Jetzt helfen Ferkel

Rede für den Minister-Rücktritt

Sybilla Keitel auf der WHES-Demo 2015Im Rahmen der »Wir haben es satt!«-Demo am 17. Januar 2015 in Berlin hat Sybilla Keitel von der Bürgerinitiative Kontraindustrieschwein Haßleben eine bewegende und vielbeachtete Rede gehalten, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Die Bürgerinitiative, mit der wir eng zusammenarbeiten, hat es bis heute geschafft, die Inbetriebnahme der vor vielen Jahren beantragten Mega-Schweinemastanlage in Hassleben zu verhindern – trotz bereits erfolgter Genehmigung.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Woidke,
sehr geehrter Herr Minister Vogelsänger [beide Brandenburg]!

Ich spreche zu Ihnen als Mitglied der Bürgerinitiative Kontraindustrieschwein Haßleben und heute vor zigtausend Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Berlin gekommen sind.

Seit elf Jahren kämpfen wir nun schon gegen die drohende Schweinefabrik in der Uckermark. Im Jahre 2013 wurde Haßleben in Ihrer Verantwortung genehmigt, konnte aber gottseidank noch nicht in Betrieb genommen werden, weil wir im Widerspruchsverfahren zu dieser Genehmigung sind. In dieser ist eine tierquälerische Haltung weiterhin zugelassen. Die schon geschädigte Natur darf weiter mit Stickstoff verseucht werden. Geradezu grob fahrlässig ist, dass es gar kein funktionierendes Brandschutzkonzept gibt: laut Fachgutachten können die Tiere nicht gerettet werden. Die Feuerwehr sagt, da schickt sie keinen rein.

Davon haben Sie sich überhaupt nicht beeindrucken lassen, auch nicht von 47.000 Menschen, deren Unterschriften gegen Haßleben Ihnen überreicht wurden, nicht von fast 35.000, die in einer Volksinitiative die Abkehr von der Massentierhaltung in Brandenburg fordern, und schon gar nicht von 800.000 Demonstranten, die von New York bis Sydney auf die Straße gingen, um das Klima vor den Folgen des wahnwitzigen Fleischkonsums zu retten. Schon wieder haben sich hier zigtausend Menschen versammelt. Alles nur Irrläufer? Wie verblendet müssen Sie sein, den weltweiten Widerstand gegen Massentierhaltung als »Irrweg« abzutun!

Und als ob all die verhöhnt werden sollten, die auch zu Tausenden in ganz Brandenburg auf die Straße gehen, genehmigen Sie nun bald wöchentlich eine Tierfabrik nach der andern: 67.000 Schweine in Tornitz am Spreewald, 80.000 Legehennen am Unteren Uckersee, lassen Naturschutzgebiete im Oderbruch wie auch in der Prignitz mit Hühnerfabriken zupflastern und geben Ihre Regierungs-Parole aus: Brandenburg braucht mehr Tierproduktion!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Landwirtschaftsminister: Wann endlich hören Sie auf die Bürger anstatt auf die Lobbyisten der Agrarindustrie? Wann begreifen auch Sie, dass Tiere keine Ware sind und Äcker nicht dazu da, vergiftet zu werden?

In 100 Jahren wird man unsere Zeit vermutlich als finstere Epoche bezeichnen, in der man Milchkühen ihre Kälber entrissen und sie zu Hochleistungsmaschinen gemacht hat, alltäglich Millionen Küken lebendig geschreddert wurden und neugeborene Ferkel an der Brüstung totgeschlagen. Als man Wildtiere durch Gülle, Kunstdünger und Vergiftung durch Pestizide ausrottete und die Honigbienen auch: ein einziger Horror. Wie seltsam skrupellos müssen Politiker sein, um sowas als Kollateralschaden ihres Wirtschaftsmodells einzukalkulieren? Eines Wirtschaftsmodells, was Wasser, Luft und Boden ruiniert, aus vielfältiger Vegetation Maismonokulturen macht und schließlich alle kleinbäuerlichen Betriebe von der Landkarte fegt: zu Diensten von multinationalen Konzernen, die aus Menschen und Tieren Kapital pressen.

Kein Mensch kann doch die Sendungen noch aushalten, die alle paar Tage zeigen, was sich zum Beispiel in den Hochsicherheitstrakten der Tierfabriken für ein schier unerträgliches Elend abspielt. Erzählen Sie uns nicht, das seien Ausnahmen: nein, dieses furchtbare Verbrechen an wehrlosen Tieren ist leider Alltag. Sie werden nicht sagen können, dass Sie das nicht gewusst haben.

Immer mehr werden auch die globalen Folgen sichtbar: Es ist schlicht verantwortungslos, dass Sie die alarmierenden Warnungen vor der Klimakatastrophe einfach nicht zur Kenntnis nehmen, im Gegenteil: dieses unselige System sogar noch ausbauen wollen und weiteren Investoren das Recht geben, die Natur zu plündern, die unsere Lebensgrundlage ist. Ich möchte einer solchen Zivilgesellschaft, die aus Geldgier den Planeten verwüstet, nicht angehören, und alle, die hier versammelt sind, wollen das auch nicht.

Bei Ihrer Regierung, das haben wir gemerkt, rennen wir gegen Beton. Also wird uns nichts anderes übrig bleiben, als noch sehr viel lauter und zorniger weiterzukämpfen, bevor die Agrarindustrie mit ihren willigen Vollstreckern in Politik und Behörden unsere Wälder vergiftet hat, bis kein Vogel mehr singt. Bis die Menschen von harmlosen Infektionen dahingerafft werden, weil die Natur zurückschlägt mit nicht mehr beherrschbaren Keimen. Denn alles, was der Mensch den Tieren antut, das tut er auch sich selbst an.

Herr Ministerpräsident Woidke, ich appelliere an Sie: Lesen Sie die Berichte, sehen Sie fern, bemühen Sie sich um Erkenntnis und kehren Sie um von Ihrem verhängnisvollen Kurs, denn er ist so töricht wie gefährlich! Herr Minister Vogelsänger, Sie bitte ich von Herzen: Treten Sie zurück von dem Ressort Landwirtschaft und Umwelt – aus Respekt vor der Umwelt und ihren Geschöpfen! Von Ihnen hört man nichts als Phrasen, die in ihrer konstanten Wiederholung offenbaren, dass Sie davon nichts verstehen und auch nicht verstehen wollen. Auf dieser Position brauchen wir aber Leute, die das Ruder rumreißen, weil sie erkannt haben, dass ökologisches Handeln schlicht die Bedingung ist, wenn wir noch eine Zukunft haben wollen.

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