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Ferkelkastration: Ab jetzt nur mit Betäubung

nicht kastriertes Ferkel
© Oleksandr Lytvynenko – Shutterstock

In Deutschland war es bis vor wenigen Tagen erlaubt und üblich, männlichen Ferkeln ohne Betäubung die Hoden herauszuschneiden. 2013 beschloss die Bundesregierung das Ende dieser tierquälerischen Praxis mit Frist bis zum 1. Januar 2019. Weil die favorisierte Alternative nicht rechtzeitig flächendeckend einsatzbereit war, wurde das Verbot 2018 – gegen den Protest von Tierschützer:innen und Veterinär:innen – nochmals um weitere zwei Jahre aufgeschoben.

Jetzt, sieben Jahre nach dem Beschluss, ist es endlich so weit: Bei der Kastration eines Ferkels muss garantiert sein, dass das Tier keinerlei Schmerzen spürt. Den Tierhalter:innen stehen folgende Methoden als Alternativen zur betäubungslosen Kastration zur Wahl:

Injektionsnarkose

Üblicherweise wird Tieren bei chirurgischen Eingriffen ein Narkosemittel gespritzt, das sie ruhigstellt. Zusätzlich schalten Schmerzmittel die Schmerzen aus. Diese Methode gilt für die Massentierhaltung allerdings als unpraktikabel: Jede Injektionsnarkose muss durch eine:n Veterinär:in durchgeführt und überwacht werden. Außerdem ist die Aufwachphase verhältnismäßig lang.

Inhalationsnarkose

Einfacher ist die Betäubung der Ferkel mit dem Gas Isofluran. Es wurde erst 2018 für diesen Zweck zugelassen. Die Tiere schlafen damit schnell ein und sind auch schnell wieder wach. Wie bei der Injektionsnarkose müssen zusätzlich Schmerzmittel gegeben werden, da Isofluran die Tiere nur ruhigstellt. Das Einfangen und dass sie kopfüber in die Atemmaske gelegt werden, bedeutet Stress für die Ferkel. Von dem chirurgischen Eingriff bleibt zudem eine Wunde zurück, die sich entzünden kann.

Um der Agrarindustrie weiter entgegenzukommen, verabschiedete die Bundesregierung 2020 die »Ferkelbetäubungssachkundeverordnung«. Sie erlaubt Tierhalter:innen, nach kurzer Schulung die Isofluran-Narkose selbst durchzuführen. Dass dadurch Lai:innen komplexe medizinische Tätigkeiten ausführen, sehen wir und viele Tierärzt:innen sehr kritisch. Es birgt nicht nur die Gefahr, dass Fehler passieren, sondern auch gesundheitliche Risiken für Menschen. Außerdem ist Isofluran klimaschädlich, wenn es bei unsachgemäßer Handhabung in die Atmosphäre gelangt.

Obwohl die Methode von den meisten Landwirt:innen favorisiert wird, wurden bis Ende 2020 nur zwei Drittel der bereitgestellten Fördermittel für die Umstellung auf Isofluran abgerufen. Coronabedingt konnten zudem nicht so viele Schulungen für Landwirt:innen stattfinden, wie geplant.

Ebermast

Die Mast unkastrierter Eber ist die einzige Alternative, die völlig ohne Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Tiere auskommt. Sie ist z. B. in Großbritannien, Irland, Spanien und Portugal vorherrschend. In Deutschland waren im Juni 2020 immerhin 20 % der Eber in den Mastbetrieben nicht kastriert. Da unkastrierte Eber aktiver und auch aggressiver gegenüber Artgenossen sind, brauchen sie mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten als üblich, um sich nicht gegenseitig zu stressen und zu verletzen.

Das Fleisch der Tiere kann aufgrund der Geschlechtshormone unangenehm riechen. Dies betrifft laut Untersuchungen jedoch nur 1,4 bis 5 % der Eber und lässt sich durch Haltung und Fütterung beeinflussen. Ein Drittel der Menschen kann den Geruch überhaupt nicht wahrnehmen, ein weiteres Drittel ist dagegen hochempfindlich. Viele Landwirt:innen schrecken aus diesen Gründen sowie aufgrund des notwendigen Stallumbaus vor der Ebermast zurück. In anderen Ländern werden die Tiere geschlachtet, bevor sie den »Ebergeruch« entwickeln können.

Immunokastration

Ein Kompromiss ist die Impfung der Ferkel mit dem Mittel Improvac. Es wird zweimal durch den oder die Tierhalter:in injiziert und unterdrückt die Geschlechtsreife. Nach unserer und auch nach Ansicht des Friedrich-Löffler-Instituts (dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) ist die Immunokastration die tierschutzfachlich beste Methode. Sie bedeutet nur einen geringen Eingriff am Tier und reduziert den Stresslevel der Tiere im Vergleich zu unkastrierten Ebern.

Die Immunokastration ist bereits in mehr als 60 Ländern zuge­lassen. In Deutschland waren im Juni 2020 allerdings gerade mal 1 % der Eber immunokastriert. Schlachtbetriebe und Handel nehmen die Tiere offenbar nicht gerne ab. Im Ökolandbau ist Improvac derzeit gar nicht zugelassen – ein fatales Signal. Die Bedenken sind oft unbegründet und auch für die Befürchtung, dass Verbraucher:innen das Fleisch der immunokastrierten Eber ablehnen würden, gibt es keine Belege.

In Australien, Brasilien und Kolumbien ist die Immunokastration die vorherrschende Methode. In Europa zeigt Belgien, wie es funktionieren kann: Dort akzeptieren viele große Handelsketten nur Schweinefleisch von nicht chirurgisch kastrierten Tieren. Der Anteil der immunokastrierten Tiere beträgt dort inzwischen 20 %.

Nicht erlaubt: Lokalanästhesie

Einige Landwirt:innen hoffen darauf, ihre Tiere selbst unter lediglich lokaler Betäubung kastrieren zu dürfen, wie es in Dänemark, Norwegen und Schweden praktiziert wird. Das ist jedoch in Deutschland nicht erlaubt, weil bei dieser Methode der Schmerz nicht vollständig ausgeschaltet werden kann. Zudem ist bereits die Injektion in den Samenstrang schmerzhaft und die Tiere müssen bei Bewusstsein fixiert werden, was Stress erzeugt.

Fazit: Es geht voran, wenn auch schleppend

Dass in Deutschland die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung nun verboten ist und die Tiere dabei keinerlei Schmerzen spüren dürfen, ist ein echter Erfolg für den Tierschutz. Für die Schweine, die für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden, bedeutet es ein extrem schmerzhaftes und traumatisierendes Erlebnis weniger in ihrem Leben. Wie so oft, tun sich Politik, Landwirt:innen und Handel jedoch schwer mit der Umstellung, trotz vielfach beteuerten Interesses am »Tierwohl«.

Die von uns bevorzugte Alternative der Immunokastration ist derzeit auf weitere Überzeugungsarbeit bei Landwirt:innen, Schlachtbetrieben und Handel angewiesen. Wir hoffen dennoch, dass sie sich – solange Schweine als »Nutztiere« herhalten müssen – langfristig gegenüber den chirurgischen Methoden durchsetzen kann. Sehr wünschenswert wäre es, wenn die Umstellung weitere positive Entwicklungen für die Tiere mit sich bringt, z. B. generell höhere Haltungsstandards aufgrund einer vermehrten Haltung unkastrierter Eber.

Ethisch fragwürdig ist hingegen die Methode, aus Ebern durch Gentechnik quasi Zwitterwesen zu machen, nur um den Ebergeruch zu vermeiden. Sie folgt leider der verbreiteten Devise, lieber die Tiere den Haltungsbedingungen anzupassen, als die Haltungsbedingungen tiergerechter zu gestalten.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner kündigte Ende 2020 in einer Pressemitteilung an, Landwirt:innen bei der Umstellung zu unterstützen, das Gespräch mit dem Schlacht- und Verarbeitungssektor sowie dem Einzelhandel zu suchen und Verbraucher:innen zu informieren. Was aktuell mit den Ebern, die kastriert werden, passiert – ob tatsächlich alle Betriebe fristgerecht auf eine der Alternativen umgestellt haben – ist uns leider nicht bekannt.

Wer Tierleid konsequent von seinem Teller verbannen möchte, fährt mit einer pflanzlichen Ernährung so oder so am besten.

(jw)

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