Mastkälber

Körperliche Leiden und Schäden

Die Aufzucht von Kälbern in Deutschland ist mit hohen Sterblichkeitsraten verbunden. Viele typische »Kinderkrankheiten« der Rinder können unter den Bedingungen der Kälbermast lebensbedrohlich werden. Besonders schwer wiegt hierbei eine durch verschiedene Faktoren verursachte fehlende Fürsorge den Kälbern gegenüber sowie bewusst in Kauf genommene fehlende Entwicklungen bei den Tieren.

Eisenunterversorgung und Hemmung der Vormagenentwicklung

Als vorherrschendes Mastziel gilt in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien und Holland die Erzeugung von möglichst hellem, als »Delikatesse« vermarktetem Kalbsfleisch. Da dies nur über eine Eisenunterversorgung und einer Hemmung der Vormagenentwicklung der Kälber erreicht werden kann, gehen damit viele gesundheitliche und psychische Schäden Hand in Hand.

Bei einer Unterversorgung mit Eisen leiden die Kälber an einer Eisenmangelanämie (Blutarmut durch gestörte Bildung des roten Blutfarbstoffes durch Eisenmangel), die sich in Lethargie (stark herabgesetzte seelische Reaktionsfähigkeit, Neigung zu unaufhörlichem Schlaf), mangelnder Trinkwilligkeit, schlechtem Wachstum und einer hohen Anfälligkeit für Infektionskrankheiten äußert. Trotz der bekannten Nachteile einer Kälbermast ist der vorgeschriebene Eisengehalt in der Tierschutznutztier-Verordnung für Milchaustauscher nicht ausreichend. Die durchschnittlichen Hämoglobinwerte im Blut (roter Blutfarbstoff) sind ebenfalls zu niedrig angegeben.

Die Hemmung der Vormagenentwicklung wird durch eine Begrenzung des Raufutters erreicht, womit auch Verhaltensstörungen der Kälber in Kauf genommen werden. Dazu zählen orale Stereotypien, wie Schein-Wiederkäuen, Leerkauen, Zungenrollen und -spielen. Diese Verhaltensstörungen sind auch Anzeichen dafür, dass das Tier nicht mit den Haltungsbedingungen zurechtkommt und unter mangelnden Umweltreizen, fehlenden Sozialkontakten und räumlicher Enge leidet. Weitere gesundheitliche Folgen der nicht wiederkäuergerechten Fütterung sind Kreislaufstörungen und Muskelzittern.

Verhaltensstörungen und Erkrankungen durch mutterlose Haltung

Kalb beißt in Eisengatter
© Animal Equality

Bei einer mutterlosen Haltung ist das gegenseitige Besaugen von Kälbern, besonders an Nabel und Geschlechtsteilen, sowie das Besaugen von Einrichtungsgegenständen eine häufig vorkommende Verhaltensstörung, da das Saugbedürfnis der Tiere unbefriedigt bleibt. Durch intensives gegenseitiges Besaugen können Verdauungsstörungen auftreten, besonders wenn sich Bezoare (Haarballen) im Magen bilden oder Urin abgeschluckt wird. Bei einer Mutter- oder Ammenkuhhaltung zeigt sich diese Verhaltensstörung nicht (bei der Ammenkuhhaltung säugt eine Kuh vorwiegend mehrere Kälber, wodurch nicht nur ein Mutter-Kind-Bindung, sondern auch die tierartgemäße Entwicklung gewährleistet wird).

Mit dem Zwangstränken von neugeborenen Kälbern (Drenchen) gehen verschiedene Erkrankungen einher, da es hierbei zum erzwungenen Pansentrinken kommt (s. o.). Durch eine falsche Durchführung der Zwangstränke kann Flüssigkeit in die Lunge gelangen und eine Reizung und Kontamination mit Erregern und folglich eine Aspirationspneumonie verursachen. Dies ist eine starke Entzündung des Lungengewebes, die bei chronischem Bestehen zu Fieber, Husten, Abmagerung und Fressunlust führen kann. Beim wiederholten Zwangstränken ist zudem eine Pansenacidose (Stoffwechselstörung mit Übersäuerung des Pansens) die Folge, die auch tödlich enden kann. Die Kälber verweigern die Tränke, blähen auf (Tympanie) und zeigen schmerzbedingte Verhaltensauffälligkeiten. Über längere Zeit werden die Tiere immer schwächer, magern ab und haben chronische Schmerzen.

Weitere häufige Erkrankungen

Zu den häufigsten Erkrankungen gehört der Kälberdurchfall, der für den Großteil der Kälberverluste verantwortlich ist. Vor allem in den ersten beiden Lebenswochen ist das Risiko für Durchfall hoch (Neonatale Diarrhoe). Die Kälber werden immer schwächer, dehydrieren und haben Bauchschmerzen. Sie können sogar einen Schock erleiden oder in eine Stoffwechselstörung (Übersäuerung des Körpers) gelangen. In schweren Verläufen werden die Neugeborenen apathisch oder sogar komatös.

Eine verminderte Krankheitsabwehr macht die jungen Tiere auch für die Kälbergrippe (Enzootische Bronchopneumonie) anfällig. Dieser Krankheitskomplex wird durch mehrere Erreger hervorgerufen und kann zu Fieber, Husten und Kümmern führen. Aber auch eine übermäßig hohe Besatzdichte steht im Zusammenhang mit dieser Erkrankung.

Weitere Erkrankungen bei Kälbern sind:

  • Nabelerkrankungen: v. a. Nabelbruch (Ausstülpung von Eingeweiden in einen von Haut geformten Bruchsack), Urachusfistel (nässender Bauchnabel) sowie entzündliche Nabelerkrankungen wie Abszesse.
  • Labmagengeschwüre: Ihr Vorkommen ist mit der unangemessenen Fütterung der Mastkälber assoziiert. Die Kälber leiden unter starken Schmerzen, die Geschwüre können bei einem schweren Verlauf sogar den Magen perforieren.
  • Erkrankungen des Verdauungstraktes durch eine hauptsächliche Flüssigernährung und unzureichender Versorgung mit Raufutter.
  • Beschwerden und Verhaltensstörungen durch unpassende Haltungsformen, wie mangelhafte Böden und Raumangebot.

Kälber mit (Infektions-)Krankheiten müssen mit Medikamenten (vor allem Antibiotika) behandelt werden. Insgesamt stellt die Mastkälberhaltung eine andauernde, teils mit Schmerzen verbundene Überforderung der Jungtiere dar. Neben einem höheren Risiko für Erkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten und Stereotypien, die sich schon früh äußern, entwickeln sich gerade durch das Fehlen des großen Vormagensystems viele weitere Schäden. Ein frühes Schlachten darf das Aufhalten der eigentlichen Entwicklung zum Wiederkäuer nicht rechtfertigen.

Schlachtung der Kälber

Die Kälber werden entweder nach einem Schnellmastverfahren (16 Wochen) oder einer verlängerten Kälbermast (20 – 26 Wochen) geschlachtet, nachdem sie auf ein Gewicht von ungefähr 240 kg gemästet wurden. Letzten Erhebungen aus dem Jahr 2007 zufolge, wurden knapp 6 Millionen Kälber in der EU geschlachtet. Allein in Deutschland beläuft sich die aktuelle Zahl der Schlachtungen auf
Kälber.

Haben die Jungtiere das entsprechende Gewicht erreicht, werden sie zum Schlachthof transportiert. Dabei wird auf die einzelnen Bedürfnisse der Tiere keine Rücksicht genommen. Ungeeignete Fahrzeuge und Fahrweisen, zu lange Transportzeiten, ein rauer und ungeduldiger Umgang, Überladung der Fahrzeuge und mangelnde Kontrollen sind beim Transport der jungen Tiere keine Ausnahmen. Bei langen Transporten ist zudem erst nach 9 Stunden Transport eine erste Ruhezeit vorgesehen. Unnötig verlängert wird die Transportzeit zum neuen Betrieb häufig durch kostengünstige Sammelfahrten vieler Kälber von verschiedenen Betrieben. Gerade ein Transport in warmen Sommermonaten mit Temperaturen von deutlich über 20 °C kann ein Ausbrechen von Panik unter den Tieren begünstigen. Der transportbedingte Stress erschwert den Umgang mit den Tieren und kann später zu einer schlechteren Betäubung und somit zu vermehrtem Tierleid führen.

Am Schlachtbetrieb angekommen, werden die Tiere abgeladen und in Wartebereichen untergebracht. Dabei muss jedes Tier einer Untersuchung unterzogen werden, die jedoch häufig nur ungenügend oder gar nicht durchgeführt wird, erst bei groben Verstößen wird eine Anzeigenerstattung in Betracht gezogen. Was den Wartebereich an sich betrifft, so ist hier ein ruhiger und geduldiger Umgang mit den Tieren essentiell, oft aber aufgrund von Zeitdruck nicht gegeben. Je nach Ankunftszeit und Schlachtbeginn werden die jungen Tiere nach unterschiedlichen Wartezeiten zu einem Betäubungsbereich getrieben.

Betäubung

Zum Betäuben kommt in Deutschland am häufigsten der Bolzenschuss zum Einsatz, aber auch eine Elektrobetäubung ist zugelassen. Durch den Bolzenschuss kommt es zu einer Gehirnerschütterung und zu Zerreißungen und Quetschungen des Schädels und Gehirns, wobei der Erfolg der Traumatisierung von der Position des Bolzenschussgerätes sowie von der Auftreffgeschwindigkeit des Projektils abhängig ist. Werden Mastkälber in Einrichtungen betäubt, die eigentlich für ausgewachsene Tiere konzipiert sind, haben sie eine deutlich größere Bewegungsfreiheit des Kopfes und ein sicheres Ansetzen des Bolzenschussgerätes ist erschwert.

Eine große Rolle bei der Betäubung spielen auch die Erfahrung, die Persönlichkeit und die Verfassung der betäubenden Schlachthofmitarbeiter. Personen, die für die Betäubung zuständig sind, können mit der Zeit abstumpfen, eine gewisse Gleichgültigkeit kann entstehen. Auch kann ein regelmäßiges Töten zu psychischen Störungen führen. Entstehen durch die Betäubung erhebliche Schmerzen für das Tier, ist sie nicht mehr als zweckmäßig anzusehen.

Bei der Elektrobetäubung wird elektrischer Strom durch das Gehirn geleitet, wodurch ein epileptiformer Anfall verursacht und Bewusstlosigkeit erreicht wird. Im Gegensatz zur Bolzenschussmethode ist diese Art der Betäubung ein reversibles Verfahren, was heißt, dass die Tiere – nicht ohne gewisse Schäden – nach einer bestimmten Zeit aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachen können. Ein direktes Nachbetäuben müsste dann unbedingt durchgeführt werden. Um eine ausreichende Betäubung zu erhalten, ist das korrekte Ansetzen des Betäubungsgerätes und das Einhalten gewisser Betäubungszeiten essentiell. Werden die Kopfelektroden falsch positioniert, kann es durch den Strom zu einer Immobilisierung (Bewegungsunfähigkeit), nicht jedoch zu einer Bewusstlosigkeit kommen. Die Tiere erleiden bei vollem Bewusstsein große Schmerzen. Wird dies nicht erkannt oder wird aus Zeitgründen nicht nachbetäubt, wird das Tier bei vollem Bewusstsein mit einem Messerstich entblutet.

Entblutung

Die Entblutung muss laut der Tierschutz-Schlachtverordnung innerhalb von höchstens 60 Sekunden nach der Betäubung durch einen Bolzenschuss oder innerhalb von höchstens 10 bis 20 Sekunden nach der Elektrobetäubung geschehen. Dennoch werden die Höchstzeiten nicht immer eingehalten und die Tiere erlangen vorher wieder ihr Bewusstsein. Auch die fehlerhafte Ausführung des Stichs zur Entblutung kann, gerade wenn die Tiere wieder ihr Bewusstsein erlangen und eventuell Abwehrbewegungen zeigen, zu Schmerzen und Leiden der Tiere führen. Auch hier sind die Tiere wieder komplett abhängig von der Arbeitsweise, Zuverlässigkeit und den Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter, die wiederum von der Erfahrung, aber auch von der Tagesform und dem herrschendem Zeitdruck (vor allem bei Akkordarbeit) abhängig sind.

Vermeidbarkeit und Forderungen

Um das Leid der Kälber möglichst gering zu halten, müssen zumindest die folgenden Änderungen eingeführt werden:

  • Generell muss in Deutschland ein Verbot der Produktion und des Verkaufs von hellem Kalbsfleisch durchgesetzt werden, da die Mastkalbhaltung direkt mit Schmerzen, Leiden und Schäden für die Tiere verbunden ist. Auch ein Ausweichen auf Fleisch von Kälbern aus der Rosé-Mast ist abzulehnen.
  • Kälber müssen zudem bei ihrer Mutter verbleiben oder, wenn diese aus Krankheitsgründen oder Tod nicht für ihr eigenes Kalb sorgen kann, einer Ammenkuh zugeteilt werden.
  • Die erste Versorgung mit dem Kolostrum über Eimertränken oder Tränkeautomaten ist zwar in Gesetzestexten niedergeschrieben, jedoch fehlt eine Angabe der Mindestmenge. Um ein Kalb mit ausreichendem Schutz zu versorgen, sollte eine Aufnahme dieser Milch von mindestens drei Litern sichergestellt sein.
  • Das Drenchen (Zwangstränken) von Kälbern darf nicht aus Zeitmangel zur Routine werden. Es sollte nur dann durchgeführt werden, wenn es aus gesundheitlichen Gründen für einzelne Kälber wirklich notwendig ist.
  • Die Mindestwerte der Eisengehalte für die Milchaustauscher in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müssen ebenso wie die Hämoglobinwerte im Blut deutlich angehoben werden. Auch sollte eine Versorgung mit Eisenpräparaten zur Versorgung der Kälber gehören.
  • Eine an das Alter angemessene Versorgung mit Nährstoffen und Beschäftigungsmaterialien muss gewährleistet sein. In dem Zusammenhang ist der freie Zugang zu Heu bester Qualität zu erwähnen. Eine Vormagenentwicklung darf nicht unterbunden werden, da sie essentiell für ein wiederkäuendes Tier ist.
  • Den Tieren muss deutlich mehr Platz und durchgehend ein ausreichend großer sauberer, eingestreuter Bereich (zum Beispiel Tiefstreu) zum Liegen zugestanden werden. Auf Spaltenboden ist zu verzichten. Folglich muss die Unterbringung von Kälbern eine Einteilung in verschiedene Funktionsbereiche (Ruhe-, Fress-, und Auslaufbereich) aufweisen, die auch Möglichkeiten zur Exploration und zu Sozialkontakten bietet.
  • Die Versorgung und Haltung eines Tieres darf insgesamt nicht so gestaltet sein, dass den Tieren die Möglichkeit zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung eines Rindes genommen wird, auch wenn sie voraussichtlich getötet werden, bevor sie das Erwachsenenalter erreichen.
  • Das Ausmaß der Transporte, innerhalb von Deutschland, aber auch über die Landesgrenzen hinweg, muss deutlich eingeschränkt werden. Überdies sind gerade am Schlachthof vermehrt Kontrollen auf Tierwohl durchzuführen. Nicht nur bei gravierenden und sich wiederholenden Verstößen sollten Mahnungen, Strafen und Anzeigen erstellt, sondern jede Missachtung geahndet werden.

Was können Sie tun?

  • Essen Sie kein Kälberfleisch, wenn Sie nicht zu den oben beschriebenen Zuständen beitragen möchten. Leider ist auch das Ausweichen auf Produkte aus Biohaltung nicht automatisch eine gute Lösung, da auch hier die oben beschriebenen Problematiken nicht auszuschließen sind und zudem auch hier letztlich das ethische Problem des unnötigen Tötens bestehen bleibt.
  • Sie suchen Informationen oder eine Einstiegshilfe zu einer tierfreundlicheren Ernährung? Dann schauen Sie doch mal bei unserer Vegan Taste Week vorbei und melden Sie sich zum kostenlosen Newsletter an.
  • Helfen Sie uns bei unserem Kampf gegen die schlimmsten Zustände in der Intensivtierhaltung.

Zahlenquellen

Die Zahl der Kälberschlachtungen beruht auf Angaben des Statistischen Bundesamtes.

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