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Zwischenbilanz der Masthuhn-Initiative: Jetzt müssen Taten folgen

Nur wenige Tierschutzforderungen sind so praxisnah und erfolgreich wie die Masthuhn-Initiative. Mit höheren, aber umsetzbaren Kriterien für Zucht, Haltung und Schlachtung setzt sie bei den größten Tierschutzproblemen der modernen Hühnermast an – und findet damit europaweit viele Unterstützer:innen.

Mit Edekas Bekenntnis zu neuen Tierschutzzielen für die Hühnermast hat die Masthuhn-Initiative 2025 einen weiteren Meilenstein erreicht. Wir nehmen das zum Anlass, um unseren Präsidenten Mahi Klosterhalfen und Esther Erhorn, Leiterin Lebensmittel-Fortschritt, nach ihrer Zwischenbilanz sowie einem Ausblick zu fragen.

Wie ist der aktuelle Stand der Masthuhn-Initiative?

Esther Erhorn: »Über 110 Unternehmen in Deutschland haben sich bereits der Masthuhn-Initiative angeschlossen oder sich Ziele gesetzt, die denen der Initiative entsprechen. Das ist ein großer Erfolg! Besonders freut uns, dass alle großen Lebensmitteleinzelhändler dabei sind – also Aldi Nord & Süd, Edeka & Netto Marken-Discount, Kaufland, Lidl, Rewe & Penny – und auch die meisten kleineren Einzelhändler, sogar Harddiscounter wie Norma. Der Einfluss dieser Unternehmen, gerade von Big Playern wie Edeka, ist nicht zu unterschätzen.

Bei der Umsetzung hapert es dagegen oft noch – den Ankündigungen müssen auch Taten folgen. Die meisten Unternehmen haben ihr Ziel erst zu einem niedrigen zweistelligen Prozentsatz erfüllt. Trotzdem können wir zufrieden sein. Es gibt auch sehr positive Beispiele.«

Was funktioniert denn besonders gut?

Esther Erhorn: »Einige Unternehmen haben einzelne Eigenmarken schon komplett umgestellt, zum Beispiel Aldi Nord & Süd und Tegut. Die Burgerkette Hans im Glück hat als erstes Unternehmen sogar vor dem Zieljahr die Umstellung zu 100 % erreicht. Vor allem in der schwierigen Branche der Systemgastronomie ist das ein echter Lichtblick!

Mit Blick auf die Kriterien Masthuhn-Initiative können wir berichten, dass in Deutschland fast gar nicht mehr im Elektrowasserbad betäubt wird – eine besonders fehleranfällige Methode, die wir in der Masthuhn-Initiative ausschließen. Unternehmen, die auf die von uns empfohlenen Labels zurückgreifen, erfüllen zudem meist auch automatisch die Vorgabe regelmäßiger Audits.«

Was war entscheidend für den bisherigen Erfolg?

Mahi Klosterhalfen: »Hartnäckigkeit. Wir haben die Masthuhn-Initiative zu unserer höchsten Priorität gemacht und wir investieren viel Zeit und Geld. Beides nutzen wir, um intensive Gespräche mit Unternehmen aus der Lebensmittelwirtschaft zu führen, Kampagnen umzusetzen, den Masthuhn-Report zu veröffentlichen und den Runden Tisch zu organisieren, bei dem wir Entscheider:innen aus Wirtschaft und Politik zusammenbringen, um die Umstellung zu beschleunigen.«

Heißt es Masthuhn-Initiative oder Europäische Masthuhn-Initiative?

Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt und andere europäische Tierschutzorganisationen haben auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse die Kriterien der Europäischen Masthuhn-Initiative, auch European Chicken Commitment (ECC), erarbeitet. Europaweit haben sich hunderte Unternehmen diesen Kriterien angeschlossen.

Seit 2024 können Unternehmen auch mitmachen, indem sie die Kriterien der Stufe 3 des deutschen Haltungsform-Labels sowie einige Zusatzkriterien erfüllen. Diesen deutschen Extraweg fassen wir seither mit dem ECC sowie den Labels, die vergleichbare Anforderungen erfüllen, unter dem Namen Masthuhn-Initiative (MHI) zusammen.

Welchen Impact kann die Masthuhn-Initiative erreichen?

Mahi Klosterhalfen: »In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 600 MillionenMasthühner‹ geschlachtet. Unsere Ziele sind, dass diese Zahl sinkt – oder zumindest nicht weiter steigt – und dass für alle Hühner die Mindeststandards der Masthuhn-Initiative erfüllt werden. Bis dahin ist noch viel zu tun, aber mit den zahlreichen Commitments ist die Grundlage geschaffen. Aktuell stecken mehrere große Unternehmen mitten in der Umsetzung.«

Wie laufen die Gespräche mit den Unternehmen ab?

Esther Erhorn: »Meistens gehen wir auf die Unternehmen zu, informieren sie über die Masthuhn-Initiative und laden sie zur Teilnahme ein. Es kommt aber durchaus auch vor, dass Unternehmen sich an uns wenden und konkret fragen, wie sie mitmachen können.

Zwischen der ersten Kontaktaufnahme und dem Commitment kann unterschiedlich viel Zeit vergehen. Manchmal sind es nur wenige Wochen. Vor allem bei großen Unternehmen dauert es jedoch manchmal Jahre, bis man sich zu diesem Schritt durchringen kann.

Häufig fragen uns Unternehmen, was eine Teilnahme kostet. Da können wir sie schnell beruhigen: von unserer Seite ist diese völlig kostenfrei. Natürlich sind aber auch die (Auf-)Preise für Ware mit höheren Tierschutzstandards ein Thema – die Mehrkosten sind für manche ein Problem. Einige Unternehmen sind leider nicht bereit, für mehr Tierschutz auch etwas Geld in die Hand zu nehmen.«

Wo liegen aus unserer Sicht die größten Hindernisse?

Esther Erhorn: »Das mit Abstand größte Hindernis ist die Warenverfügbarkeit. Gerade große Lebensmitteleinzelhändler berichten immer wieder, dass sie gerne mehr umstellen würden, aber nicht genug Ware auf dem Markt ist. Stattdessen dominiert Haltungsform 2.

Der Umstieg auf Haltungsform 3 kommt nicht ganz so schnell voran wie gewünscht, was zu einem großen Teil daran liegt, dass Wintergärten hier Pflicht sind und für Stallumbauten Genehmigungen benötigt werden, die oft schwer zu bekommen sind. Zudem sind die Bearbeitungszeiten für Bauanträge oft sehr lang. Um das zu verbessern, setzen wir uns auf politischer Ebene ein, um den Umbau oder Ersatzneubau für mehr Tierwohl zu vereinfachen. Außerdem arbeiten wir mit Produzenten, auch aus dem Ausland, zusammen, um Nachfrage und Angebot zusammenzubringen.

In den großen Bereich der Außer-Haus-Verpflegung muss auch noch mehr Bewegung kommen. Die Top Ten der Contract-Caterer sind zwar alle dabei, auf dem Markt tummeln sich aber auch viele kleine Unternehmen, Studierendenwerke und Eigenregie-Caterer, die wir nicht alle ansprechen können. Einige sind jedoch bereits selbst auf uns zugekommen. Sie haben gemerkt, dass das Thema Tierwohl zunehmend wichtiger wird, gerade bei jüngeren Kund:innen.«

Was sind die Kriterien der Masthuhn-Initiative?

Es können die Kriterien des European Chicken Commitment, die Kriterien der Haltungsform-Stufe 3 plus Zusatzkriterien sowie die Kriterien ausgewählter Label (z. B. Kikok, Label Rouge) angewendet werden. Zwischen diesen Optionen gibt es geringe Unterschiede. Folgende Verbesserungen sind immer gefordert:

  • Ausschluss von Qualzucht-Hühnerrassen
  • eine geringere Besatzdichte
  • mehr Licht
  • mehr Beschäftigungsmaterial
  • mehr Sitzstangen
  • keine Betäubung im Elektrowasserbad
  • regelmäßige Audits durch unabhängige Dritte

Die ausführlichen Kriterien sowie eine Auflistung der empfohlenen Labels finden Sie auf der Website der Initiative.

Welche Rolle spielen die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen?

Mahi Klosterhalfen: »Neben der schwierigen Genehmigungslage für Stallumbauten ist auch die wirtschaftliche Lage in Deutschland ›leicht angespannt‹. Dadurch und durch die Inflation sitzt das Geld bei den meisten Menschen nicht gerade locker, was die Anhebung von Tierschutzstandards, die sich auf die Preise auswirken, erschwert. Aber die Umstellung auf die Kriterien der Masthuhn-Initiative kostet auch nicht die Welt und in Deutschland ist der Tierschutz ein Thema, das die allermeisten Menschen mindestens etwas und oft auch sehr bewegt. Zudem wächst der Konsens, dass die produzierten und konsumierten Fleischmengen aus vielerlei Hinsicht zu hoch sind. Zum Konzept ›weniger Fleisch aus höheren Standards‹ passt die Masthuhn-Initiative sehr gut.«

Was ist als nächstes geplant?

Mahi Klosterhalfen: »In der Vergangenheit ging es uns vor allem darum, Unternehmen dafür zu gewinnen, sich die Umsetzung der Kriterien der Masthuhn-Initiative auf die Fahnen zu schreiben. Inzwischen fehlen nur noch wenige große Namen – die zwei bekanntesten sind McDonald’s und Burger King. Diese Unternehmen gilt es auch noch, für die Masthuhn-Initiative zu gewinnen oder sie gegebenenfalls mit Kampagnen zu motivieren. Daneben wird es aber auch immer wichtiger, die Umsetzung mitzugestalten und zu beschleunigen, damit bis 2030 ein Großteil der Hühnermast umgestellt ist.«

Was sollten Unternehmen wissen, die noch zögern?

Esther Erhorn: »Tierschutz lohnt sich! Sicherlich kann die Umsetzung und Umstellung erstmal herausfordernd für ein Unternehmen sein. Langfristig gesehen bauen Unternehmen aber resilientere Lieferketten auf und bekämpfen viele Probleme, die mit der industriellen Massentierhaltung und ihren jetzigen gesetzlichen Mindeststandards einhergehen (z. B. die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen). Auch Verbraucher:innen honorieren den transparenten Umgang mit und den Ausbau von höheren Tierschutzstandards. Eine gute Kommunikationsstrategie ist dafür sehr hilfreich.«

Vielen Dank euch beiden und uns allen viel Erfolg!

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