Legehennen

Zurückdrängung der Grundbedürfnisse der Legehennen

Zu den Grundbedürfnissen von Hühnern zählen soziales Zusammenleben, Körperpflege, Erkunden, Ausruhen, Fortbewegung (Gehen, Hüpfen, Laufen Flattern, Fliegen) sowie diverse mit der Nahrungsbeschaffung- und -aufnahme verbundene Verhaltensweisen (wie Scharren, Picken, Zupfen, Zerren, Hacken und Bearbeiten von Nahrungsobjekten mit dem Schnabel). Durch die Zucht wurden die Ausprägungen einiger Verhaltensweisen bei Legehennen verändert, so sind Sexual- und Nahrungsaufnahmeverhalten deutlicher ausgeprägt als Bewegungsaktivitäten und Warn- und Fluchtverhalten. Dennoch sind keine Verhaltensweisen ganz weggefallen oder neu hinzugekommen. Die intensive Haltung beeinträchtigt die angeborenen Verhaltensweisen der Legehennen.

In keinem der heutigen Haltungssysteme können die Grundbedürfnisse in all ihrer Bandbreite voll ausgelebt werden – am meisten eingeschränkt sind die Tiere allerdings in Käfigen.

a) Nahrungssuche

Legehennen verbringen etwa 40-60 % der Tageszeit mit ihren vielfältigen Futtersuch- und Futteraufnahmeaktivitäten. Diese Verhaltensweisen wollen die hoch sozialen Tiere gemeinsam mit der Gruppe ausführen. Dazu braucht es allerdings Platz: Allein zum Ausführen des Bodenscharrens (Kratzbewegungen mit den Beinen auf der Bodenoberfläche, um Futter freizulegen) benötigt ein Huhn eine Fläche von durchschnittlich 856 cm². Der Einstreubereich in Kleingruppenkäfigen (90 cm² je Henne) ist jedoch so knapp bemessen, dass immer nur wenige Tiere gleichzeitig ihr nahrungsbezogenes Verhalten durchführen können – und dies lediglich ansatzweise. Ihr Nahrungserwerbsverhalten wird neben der Umgebung auch durch das Futter und die Art und Weise wie es angeboten wird bestimmt. Die Nahrung dient nicht nur als Energiequelle, sondern auch der Beschäftigung. Verschiedene Schnabelaktivitäten, wie das Ziehen und Reißen an Objekten oder die Bearbeitung von Nahrungsbestandteilen entfallen aufgrund der geringen Einstreutiefe und des Fehlens von veränderbarem Substrat völlig. Dies führt zu Verhaltensstörungen wie stereotypem Objektpicken und Feder- oder Kloakenpicken (s. u.).

In den alternativen Haltungsformen können die Legehennen ihr nahrungsbezogenes Verhalten zwar grundsätzlich besser ausführen, da hier größere Flächen vorhanden sind. Bei dem hier gebotenen Einstreubereich von 250 cm² je Henne und den hohen Besatzdichten sind die Tiere dabei jedoch auch dort letztlich bis zu einem gewissen Grad eingeschränkt.

In der biologischen Erzeugung stellt sich ein anderes Problem: Eingesetzt werden hier dieselben Hühnerrassen, die auch in der konventionellen Eierzeugung genutzt werden und somit auf extreme Leistung gezüchtet sind. Das biologisch erzeugte Futter kann jedoch den hohen Eiweißbedarf der Hennen nicht optimal decken, da es nicht mit synthetisch hergestellten Aminosäuren angereichert sein darf, wie dies bei konventionell hergestelltem Futter der Fall ist. Die Unterversorgung hat Federverluste und geringe Körpergewichte und sogar Todesfälle zur Folge.

b) Körperpflege

Die Körperpflege dient Hühnern zur Instandhaltung des Gefieders, zur Wärmeregulation und Parasitenbekämpfung – sie trägt damit erheblich zum Wohlbefinden der Tiere bei. Aufgrund von Platzmangel und geringer Einstreutiefe kann die Gefiederpflege in der Kleingruppenkäfighaltung nur unzureichend ausgeführt werden. So beschränkt sich etwa das Sandbaden, das sich unter natürlichen Bedingungen über 30 Minuten lang in einem festen Ablauf von vier Phasen vollzieht, in der Käfighaltung nur auf die Vorbereitungsphasen (Aufbringen von Einstreu ins Gefieder; Reiben des Körpers an der eingestreuten Bodenfläche). Die befriedigenden Endhandlungen (Ruhephase; Abschütteln der aufgetragenen Einstreu) entfallen häufig, da die Hennen von ihren Artgenossinnen gestört werden. Es kommt zu Verhaltensstörungen: Die Mehrheit aller Sandbadebewegungen finden als Scheinsandbaden auf den Drahtgitterböden im Leerlauf statt. Ist den Hennen das Sandbaden nicht möglich, zeigen sie ihre Frustration sogar durch ein Ansteigen der Lautstärke an. In der Käfighaltung ist zudem der Gefiederzustand durch die Gitterstangen stark beeinflusst, die Federkiele brechen häufig ab. Typisch sind nackte Hälse, da die Hennen ihre Köpfe durch die Gitter strecken, um die außen angebrachte Futterrinne zu erreichen.

In den alternativen Haltungsformen wird den Hennen insgesamt mehr Fläche zur Körperpflege geboten. Die Ausübung aller vier Sandbadephasen und die gemeinsame Ausübung der Verhaltensweisen in der Gruppe werden hier prinzipiell ermöglicht. Trotzdem ist eine akkurate Körperpflege aufgrund der unnatürlich hohen Besatzdichten und der dementsprechend hohen Belastung mit Exkrementen auch in diesen Systemen erschwert. Vor allem in Haltungen mit Auslauf kommt es regelmäßig zu feuchter Einstreu, da die Tiere von draußen Schlamm in den Stall tragen – dies begünstigt die Ausbreitung von Infektionen.

c) Ruheverhalten

Legehennen
© Animal Equality

In den heutigen Legehennenhaltungssystemen werden den Hennen Sitzstangen zur Verfügung gestellt, die dem Bedürfnis der Tiere nach Ausruhen und Schlafen auf erhöhten Plätzen dienen sollen. Trotzdem ist in der Kleingruppenkäfighaltung ein ungestörtes Ruhen nicht möglich: Da die Käfighöhe lediglich 45-60 cm beträgt, sind die Stangen nicht hoch genug angebracht, um einen Bereich zu bilden, der ausreichend von den anderen Funktionsbereichen des Käfigs abgetrennt wäre. Manche Tiere ruhen von vornherein auf den Gitterböden, denn aufgrund des Platzmangels sind sich ruhende und aktive Tiere ohnehin ständig gegenseitig im Weg.

Stangen, die sich zu nah über dem Boden befinden, erhöhen zudem das Verletzungsrisiko, zumal Bauch und Kloake der sitzenden Henne von unten erreichbar sind und ungeschützt von Artgenossinnen bepickt werden können. Problematisch ist auch die hohe Besatzdichte, die dazu führt, dass Ruhe- bzw. Schlafphasen der Tiere unterdrückt werden. Folglich stehen die Tiere länger und häufiger und können nicht ungestört ruhen.

Die in allen Haltungsformen üblichen runden Sitzstangen verursachen darüber hinaus Deformationen des Brustbeins der Tiere. Denn bei dieser Form der Sitzstangen liegt während des nächtlichen Ruhens etwa 80 % des Körpergewichts auf einem Punkt des Knochens. Im Verlauf der Legeperiode treten immer stärkere Veränderungen des Brustbeins auf, da die Knochenstabilität aufgrund der intensiven Legeleistung abnimmt.

d) Sozialverhalten

Legehennen dicht gedrängt
© Animal Rights Watch

Zum artgerechten Sozialverhalten von Hühnern gehört das Ausüben synchronen Verhaltens mit der Gruppe (z. B. beim Picken, Scharren und der Gefiederpflege). In den Kleingruppenkäfigen ist dies aufgrund des Platzmangels unmöglich. Ebenso wichtig für das Zusammenleben ist das Zeigen eines rangordnungsgemäßen Verhaltens. Dazu gehört die Möglichkeit, Angriffen von ranghöheren Tieren durch Flucht auszuweichen. Diese Bedingung ist weder in Käfighaltung noch in alternativer Haltung ausreichend gegeben, da die Ställe zu wenig strukturiert und zudem überfüllt sind. In alternativen Systemen kommt es häufig dazu, dass die ziellos flüchtenden Tiere durch zunächst unbeteiligte Legehennen verfolgt und zusätzlich gehackt werden.

In den alternativen Haltungsformen stellt sich außerdem das Problem der unüberschaubaren Gruppengrößen: Da Hühner nur 40 bis 250 verschiedene Artgenossen voneinander unterscheiden können, ist es ihnen in den üblichen Großgruppen mehreren Tausend Tieren nicht möglich, eine stabile Rangordnung ohne Auseinandersetzungen auszubilden, die auf einem individuellem Erkennen der Tiere untereinander beruht. Mit zunehmender Gruppengröße steigt daher die Aggressionshäufigkeit. Gleichzeitig kommt es in Großgruppen, die in reizarmer Umgebung gehalten werden und strukturarmes Futter bekommen, gehäuft zu Federpicken.

e) Legeverhalten/Sexualverhalten

Das Nestverhalten von Hühnern ist angeboren und wird nach der Geschlechtsreife hormonell ausgelöst. Es ist sehr komplex und besteht aus vier Phasen: der Vorbereitungsphase mit Nestplatzsuche, dann folgt das Nestbauen und die Phase des Eiablegens und zuletzt die Ruhephase im Nest.

Eigentlich suchen sich Hennen einen bestimmten Nestplatz, den sie immer wieder nutzen. Finden die Tiere jedoch keine angemessenen Nester, können sie das angeborene nestbezogene Verhalten nicht ausführen und Fehlverhalten sind die Folge. Dazu gehören starke Unruhe, verstärktes Fluchtverhalten, verzögerte Eiablage und eine erhöhte Aggressivität. Die Suche nach einem Nest und die Nestinspektion nehmen dann deutlich zu, sind jedoch weniger zielstrebig. Die Hennen leiden unter erheblichem Stress und sind aufgeregt.

Ein weiteres Problem ist der Einsatz von Abrollnestern. Da die Nester nicht eingestreut sind, kann die Henne ihr angeborenes Nestbau- und Eiablageverhalten nicht ausführen. Der Einstreubereich in alternativen Haltungssystemen ist meist nur sehr flach eingestreut, da die Hennen sonst dort ihre Eier legen würden. Diese verlegten Eier müssten von Hand eingesammelt werden und sind meist verschmutzt.

Trotz der radikal veränderten Umweltbedingungen und der intensiven Zucht von Hybridlinien auf bestimmte Merkmale, hat sich das nestorientierte Verhalten der Tiere nicht qualitativ verändert. Einzig durch die Zucht auf eine hohe Legeleistung wird das Legeverhalten fast täglich wiederholt.

Häufig werden Hähne in Legehennengruppen empfohlen, da diese Reviergrenzen verteidigen, eine Untergruppenbildung und dadurch eine bessere Rangordnung ermöglichen. Durch ihr Mitlaufen in den Tiergruppen konnte eine Reduktion der Aggressivität und des Kannibalismus festgestellt werden. Jedoch können auch die Hähne von den Anforderungen überfordert werden, da häufig nur ein Hahn auf Hundert Hühner eingesetzt wird.

Körperliche Leiden und Schäden der Legehennen

Legehenne
© Animal Equality

Aufgrund ihrer Überzüchtung auf extrem hohe Eierproduktion in Kombination mit den unnatürlichen Haltungsbedingungen leiden Legehennen regelmäßig an diversen Krankheiten und Verletzungen. In allen Haltungssystemen kommt es häufig zu Erkrankungen des Legeapparates, wie Eileiterentzündung (Salpingitis), Bauchfellentzündung und verschiedenen Geschwulsterkrankungen (z. B. Drüsenepithelkrebs). So gilt die Salpingitis sogar schon als typische »Berufskrankheit« der Legehenne. Die Erkrankungen des Geschlechtsapparates äußern sich häufig in blutverschmierten Eiern. Darüber hinaus birgt jede Haltungsform seine spezifischen systemimmanenten Krankheitsrisiken und -häufungen, wobei keines der Systeme als über- oder unterlegen bewertet werden kann:

Käfighaltung

  • Osteoporose bzw. verminderte Knochenstabilität (Verlust der vollständig mineralisierten Knochensubstanz, dadurch wird die Knochenfestigkeit herabgesetzt und das Risiko für Knochenbrüche steigt (s. u.). Besonders Hennen in Käfigen sind aufgrund von Bewegungsmangel davon betroffen)
  • Skelettanomalien bzw. »Käfiglähme« als Folge der fehlenden Bewegung oder im Fall von Brustbeindeformationen aufgrund nicht geeigneter Sitzstangen
  • Knochenbrüche (besonders beim Ausstallen durch die grobe Behandlung beim Einfangen und durch Anflugtraumen, bedingt durch die Haltung mit Volieren)
  • Fettlebersyndrom, Leberrupturen
  • Herzversagen
  • Arthritis

Alternative Haltungsformen

  • Fußballengeschwüre, Erfrierungen an den Füßen, Brustbeinverkrümmungen (durch Material und Form bestimmter Sitzstangen)
  • Zehenverletzungen, Krallenabrisse (durch den Gitterboden)
  • bakterielle Erkrankungen, wie Koliseptikämie, Pasteurella-multocida-Infektionen, Rotlauf
  • virale Erkrankungen wie Pockeninfektion
  • Parasitenbefall, z. B. mit roter Vogelmilbe, Spul-, Haar- oder Rachenwurm
  • Blutarmut bzw. Anämie (durch Parasitenbefall)

Während in der Kleingruppenkäfighaltung insbesondere durch Bewegungsmangel verursachte Krankheiten auftreten, sind in den alternativen Haltungsformen vor allem Infektionskrankheiten und Parasitenbefall problematisch. In allen Haltungsformen können die Gesundheitsschäden so gravierend sein, dass sie zum Tod der Legehennen führen.

Generell wird in der Legehennenhaltung eine ausführliche Impfprophylaxe durchgeführt, denn gerade in Massentierhaltungen besteht ein hohes Risiko für Krankheiten und Seuchen. Die erste Impfung wird schon am Tag nach dem Schlüpfen in die Oberschenkelmuskulatur des Kükens gespritzt, die folgenden Impfungen erhalten die Junhennen meist über das Trinkwasser. Bis zur 18. Lebenswoche werden die Legehennen mehr als zehn Mal geimpft, danach sind Auffrischungsimpfungen im Abstand von drei Monaten üblich.

Problemkomplex Federpicken und Kannibalismus

Legehenne
© Animal Equality

Federpicken und Kannibalismus sind nicht aggressiv motivierte Verhaltensstörungen. Ihr Auftreten hängt von verschiedenen Faktoren der Haltung ab, wobei besonders eine fehlende Futterstruktur und ein Mangel an Beschäftigungsmaterialien sowie hohe Besatzdichten hervorzuheben sind. Hinzu kommen eine unpassende Lichtintensität und -farbe, die Gruppengröße, eine unzureichende Einstreumenge und -qualität sowie die Zuchtlinie. Auch chronischer Stress und Angst der Hennen haben einen Einfluss.

Die Verhaltensstörungen sind in allen kommerziellen Haltungssystemen verbreitet, insbesondere jedoch in der Boden- und Freilandhaltung sowie der ökologischen Eierzeugung.

Federpicken verursacht Leid

Federpicken wird als ein auf die Federn umorientiertes Nahrungserwerbsverhalten erklärt. Können die Tiere den komplexen Ablauf der Futtersuche, Beschäftigung und Futterbearbeitung mit dem Schnabel nicht ausleben, bleibt ihre angeborene Motivation für Schnabelaktivitäten unbefriedigt. Die Tiere orientieren ihr Verhalten auf das einzig Erreichbare, ihre Artgenossinnen, um.

Die Haltungsbedingungen legen den Grundstein für Federpicken bereits in den ersten Lebenstagen. Mit zunehmendem Alter verändert sich das anfänglich vorsichtige Picken und die Federn werden von den Artgenossinnen kräftig herausgerissen und sogar verzehrt. Dabei kann schon Einstreu als Beschäftigungsmöglichkeit Federpicken deutlich senken. Stroh hat sich bewährt, wird den Tieren jedoch vor allem aus wirtschaftlichen Gründen (Anschaffungskosten und Arbeitsaufwand) häufig verwehrt.

Federpicken ist ein deutliches Zeichen für ein gestörtes Wohlbefinden und erhebliches Leiden der Tiere. Die bepickten Tiere leiden sogar mehrfach. Zum einen durch die Schmerzen, verursacht durch Picken und Herausreißen der Federn, denn die Haut und die Umgebung der Federfollikel sind von Nerven durchflochten. Zum anderen ist der andauernde Stress für die bepickten und durch den Stall gejagten Tiere erheblich. Ein beschädigtes Federkleid stellt darüber hinaus auch eine starke Einschränkung für das Individuum dar. Das Gefieder dient der Regulation der Körpertemperatur und schützt vor Feuchtigkeit. Es ist auch für das soziale Miteinander wichtig, da durch Aufstellen bestimmter Federn verschiedene Stimmungen gezeigt werden können.

Kannibalismus als Todesursache

Kannibalismus unter Legehennen zeichnet sich durch Bepicken und Ziehen an der Haut und darunter liegendem Gewebe aus. Schon kleine blutige Verletzungen wecken das Interesse anderer Artgenossinnen. Die Verletzungen können so schwer wiegen, dass bepickte Hennen sterben.

Picken die Tiere gezielt auf die Kloake, spricht man vom Kloakenkannibalismus. Eine extreme, aber typische Verhaltensstörung bei Legehennen. Die Kombination mehrerer Probleme bewirkt diese schwerwiegende Form von Kannibalismus. Die enorme Legeleistung führt zu Erkrankungen des Legeapparats und zu einer Überbeanspruchung des Gewebes. In der Folge kann sich die krankhaft veränderte Kloake nach der Eiabage nicht mehr zurückziehen und bleibt über längere Zeit ausgestülpt. Das glänzende Organ löst bei den Artgenossinnen einen Pickreiz aus. Dieser Reiz kann so stark sein, dass sogar das selbst betroffene Huhn an der eigenen Kloake pickt.

Fehlende Rückzugsorte verschlimmern die Situation der betroffenen Tiere. Sie können sich im Stall nicht vor dem unbefriedigten Nahrungssuchverhaltens der Artgenossinnen in Sicherheit bringen. Kloakenkannibalismus geht häufig so weit, dass die Hennen durch den Blutverlust sterben. Oder sie werden bei lebendigem Leib regelrecht ausgehöhlt und verenden.

Gegenmaßnahme Schnabelkürzen

Bisher war es in der konventionellen Legehennenhaltung üblich, den Tieren im Kükenalter den Schnabel ohne Betäubung zu kürzen. Denn das Tierschutzgesetz lässt diesen Eingriff als Ausnahme vom geltenden Amputationsverbot zu. Die Behörden schätzten den Eingriff als unerlässlich ein und erteilten die Ausnahme routinemäßig. Der schmerzhafte Eingriff verhindert jedoch nicht das gestörte Verhalten, sondern reduziert nur die Schäden: Schnabelkupierte Tiere können die Federn schlechter mit dem verstümmelten Schnabel erfassen und herausreißen.

Der Eingriff ist in höchstem Maße tierschutzrelevant, da er für die Tiere mit akuten Schmerzen verbunden ist. Denn die Schnabelspitze, die als wichtiges Tastorgan fungiert, ist intensiv durchblutet und von Nerven durchzogen. An dem Schnabelstumpf können ferner Neurome (Geschwulste, Knoten) entstehen, die mit chronischen Schmerzen verbunden sind. Zudem können gestörten Wundheilungen zum Verbluten einzelner Tiere führen.

Ausstieg aus dem Schnabelkürzen

In der Eierproduktion gilt seit August 2016 deutschlandweit die vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) und von der Geflügelwirtschaft getroffene freiwillige Vereinbarung zum Verzicht des routinemäßigen Schnabelkürzens. Der Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) hat das Verbot des Schnabelkürzens bereits ab Januar 2016 auf freiwilliger Basis in seine Leitfäden aufgenommen (weiteres s.u.).

Mehrere Bundesländer haben sich zuvor zum Verbot des Schnabelkürzens positioniert. Auf der Agrarministerkonferenz im April 2014 sprachen sich die Länder Baden-Württemberg, Berlin, Brandenbrug, Bremen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein für einen Ausstieg aus dem Schnabelkürzen aus. Sie baten außerdem den Bund, dies u. a. durch eine Änderung des Tierschutzgesetzes zu unterstützen.

Einige Bundesländer haben außerdem eigenständig gehandelt. In Niedersachsen ist das Kürzen der Schnabelspitze ab dem 1. Januar 2017 verboten. Mecklenburg-Vorpommern sieht in seinem Tierschutzkonzept von 2015 vor, ab 2016 keine Ausnahmen des Amputationsverbotes bei Legehennen mehr zu erlauben. Nordrhein-Westfalen plante 2015 in einer Erklärung, ab Ende 2016 keine behördlichen Genehmigungen für das Kürzen von Schnäbeln bei Geflügel mehr zu erteilen. Hessen vereinbarte im August 2016 mit dem dortigen Geflügelwirtschaftsverband einen Plan zum Ausstieg aus dem Schnabelkürzen.

Schnabelkürzen in der Bio-Produktion

In der Bio-Haltung darf das Kürzen des Schnabels nicht routinemäßig durchgeführt werden, fallweise kann jedoch auch hier der Eingriff von der Behörde genehmigt werden. Die gesetzlichen Bio-Vorgaben sind insofern strenger als das Tierschutzgesetz, da den Tieren im Falle eines Eingriffs angemessene Betäubungs- und/oder Schmerzmittel verabreicht werden müssen.

Schlachtung der Legehennen

Die Länge eines Legehennenlebens hängt in keinem der bestehenden Haltungssysteme von natürlichen Umständen, sondern von Faktoren des Managements oder der Wirtschaftlichkeit ab. Damit der Ablauf im Legebetrieb (Bestellung der Junghennen, Ausstallung und Schlachtung der ausgedienten Hennen, Einstallung der Junghennen) nicht zu stark von den individuellen Unterschieden der Hennen gestört wird, beschränkt man sich auf eine Nutzungsdauer von einer Legeperiode (12–15 Monate). Danach sind die Tiere für die Halter aufgrund der abnehmenden Legeleistung nicht mehr rentabel. Die ausgedienten Hennen werden abtransportiert, geschlachtet und als Suppenhühner vermarktet – das betrifft allein in Deutschland rund
Legehennen pro Jahr. Auf welche Weise Hühner geschlachtet werden, erfahren Sie in unserem Artikel über die Hühnermast.

Vermeidbarkeit und Forderungen

Ein Großteil der tierschutzrelevanten Probleme wird durch die intensiven Haltungsbedingungen und fehlende Tierversorgung verursacht. Um das Leid der Legehennen zu verringern, müssten folgende Änderungen eingeführt werden:

  • Generelle Abschaffung jeglicher Käfighaltung.
  • Kein Einsatz von zur Hochleistung gezüchteter Tiere (zur Reduzierung der körperlichen Leiden).
  • Verringerung der Gruppengrößen in alternativen Haltungssystemen und der Besatzdichten in allen Systemen (zur Ermöglichung von artgemäßem Sozialverhalten und von Bewegungsfreiheit).
  • Bereitstellung eines größeren Einstreubereichs je Tier in allen Haltungsformen (zur Ausübung nahrungsbezogener Verhaltensweisen und zur Gefiederpflege).
  • Bereitstellung von Futtermitteln mit unterschiedlicher Struktur (z. B. Grünfutter, ganze Weizenkörner) und von Beschäftigungsmaterial (z. B. aufgehängte Körbe mit Möhren, Gras, Stroh oder Heu, zur Beschäftigung und zur Ausübung nahrungsbezogener Verhaltensweisen).
  • Gestaltung der Gitterroste aller Haltungsformen mit Maschenweiten zwischen 20×40 mm und 26×52 mm (zur sicheren Fortbewegung und zur Reduzierung der Verletzungsgefahr).
  • Bereitstellung von Sitzstangen aus geeignetem Material (z. B. Holz oder Gitterstangen) mit einem Spaltenabstand von mind. 24 mm oder ohne Abstand, die in nicht zu steilen Winkeln (höchstens 45 Grad) angeordnet sind (zur Verminderung des Verletzungsrisikos).
  • Regelmäßiger Auslauf im Freien für alle Legehennen (zur Beschäftigung, zur Ermöglichung des natürlichen Fressverhaltens, zur Bewegung und zum Ausleben sozialer Verhaltensweisen) oder zumindest die Etablierung von Wintergärten (Kaltscharrräume).

Verbot des Schnabelkürzens

Darüber hinaus fordert die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt ein absolutes Verbot des Schnabelkürzens. Die Amputation von Körperteilen ist nach §6 des deutschen Tierschutzgesetzes eigentlich verboten. Es sind jedoch Ausnahmen, die bisher von den zuständigen Behörden routinemäßig erteilt wurden, gesetzlich möglich.

Die 2015 getroffene freiwillige Vereinbarung zum Verzicht des routinemäßigen Schnabelkürzens legt fest, dass ab dem 1. August 2016 »regelmäßig« keine Schnäbel mehr gekürzt und ab dem 1. Januar 2017 keine Junghennen mit gekürztem Schnabel mehr eingestallt werden sollen. Für Elterntiere wurden bedauerlicherweise keine Festlegungen getroffen.

Da die Vereinbarung »regelmäßig« nicht näher definiert und aus juristischer Sicht keine verpflichtende Wirkung hat oder Sanktionsmaßnahmen vorsieht, muss das Schriftstück sehr kritisch gesehen werden. Zudem ist das in der Vereinbarung mehrfach als Lösung genannte Verdunkeln der Ställe als höchst tierschutzwidrig einzustufen.

An solch einem Lösungsansatz, mit dem vornehmlich Produktions- statt Tierschutzinteressen bedient werden, tritt ein deutlicher Einfluss der Geflügelwirtschaft auf die Vereinbarung hervor. Diesen offensichtlichen Einfluss gilt es im Sinne eines ernstgemeinten Tierschutzes politisch zurückzufahren – dies gilt insbesondere für den geplanten Erarbeitungsprozess von bundeseinheitlichen Leitlinien für die Aufzucht und Haltung von Legehennen mit intaktem Schnabel im Rahmen der freiwilligen Vereinbarung (bis dahin gelten nur vorläufige Haltungsleitlinien).

Insgesamt bleibt es unerlässlich, der freiwilligen Vereinbarung klare und umfassende gesetzliche Regelungen folgen zu lassen: Die Implementierung eines generellen Amputationsverbots bei »Nutzgeflügel« im Tierschutzgesetz sowie eine Überarbeitung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (insbesondere die Bereitstellung von geeigneten Beschäftigungsmaterialien, die explizite gesetzliche Vorgabe für eine tägliche Körnerfütterung, die Einteilung der Stallfläche in Funktionsbereiche inkl. Ausweich- und Rückzugsräume, eine geringere Besatzdichte und ferner spezielle Haltungsvorgaben für Küken, Junghennen und Elterntiere).

Helfen können beim Ausstieg aus dem Schnabelkürzen zudem mehrere Leitfäden und Managementtools.*** Anders als die freiwillige Vereinbarung des BMEL und der Geflügelwirtschaft nennen sie bei einem Ausbruch von Federpicken und Kannibalismus auch Alternativen zu der tierschutzwidrigen Reduzierung der Lichtintensität.

Was können Sie tun?

  • Wenn sie die oben beschriebenen Zustände nicht unterstützen möchten, dann essen Sie keine Eier oder eihaltigen Produkte. Wie gezeigt, sind auch Eier aus standardmäßiger Freiland- oder Biohaltung nicht zu empfehlen, da die Tiere auch dort letztlich nicht artgerecht leben. Zu bedenken ist zudem, dass auch in diesen Haltungssystemen die Legehennen frühzeitig geschlachtet und ihre Brüder noch am ersten Lebenstag getötet werden.
  • Sie möchten in Zukunft tierfreundlicher leben? Dann Informieren Sie sich auf unserer Seite Vegan Taste Week über pflanzliche Alternativen zu Eiern.
  • Helfen Sie uns dabei, die Haltungsbedingungen der Tiere zu verbessern.

Zahlenquellen

Die Zahlen zum Tierbestand, zu den Haltungen und zur Schlachtung beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes.

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Weitere Beiträge zum Thema Legehennen finden Sie hier.

*** u. a. »Minimierung von Federpicken und Kannibalismus bei Legehennen mit intaktem Schnabel« der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, »Empfehlungen zur Verhinderung von Federpicken und Kannibalismus bei Jung- und Legehennen« des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums sowie »MTool – Eine Managementhilfe für Legehennenaufzucht und -haltung« und der »Hennenscore« der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover.

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