangel geboren, der nicht sofort durch die Aufnahme von Milch ausgleichbar ist. Erhält das Kalb jedoch frühen Zugang zu Rau- und Kraftfutter kann es innerhalb der ersten Lebenswochen den Mangel ausgleichen. Eine Eisengabe vom Landwirt unter die Haut des Kalbes oder in das Futter ersetzt nicht die ausreichende Versorgung mit Raufutter. Zudem zeigen viele Kälber schon früh ein spielerisches Interesse für festes Futter wie Heu. Auch wenn den Tieren gesetzlich eine Mindestmenge an Rau- und Kraftfutter zusteht, reicht diese bei weitem nicht für eine wiederkäuergerechte Entwicklung aus.

Zurückdrängung der Grundbedürfnisse

Die mutterlose Aufzucht von Kälbern ist überwiegend wirtschaftlich begründet und hat negative Folgen für das einzelne Tier. Es leidet vermehrt unter Stress und kann schlechter mit seiner Umwelt umgehen.

a) Bewegungsfreiheit und Ruheverhalten

Sind die Kälberboxen zu klein, können sich die Tiere nicht ungestört ablegen und haben für die eigene Körperpflege keinen Platz. Gerade Kälber haben jedoch ein ausgesprochenes Bewegungsbedürfnis und wollen laufen und spielen. Besonders deutlich wird dieses Bedürfnis beim Eintreten des sog. »rebound effects«: Wurden Kälber über einen längeren Zeitraum in kleine Boxen eingesperrt und gibt man ihnen dann die Möglichkeit sich frei zu bewegen, zeigen sie deutlich mehr Bewegungslust. Waren die Tiere jedoch zu lange eingesperrt, können sie sich nicht mehr gut bewegen, da die Einschränkung der Fortbewegungsmöglichkeit zu einer mangelnden Knochen- und Muskelentwicklung führt.

Da Kälber zum Ruhen vornehmlich die Seitenlage mit ausgestreckten Beinen einnehmen, sollte ihnen die Liegefläche der Box dies ermöglichen und die individuell (oder rassebedingt) unterschiedlichen Größen der Kälber berücksichtigen, um sie nicht in zu kleinen Boxen unterzubringen. Wird dies nicht gewährleistet, kann der Stresslevel der Tiere ansteigen.

b) Sozialverhalten und Nahrungsaufnahme

Durch die künstliche mutterlose Fütterung aus Eimern oder Tränkeautomaten wird das Saugbedürfnis der Kälber nicht ausreichend befriedigt und der Saugreflex bleibt ungestillt. Würde das Kalb bei seiner Mutter bleiben, könnte es mehrmals am Tag (durchschnittlich sechs Mal) langsamer kleine Portionen Muttermilch trinken. In der Kälbermast wird jedoch nur zwei bis dreimal täglich eine große Menge Milchaustauscher angeboten, die dann von den Tieren hastig getrunken wird. Ein Vergleich der Saugzüge der Kälber, die bei ihrer Mutter trinken (6000 Sauzüge pro Tag), mit den Saugzügen von Kälbern, die zweimal täglich Eimertränkungen erhalten (300 Saugzüge pro Tag), zeigt das erhebliche Saugdefizit von Kälbern bei der mutterlosen Aufzucht. Verhaltensstörungen, die als Indikatoren für Leiden gesehen werden, sind die Folge (s. u.).

Einem Kalb muss neben der Milchtränke auch immer frisches Wasser zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen. Gerade bei Mastkälbern, die fast kein Festfutter erhalten, wird auf eine qualitativ hochwertige Wasserversorgung häufig kaum Rücksicht genommen, da die Tiere hauptsächlich Flüssigfutter erhalten und so der Eindruck entsteht, dass die Tiere kaum Wasser aufnehmen wollen.

c) Körperpflege und Komfortverhalten

Mastkalb mit Gelenkentzündung
© Animal Rights Watch

Kälber sind wie erwachsene Rinder Weichbodenlieger und benötigen weiches, trockenes und sauberes Einstreumaterial. Gerade junge Kälber brauchen einen trockenen und wärmegedämmten Liegebereich. Die älteren Mastkälber werden aber meist auf harten Vollspaltenböden gehalten. Mit zunehmendem Gewicht nehmen so die Hautverletzungen an den Beinen sowie Gelenkschäden zu.

Werden die Tiere in Ställen gehalten, ist ein Aufrechterhalten des Tag-Nacht-Rhythmus wichtig für das Heranwachsen, Wohlbefinden, aber auch für eine altersgerechte Entwicklung des Verhaltens. Fehlen ausreichend große Fenster müssen als Ausgleich UV-Lampen für eine ausreichende Helligkeit sorgen. In dunklen Ställen gehaltene Tiere zeigen eine exzessive Angst und weisen Stereotypien auf (s. u.).

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