Was Tierschutz in Aquakultur mit Supermärkten zu tun hat
Immer mehr Fische und andere Tiere werden für den menschlichen Verzehr in Aquakultur gemästet. 2024 waren es weltweit 102,7 Millionen Tonnen Fische, Krebse und Weichtiere – das sind Hunderte Milliarden Individuen. Mittlerweile werden mehr dieser Tiere in Aquakultur gemästet, als durch die Fischerei gefangen werden.
Für die Tiere kann die Haltung mit erheblichen Leiden verbunden sein: schlechte Wasserqualität, Krankheiten und Parasiten, falsche Fütterung oder eine fehlende Betäubung vor der Schlachtung verursachen Stress, Schmerzen und Leiden. Weiblichen Garnelen werden teilweise die Augenstiele durchtrennt, um die Eierproduktion zu steigern. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, auch Oktopusse und andere Kopffüßer intensiv in Aquakultur zu mästen.
Um das Leid dieser Tiere zu verringern, setzen wir dort an, wo sich besonders viel verändern lässt: beim Lebensmitteleinzelhandel.
Supermärkte können Mindeststandards durchsetzen
Für viele Tiere in Aquakultur fehlen umfassende gesetzliche Tierschutzvorgaben – insbesondere in einigen der Hauptproduktionsländer. Umso wichtiger sind die Anforderungen, die Supermärkte und Discounter an ihre Lieferanten stellen.
Handel und Produzenten müssen dabei nicht auf neue Lösungen warten. Die von uns ins Leben gerufene Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) hat Tierschutz-Basisempfehlungen für fünf zentrale Bereiche der Aquakultur entwickelt:
- Wasserqualität
- tierartgerechte Fütterung
- schonender Umgang mit den Tieren
- Transport
- artspezifische Betäubung und Schlachtung
Die vier wichtigsten Zertifikate für Aquakulturprodukte – ASC, GGN, Naturland und EU-Bio – decken diese Empfehlungen mittlerweile ab, auch dank der Arbeit der AWSI.
Damit existiert eine wichtige Grundlage, um die Bedingungen für Tiere zu verbessern. Wenn Supermärkte und Discounter darauf achten, nur zertifizierte Ware zu verkaufen, motivieren sie die Produzenten, die Tierschutz-Basisempfehlungen zu erfüllen. Langfristig bedeutet mehr Tierschutz für uns aber auch, weniger Tiere für Lebensmittel zu nutzen und pflanzliche Alternativen auszubauen.
Wie ernst nehmen Supermärkte Tierschutz in Aquakultur?
Wir wollen erreichen, dass Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht werden. Deshalb sprechen wir mit ihnen, entwickeln gemeinsam mit anderen Organisationen und Fachleuten Standards weiter – und überprüfen, was von den Versprechen im Sortiment ankommt.
Für unseren Aquakultur-Report 2026 haben wir erstmals die acht größten deutschen Supermärkte und Discounter – Aldi Nord und Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe – zum Thema Tierschutz in Aquakultur untersucht. Wir haben ihre öffentlichen Richtlinien ausgewertet und mit Hilfe unserer ehrenamtlichen Aktiven 314 Eigenmarkenprodukte in Filialen begutachtet. Dabei wollten wir vor allem wissen: Welche Tierschutzstandards haben die Unternehmen für Fische und Co. – und erkennt man diese im Regal?
Außerdem haben wir geprüft, ob die Unternehmen auf Oktopusse und andere Kopffüßer aus Aquakultur verzichten. Diese Tiere leiden besonders in intensiver Haltung. Wenn große Lebensmittelhändler solche Produkte dauerhaft ausschließen, erschweren sie, dass überhaupt eine entsprechende Aquakulturindustrie entsteht.
Unser Report ist kein Ranking der „besten“ Supermärkte und keine Kauf- oder Verzehrempfehlung für Tierprodukte aus Aquakultur. Er ist ein Werkzeug für unsere Arbeit: Er zeigt uns, wo Unternehmen bereits Fortschritte gemacht haben und wo wir sie zu weiteren Veränderungen bewegen müssen.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
- 96 % der untersuchten Eigenmarkenprodukte sind erkennbar zertifiziert (ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio) – die Unterschiede zwischen den Händlern sind dabei gering.
- Kein Händler verpflichtet sich verbindlich und ohne Einschränkungen, den erreichten Zertifizierungsstand für alle Tiere aus Aquakultur beizubehalten.
- Kein Händler hat konkrete und verbindliche Ziele, sein Sortiment vollständig zu zertifizieren – insbesondere Herstellermarken und Aktionsware bleiben meist unerwähnt.
- Nur zwei Händler (Edeka und Netto Marken-Discount) schließen aktuell öffentlich den Handel mit Oktopussen und anderen Kopffüßern aus Aquakultur aus, zwei weitere (Rewe und Penny) lediglich Oktopusse – jeweils nur für Eigenmarken.
96 % zertifiziert – aber kaum verbindlich abgesichert
Das Ergebnis zeigt zunächst, dass viel möglich ist: 96 % der untersuchten Eigenmarkenprodukte sind bereits erkennbar mit ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio zertifiziert und erfüllen damit Mindestanforderungen an den Tierschutz. Die Unterschiede zwischen den Händlern sind gering.
Das ist eine gute Ausgangslage. Doch Händler sichern diesen Stand kaum verbindlich ab und machen keine konkreten Versprechen, ihr gesamtes Sortiment vollständig zu zertifizieren. Keines der acht untersuchten Unternehmen erfüllt derzeit alle unsere Anforderungen.
Auch die letzten Zertifizierungslücken sind vermeidbar
Bei fast allen Tierarten, bei denen wir Produkte ohne erkennbare Zertifizierung fanden, boten dieselben Händler zugleich zertifizierte Varianten an. Fehlende Verfügbarkeit erklärt die verbliebenen Lücken also nicht allein.
Hinzu kommt: Einige Produkte waren zwar nach Angaben der Unternehmen zertifiziert, das war auf der Verpackung jedoch nicht zu erkennen. Tierschutzstandards sollten nicht nur umgesetzt, sondern auch transparent ausgewiesen werden.
Warum Tierschutz in Aquakultur wichtig ist
2024 wurden weltweit 102,7 Millionen Tonnen Tiere in Aquakultur gehalten – das sind Hunderte Milliarden Tiere verschiedenster Spezies, neben Fischen vor allem Garnelen und Muscheln.
Diese Tiere empfinden Schmerzen und Stress. Bei Fischen und Krebstieren ist das wissenschaftlich belegt, bei Muscheln gibt es Hinweise darauf. Trotzdem gibt es für viele dieser Tiere keine umfassenden Tierschutz- und Haltungsvorgaben, insbesondere in einigen der Hauptproduktionsländer.
Deutschland importiert mehr als vier Fünftel der hierzulande verbrauchten Mengen an Fischen, Krebsen und Weichtieren. Deshalb sind verbindliche Mindeststandards besonders wichtig, auch für importierte Waren.
Zu den häufigen Tierschutzproblemen in Aquakultur gehören:
- unzureichende Wasserqualität
- Krankheiten und Parasitenbefall
- Fütterung mit nicht tiergerechtem Futter
- Futterentzug vor Transport und Schlachtung
- Einsatz von Fischmehl und Fischöl im Futter
- mangelnde Sorgfalt bei Handling und Transport
- Augenstielablation bei weiblichen Zuchtgarnelen
- zu hohe Besatzdichten
- reizarme Haltungsumgebung
- Ausbruch aus Zuchtanlagen
Für die Tiere können die Folgen Stress, Leiden, Schmerzen und ein früher Tod sein. Für Raubfische werden zudem weitere Tiere als Futter getötet. Auch für die Umwelt kann Aquakultur mit erheblichen Belastungen verbunden sein.

Was wir von Supermärkten und Discountern jetzt erwarten
Der hohe Zertifizierungsanteil zeigt: Höhere Mindeststandards sind bereits in großen Teilen des Sortiments machbar. Jetzt müssen sie verbindlich werden.
Wir fordern, dass Aldi Nord und Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe es bis 2030 schaffen:
-
100 % erkennbar zertifizierte Aquakulturware anzubieten
Das sollte für Eigenmarken ebenso gelten wie für Markenprodukte und Aktionsware. -
Oktopusse und andere Kopffüßer aus Aquakultur dauerhaft auszuschließen
Um zu verhindern, dass diese Aquakulturindustrie überhaupt entsteht. -
Jährlich transparent zu berichten
Unternehmen sollten öffentlich machen, wie groß der Anteil zertifizierter Aquakulturprodukte in ihrem Sortiment ist. -
Pflanzliche Alternativen zu verbessern und auszubauen
Mehr Tierschutz bedeutet auch, weniger Tiere für Lebensmittel zu nutzen. Dazu braucht es attraktive pflanzliche Alternativen.
Dabei arbeiten wir auf mehreren Ebenen: Wir unterstützen Lebensmittelhandel und Markenhersteller bei Verbesserungen, nehmen Unternehmen aber auch öffentlich in die Pflicht. Gleichzeitig entwickelt die AWSI gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Zertifizierern die Tierschutzstandards weiter.
So können Veränderungen bei einzelnen Standards und Unternehmen letztlich sehr vielen Tieren helfen. Unsere Untersuchung liefert uns die Grundlage dafür, gezielt dort anzusetzen, wo noch Fortschritte fehlen.
So haben wir untersucht
Wir haben die öffentlichen Einkaufsrichtlinien und weitere frei zugängliche Informationen der acht umsatzstärksten deutschen Supermärkte und Discounter ausgewertet: Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe.
Zusätzlich haben wir mindestens zwei große Filialen je Händler in unterschiedlichen Regionen Deutschlands besucht. Insgesamt wurden 314 Eigenmarkenprodukte aus Aquakultur dokumentiert und geprüft, ob eine Zertifizierung nach ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio auf der Verpackung klar erkennbar war.
Alle untersuchten Unternehmen wurden vorab über die Untersuchung informiert. Aldi Süd und die Edeka-Gruppe haben dennoch nach Abschluss der Untersuchung Zertifizierungsnachweise nachgereicht, die auf den jeweiligen Verpackungen nicht erkennbar waren. Diese Nachweise sind nicht in die Auswertung eingeflossen. Für Kund:innen sind nicht sichtbare Zertifizierungen ebenso wenig überprüfbar wie nicht öffentlich kommunizierte Einkaufspraktiken.