Runder Tisch 2026: Gemeinsam für mehr Tierschutz
Wie können wir erreichen, dass Hühner, Puten und andere landwirtschaftlich gehaltene Tiere künftig weniger leiden? Darüber diskutierten am 4. November Vertreter:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik beim Runden Tisch der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt in Berlin.
Bereits zum vierten Mal brachten wir unterschiedliche Akteur:innen zusammen, um Fortschritte im Tierschutz voranzubringen – diesmal mit einem neuen Teilnahmerekord. Durch das Programm führte Moderator Steffen Bach.
Bessere Haltung ist möglich
Die Lage ist besser als die Stimmung und die Herausforderungen sind zu bewältigen – mit dieser zuversichtlichen Botschaft eröffnete Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung, die Veranstaltung.
Wie bessere Haltungsbedingungen bereits heute funktionieren können, zeigte anschließend Hühnerhalter Ralf Osterloh von „Hähnchen mit Stern“. Er berichtete von seinem Betrieb, in dem er höhere Tierschutzstandards umsetzt. Entscheidend für die Umstellung war die wirtschaftliche Absicherung: Noch bevor er seinen Stall baute, hatte er einen Vermarktungspartner und einen Abnahmevertrag. Die Mehrkosten kann er nach eigenen Angaben durch entsprechende Preisaufschläge decken. Das Beispiel zeigt: Verbesserungen sind möglich, wenn landwirtschaftliche Betriebe langfristig planen können.

Puten: Verbindliche Regeln statt freiwilliger Standards
Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war die Putenhaltung. Im April 2026 hatte das Bundesverwaltungsgericht die gängige Haltung von Puten als nicht tierschutzkonform bewertet. Dennoch fehlen weiterhin verbindliche bundesweite Mindestanforderungen speziell für die Putenmast.
Sylvi Paulick, Syndikusrechtsanwältin der Albert Schweitzer Stiftung, erläuterte die rechtliche Situation. In der anschließenden Diskussion forderte Christian Rehmer, Leiter Politik & Recht der Albert Schweitzer Stiftung, einen baldigen Verordnungsgebungsprozess. Denn Puten müssen ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben können. Einheitliche Vorgaben würden zugleich für mehr Rechtssicherheit sorgen.
Wie dringend Verbesserungen notwendig sind, verdeutlichte auch die Diskussion über das sogenannte Beschädigungspicken, bei dem Puten andere Tiere zum Teil schwer verletzen. Wissenschaftler Thomas Bartels vom Friedrich-Loeffler-Institut erklärte, dass neben der Besatzdichte auch die Gestaltung der Ställe eine wichtige Rolle spielt. Christine Bremer von „Heide Geflügel“ berichtete aus der Praxis, wie Beschäftigungsmöglichkeiten, Sichtbarrieren und geeignete Zuchtlinien Stress reduzieren können.
Vertreter der Geflügelwirtschaft Wolfgang Schleicher verwies dagegen auf wirtschaftliche Grenzen und hinterfragte umfassende Änderungen der Haltungsanforderungen. Die Diskussion machte deutlich, dass zwar alle Podiumsgäste eine bundesweit einheitliche Regelung befürworten, es jedoch unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, welche Standards künftig gelten sollen.

Legehennen: Schmerzen verhindern, Eierverbrauch reduzieren
Auch die Lebensbedingungen von Legehennen standen auf dem Programm. Jun.-Prof. Dr. Beryl Eusemann-Keller von der Universität Leipzig beleuchtete ein häufig unterschätztes Tierschutzproblem: schmerzhafte Brustbeinbrüche und -verformungen. Zu den Ursachen gehören unter anderem die Haltungsbedingungen, die Genetik und die hohe Legeleistung der Tiere. Die üblichen Lege-Rassen weisen ein besonders hohes Risiko auf.
Unsere Plant-Potential-Expertin Dr. Anna-Klara Amler zeigte einen weiteren Lösungsansatz: Wenn Lebensmittelunternehmen ihren Eierverbrauch durch Rezepturanpassungen reduzieren, können sie die verbleibenden Eier gezielter aus Haltungsformen mit höheren Tierschutzstandards beziehen.
Frank Hartmann vom Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) erläuterte, wie die Rückverfolgbarkeit von Eiern verbessert werden kann. Besonders bei verarbeiteten Lebensmitteln und importierten Produkten bestehen weiterhin Lücken. Eine Kennzeichnungspflicht auch für verarbeitete Produkte könnte hier für mehr Transparenz sorgen.

Masthühner: Versprechen müssen Wirklichkeit werden
Viele große Lebensmittelunternehmen haben sich inzwischen verpflichtet, die Haltungsbedingungen von Masthühnern zu verbessern. Doch wie weit sind sie tatsächlich? Antworten darauf liefert unser neuer Masthuhn-Report 2026, den Esther Erhorn, Leiterin Lebensmittel-Fortschritt, vorstellte. Darin untersuchen wir die relevantesten 64 Unternehmen aus fünf Branchen und bewerten, wie weit sie ihre Tierschutzversprechen umgesetzt haben.
Denn allein mit einer Selbstverpflichtung ist noch keinem Huhn geholfen. Entscheidend ist, dass die Unternehmen tatsächlich auf bessere Haltungsbedingungen, gesündere Zuchtlinien und zuverlässigere Betäubungsverfahren umstellen.
In der anschließenden Diskussion berichteten Vertreter:innen von Dr. Oetker, Globus, Aldi Süd und TLC Landgeflügel über ihre Erfahrungen. Deutlich wurde: Die Umstellung erfordert Haltung, Planung, Verlässlichkeit, die richtige Kommunikation an die Kund:innen und passende Rahmenbedingungen durch die Politik.

Auch Fische brauchen besseren Schutz
Neben den Diskussionsrunden konnten sich die Teilnehmenden über den Tierschutz in der Aquakultur informieren. Diplom-Biologe Stefan-Andreas Johnigk von der Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) ermöglichte mithilfe von VR-Brillen besondere Einblicke in die Haltung von Fischen und anderen aquatischen Tieren. Die Initiative entwickelt Empfehlungen, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern – ein wichtiger Bereich des Tierschutzes, der bislang häufig zu wenig Aufmerksamkeit erhält.
Politik: Den Umbau der Tierhaltung ermöglichen
Wie lassen sich bessere Haltungsbedingungen politisch voranbringen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des abendlichen Politischen Get-togethers.
Zum Auftakt berichtete Prof. Dr. Eberhard Haunhorst vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) über aktuelle politische Vorhaben. Dazu gehören die Überarbeitung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes, europäische Tierschutzregelungen und geplante Erleichterungen beim Stallumbau.
Anschließend diskutierte Mahi Klosterhalfen mit den Bundestagsabgeordneten Christoph Frauenpreiß (CDU/CSU) und Dr. Ophelia Nick (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Roger Fechler vom Deutschen Bauernverband.
Einigkeit bestand weitgehend darüber, dass Bau- und Genehmigungsverfahren einfacher und schneller werden müssen. Denn wer seine Tiere besser halten möchte, braucht auch die Möglichkeit, Ställe entsprechend umzubauen.
Mahi Klosterhalfen betonte, dass die Albert Schweitzer Stiftung die Vereinfachung der Neu- und Umbauten ausdrücklich befürwortet – sofern sie tatsächlich bessere Bedingungen für die Tiere schaffen. Gleichzeitig warnte er davor, bestehende Standards abzusenken. Das würde auch diejenigen Betriebe benachteiligen, die bereits in höhere Haltungsformen investiert haben.

Gemeinsam mehr für die Tiere erreichen
Der Runde Tisch 2026 hat gezeigt: Viele Lösungen für bessere Haltungsbedingungen sind bekannt. Was häufig fehlt, sind die Voraussetzungen, um sie flächendeckend umzusetzen.
Landwirtschaftliche Betriebe brauchen Planungssicherheit und verlässliche Absatzmöglichkeiten. Lebensmittelunternehmen müssen ihre Tierschutzversprechen einlösen und Fortschritte transparent machen. Und die Politik muss verbindliche Mindeststandards schaffen und den Umbau der Tierhaltung erleichtern, ohne beim Tierschutz Abstriche zu machen.
Genau deshalb bringen wir unterschiedliche Akteur:innen an einen Tisch. Denn nachhaltige Verbesserungen für Millionen Tiere gelingen nur, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Wir werden diesen Austausch fortsetzen und weiter darauf drängen, dass aus Zusagen konkrete Fortschritte werden.
Der nächste Runde Tisch findet am 10. November 2027 statt.
Stimmen vom Runden Tisch 2026
Ich bin hier, um einfach den offenen Austausch zu suchen. – Dagmar Kunecke, Consultant Sustainability, McDonald’s
Was schon einzigartig ist, ist, dass eben so viele verschiedene Akteure durch eine NGO an einen Tisch gebracht werden. – Stephan Schoch, Nachhaltigkeitsmanager, Aldi Süd
Es ist auch sehr wichtig, dass wirklich was Konstruktives mal entsteht. Weil auf der Stelle gestanden und sich festgefahren, hat das jetzt auch lange genug. – Christine Bremer, Landwirtin, Heide Geflügel
Tierwohl zu erhöhen, immer weiter auszubauen und zu steigern, ist ein Riesenkraftakt, der nur gemeinsam funktionieren kann. – Cristina da Silva Joaquim, Head of Sustainability, Rewe Group
Das ist das Gute hier an dem heutigen Abend, dass wir gemeinsam im Gespräch sind und viele Interessen und auch viele Hinweise auch ernst nehmen können. Und die können wir in die Gesetzgebung mit einfließen lassen. – Christoph Frauenpreiß, MdB, CDU/CSU-Fraktion
Heute war wichtig, dass von unterschiedlichen Stimmen, auch unterschiedlichen politischen Stimmen, aber eben auch Tierschutz und Bauernverband, ganz klar gesagt wurde: Wir müssen mehr für die Tiere tun. – Dr. Ophelia Nick, MdB, Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion
