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Ich möchte das Ende der Massentierhaltung miterleben

RG: Bemerken Sie aufgrund der veränderten öffentlichen Wahrnehmung von Tierrechten und Tierschutz eine Veränderung in der  Spendenbereitschaft?

Mahi Klosterhalfen: Das kann ich nur begrenzt beurteilen. Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt wächst sehr schnell. Welchen Anteil daran die wachsende Zahl unserer Erfolge und unsere zunehmende öffentliche Präsenz haben und welcher Anteil auf eine eventuell wachsende Spendenbereitschaft zurückzuführen ist, kann ich nicht sagen. Mein Eindruck ist aber, dass die meisten Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen wachsen.

RG: Der Deutsche Kinderschutzbund hat rund 50.000 Mitglieder, der Deutsche Tierschutzbund 800.000 Mitglieder. Wie kommen solche Zahlen zustande? Sind die Deutschen eher Tier- als Menschenlieb?

Mahi Klosterhalfen: Dieses Beispiel ist nicht repräsentativ. 74 % der Spenden der Deutschen fließen in humanitäre Projekte, auf den Tierschutz entfallen nur 6 %. Den Rest teilen sich Kultur und Denkmalschutz, Umweltschutz sowie andere Projekte (Quelle, S. 22).

RG: Mir sagte einmal ein »Insider«, dass Tierschutzvereine in Deutschland zu 50 % mit Papierkram, Behördengängen und dem Aufhübschen ihrer Website beschäftigt sind. Dazu kämen 20 % für Neuwerbung von Mitgliedern, 10 % Bestandsmitglieder – Betreuung und max. 10 % für die Planung konkreter Projekte und deren Durchführung. Wie stehen Sie zu diesem Dilemma?

Mahi Klosterhalfen: Papierkram gibt es bei uns kaum, denn wir haben schon vor Jahren beschlossen, keinen Cent für die Gestaltung, den Druck und den Versand von Mitgliedsheften auszugeben. Stattdessen erhalten unsere UnterstützerInnen 1x pro Quartal eine E-Mail, in der ich ihnen schreibe, was wir dank ihrer Hilfe bewegen konnten. Behördengänge gibt es bei uns nicht, denn wir kommunizieren per Post, Telefon und E-Mail mit dem Finanzamt und der Stiftungsaufsicht. Dass NGOs behördlich kontrolliert werden, halte ich für sehr sinnvoll – auch wenn das gewisse Kosten verursacht. Bei der Webseite helfen uns engagierte Ehrenamtliche sowie Profis zu Kleinstpreisen. Wir haben außerdem beschlossen, kein Geld für die Neuwerbung von Spendern auszugeben. Wenn wir um Spenden werben, dann zahlt das unser Vorstand privat. Auch der Betreuungsaufwand für unsere UnterstützerInnen hält sich sehr in Grenzen.

Ich sehe daher kein Dilemma, sondern eine Herausforderung für die Geschäftsführung von NGOs, schlanke Strukturen zu schaffen. Dass unser Gründer Unternehmer war und dass ich ein BWL-Studium absolviert habe, ist bei der Bewältigung dieser Aufgabe definitiv kein Nachteil.

RG: Das NRW-Verbraucherschutzministerium hat sich im September 2013 an den § 1 des Tierschutzgesetzes erinnert und verbietet das Töten von männlichen Küken von Legehennenrassen. Rund 50 Millionen dieser kleinen Küken werden jährlich direkt nach der Geburt geschreddert oder vergast. Was im Ministerium aktuell noch niemand beantworten kann, ist die Frage, was mit den Küken geschehen soll. Wie sehen Sie die Debatte?

Mahi Klosterhalfen: Das Ministerium hat eine Antwort auf diese Frage und sagt, dass die Küken z. B. gemästet werden sollen. Allerdings bin ich überzeugt, dass es dazu nicht im großen Stil kommen wird, denn Legerassen sind komplett andere Tiere als die gängigen Turbomast-Rassen. Weil die Brüder der Legehennen »zu langsam« wachsen und damit »zu teuer« sind, lohnt sich die Mast nicht. Der Trend wird zur geschlechtlichen Früherkennung im Ei gehen. Die ist schon jetzt möglich und durch den zunehmenden Druck aus Politik, Öffentlichkeit sowie von NGOs wird es auch schneller zu einer marktfähigen Lösung kommen, als es der Eierindustrie momentan lieb ist.

RG: Menschen lieben ihre Haustiere. Auf der anderen Seite quälen sie im Normalfall ihre Nutztiere. Ersteres machen sie selbst, für das Zweite bezahlen sie Andere und legen oft eine bemerkenswerte Unwissenheit und Desinteresse über die Herkunft ihrer Lebensmittel an den Tag. Wie kommt das?

Mahi Klosterhalfen: Unwissenheit und Desinteresse gehen nach unseren Beobachtungen deutlich zurück. Wo sie noch vorhanden sind, hat das, glaube ich, viele Ursachen. Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen, die »Nutztiere« so gut kennenlernen wie ihre »Haustiere«, schnell feststellen, dass diese beiden Tier-Kategorien völlig künstlich sind und vom Menschen geschaffen wurden, nicht aber von der Natur vorgeben sind. Hunde und Schweine sind beispielsweise ähnlich intelligent (Schweine wohl sogar etwas intelligenter), lieben es, gekrault zu werden, schließen Freundschaften und so weiter. Auf YouTube findet man auch Videos von Hunden und geretteten Schweinen, die gemeinsam spielen.

Der große Nachteil, den die »Nutztiere« haben, ist ihre Anonymität. In den Fleischmassen erkennt man kein Individuum mehr, was die Fleischindustrie sogar noch bewusst verstärkt, indem sie den Bezug zum Tier immer mehr versteckt. Deshalb gewinnen auch Fleischbällchen und andere Produkte, bei denen man nicht erkennt, um welches Körperteil es sich gerade handelt, immer mehr Marktanteile.

RG: Einer meiner Nachbarn ist auf dem Bauernhof aufgewachsen. Er sagt: Die Tiere wurden ordentlich versorgt, schließlich geschlachtet und verzehrt. Da gäbe es nichts Falsches dran. Vegetarier würden in Städten gemacht, weil sie da keinen Bezug mehr zu Nutzvieh haben und sich erschrecken, dass bei der Fleischproduktion auch mal Blut fließt. Was würde Sie meinem Nachbarn sagen?

Mahi Klosterhalfen: Ihr Nachbar hat, glaube ich, gar nicht so unrecht. Dadurch, dass wir im Alltag heute viel weniger Gewalt erleben als früher, nehmen wir sie nicht mehr als normal war. Im Gegensatz zu Ihrem Nachbarn halte ich das aber für etwas Gutes: Unsere Abneigung gegen Gewalt kann gar nicht groß genug werden.

RG: Vom gleichen Nachbarn kommt auch der Einwand, dass Menschen schon immer Fleisch gegessen haben und wir als Pflanzenfresser schon lange ausgestorben wären, weil sich unsere Gehirne dann nicht so außerordentlich gut entwickelt hätten. Ist da was dran?

Mahi Klosterhalfen: Das weiß ich nicht, und soweit ich die Forschungslage überblicken kann, ist es bislang kaum möglich zu sagen, wer vor wie vielen tausenden Jahren was gegessen hat und wie das die Evolution beeinflusst hat. Und viel wichtiger ist ja die Frage, ob unsere Ernährung heute Einfluss auf die Entwicklung unserer Gehirne hat. Da ist die Forschungslage viel klarer: Die Gehirne von ausgewogen fleischfrei ernährten Babys entwickeln sich mindestens so prächtig wie die von allen anderen Babys.

RG: Glauben Sie, dass Menschen und Tiere ohne Tierleid miteinander leben können?

Mahi Klosterhalfen: Der Mensch kann in Ländern wie in Deutschland praktisch alles Leid und allen Tod, den er absichtlich über die Tiere bringt, abstellen. Wir brauchen keine Tierprodukte, um uns gesund ernähren zu können. Für diese Erkenntnis öffnen sich inzwischen auch immer mehr Ernährungswissenschaftler. Prof. Johannes Wechsler, kein anderer als der Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner, sagt z. B.: »Es spricht nichts dagegen, sich vegan zu ernähren. Wenn man auf eine ausgewogene Nährstoffzufuhr achtet, ist es sogar sehr gesund.«

Dass es in einigen anderen Teilen der Welt vermutlich nicht ohne Tierprodukte geht und dass wir es kaum vermeiden können, mal eine Ameise totzutreten, sollte uns nicht davon abhalten, Schritt für Schritt das anzugehen, was wir angehen können.

RG: Die Geschichte bietet keine größeren Beispiele, dass der Stärkere den Schwächeren nicht zur Beute gemacht hätte. Ist Ihre Vision nicht Träumerei?

Mahi Klosterhalfen: Die Frage ist, ob wir zu mehr fähig sind, als immer nur das Recht des Stärkeren für uns in Anspruch zu nehmen. Ich meine: das sind wir.

RG: Im November jährte sich der Erlass des ersten deutschen Tierschutzgesetzes von 1933 durch die Nazis. Wie hat sich die rechtliche Stellung der Tiere seither verändert?

Mahi Klosterhalfen: Nur zur Sicherheit: Alle Menschen, die ich aus den Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen kenne, wünschen sich, dass es die Nazis nie gegeben hätte.

Das Staatsziel Tierschutz aus dem Jahr 2002 ist eine wichtige Errungenschaft, die bislang allerdings weitestgehend folgenlos blieb, was aus unserer Sicht untragbar ist. Auch ansonsten ist die rechtliche Stellung der Tiere nach wie vor sehr schwach – in der Praxis noch schwächer als auf dem Papier. Das Tierschutzgesetz liest sich an einigen Stellen sehr schön, aber Verordnungen, die dazu da sind, die bewusst recht weit gefassten Formulierungen im Tierschutzgesetz zu konkretisieren, hebeln den ursprünglichen Tierschutzgedanken regelmäßig wieder aus. Hinzu kommt, dass selbst die offensichtlichsten Rechtsverstöße meistens ungeahndet bleiben, was auch damit zusammenhängt, dass es bundesweit noch immer kein Klagerecht für Tierschutzorganisationen gibt.

RG: Im Film Earthlings werden die großen Tierfabriken mit den Konzentrationslagern der Nazis verglichen. Wie finden Sie den Vergleich?

Mahi Klosterhalfen: Ich bin kein Freund dieses Vergleichs, auch wenn ich durchaus nachvollziehen kann, dass viele Menschen an Konzentrationslager denken, wenn sie Aufnahmen aus der Massentierhaltung sehen. Das sehen übrigens auch einige der Menschen so, die den KZs entkommen sind.

Trotzdem denke ich, dass uns der Vergleich nicht viel weiter bringt, denn das Leid der tierlichen Opfer mit dem Leid der menschlichen Opfer zu vergleichen, führt zwangsläufig zu Diskussionen über die Grenzen der Vergleichbarkeit. Was wir dringender brauchen, ist die Erkenntnis, dass Tierfabriken unabhängig von der Vergleichbarkeit mit anderen historischen Ungerechtigkeiten abgeschafft werden müssen.

RG: Die Mehrheit der aktiven Tierschützer scheint sich politisch eher links verorten zu lassen. Auch im ganz rechten Spektrum scheinen sich viele Aktive zu tummeln. Ist Tierschutz etwas für die politisch Extremen?

Mahi Klosterhalfen: Das nehme ich ganz anders wahr. Ganz rechts sehe ich verschwindend wenige Tierschützer oder Tierrechtler, ganz links deutlich mehr und zwischen den Polen mit Abstand am meisten. Das spiegelt auch das Bild auf fast allen großen Demos und Veranstaltungen wider: Nazis sind nicht da oder werden von vornherein ausgeschlossen, besonders Linke bilden einen eigenen Block oder mischen sich unter die anderen Menschen und die große Mehrheit kommt aus der breiten Mitte.

RG: Die Grünen haben durch ihren Vorschlag zum Veggie-Day vor der Bundestagswahl gehörig Stimmen eingebüßt. Wie haben Sie dies empfunden und wie stehen Sie zu der Idee?

Mahi Klosterhalfen: Die Veggietag-Hetze war äußerst peinlich und die Gegner der Grünen haben Tatsachen bewusst verdreht. Die Grünen wollten ja keine Fleischgerichte verbieten, was nach meinem Kenntnisstand juristisch auch überhaupt nicht möglich ist. Sie wollten lediglich helfen, ein größeres und besseres vegetarisches Angebot zu schaffen. Das haben die Grünen aber leider ziemlich ungeschickt kommuniziert.

RG: Als ich noch Fleisch gegessen habe, haben mich die Missionare unter den Vegetariern sehr gestört, die ich als schlimmer, nervtötender und übergriffiger empfand als irgendwelche religiösen Eiferer. Wie kann man andere überzeugen, ohne zum großen »Verkünder der Wahrheit« zu mutieren?

Mahi Klosterhalfen: [Lacht] Das ist gar nicht so einfach. Ich war früher auch ein nervtötender Vegan-Verkünder. Viele Menschen haben ein Aha-Erlebnis, wenn sie den Status quo gründlich infrage stellen. Und dann ist es, glaube ich, ganz natürlich, dass man anderen Menschen mit einer gewissen Vehemenz erklären will, wie verrückt das System der Massen-Fleischproduktion eigentlich ist. Inzwischen warne ich aber alle vegetarisch und vegan lebenden Menschen davor, dieselben Fehler zu machen wie ich, denn wie Sie schon sagen: der ganze Eifer ist trotz der besten Absichten meistens kontraproduktiv.

Meine Empfehlung ist, andere Menschen unaufdringlich mit Informationen zu versorgen und als positives Beispiel zu leben.

RG: Gibt es eine Empfehlung für einen Fleischesser, der nicht vorhat, sich zum veganen Leben bekehren zu lassen, dem jedoch die Herkunft des Fleisches einschließlich möglichen Tierleids nicht egal ist?

Mahi Klosterhalfen: Nicht bekehren lassen ist in jedem Fall gut, denn wir brauchen keine Bekehrten, sondern Menschen, die eigenständig und verantwortungsvoll denken und handeln. Ich empfehle immer, öfter mal bewusst vegetarisch-vegan zu essen und zu kochen. Es gibt so viele fleischfreie Gerichte und Produkte, bei denen man gar nicht auf die Idee kommt, dass irgendetwas fehlen könnte. Andererseits kann man pflanzliche Lebensmittel auch so unglücklich zusammenmischen, dass sie niemandem mehr schmecken. Daher: immer wieder Neues ausprobieren und das Gute regelmäßig genießen. Was sich daraus langfristig ergibt, kann und muss jeder für sich selbst sehen.

RG: Was tun Sie, wenn sie mal nicht im Namen der Tiere unterwegs sind?

Mahi Klosterhalfen: Ich treibe ein bisschen (zu wenig) Sport, verbringe Zeit mit Freunden, schaue einen guten Film oder lese ein gutes Buch – wobei ich zugeben muss, dass ich in den letzten Jahren fast nur Bücher gelesen habe, die direkt oder indirekt mit meiner Arbeit zu tun haben.

RG: Haben Sie einen Film- oder Buchtipp für uns?

Mahi Klosterhalfen: An Büchern haben mich »Anständig essen« von Karen Duve und »Tiere essen« von Jonathan Safran Foer besonders beeindruckt. Und der Film über das Wirken von Gandhi mit Ben Kingsley hat mich sehr bewegt.

RG: Was hat Sie damals von Düsseldorf nach Berlin verschlagen?

Mahi Klosterhalfen: In mir wuchs zunehmend die Überzeugung, dass eine Stiftung wie die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt in Berlin vertreten sein muss.

RG: Gibt es eine Geschichte aus Ihrer Arbeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Mahi Klosterhalfen: Nicht nur eine. Am einprägsamsten war sicherlich die Anfangszeit, als alles so neu und dadurch besonders aufregend war – und manchmal auch ein bisschen unprofessionell. Ich erinnere mich noch gut an ein wichtiges Telefonat, das ich mit dem Sprecher einer großen Kette in meinem Home-Office geführt habe. Ich hatte da nur einen Bademantel an, weil ich am Vortag bis spät in die Nacht gearbeitet hatte und mit dem Anruf am nächsten Morgen nicht rechnete. Zum Glück war das kein Skype-Gespräch!

RG: Wenn Ihre Träume über Nacht wahr geworden wären: woran würden sie es am nächsten Tag merken? Was wäre anders?

Mahi Klosterhalfen: Wenn keine Tierprodukte mehr gegessen und genutzt werden, würde man das auf Anhieb glaube ich gar nicht merken. Die pflanzlichen Alternativen zu Fleisch, Milch, Eiern, Leder etc. werden Jahr für Jahr besser und schon heute ist bei den besten Produkten geschmacklich praktisch kein Unterschied zu erkennen. Die wichtigsten Unterschiede wären aber letztlich, dass die Welt friedlicher wäre und die Natur sich erholen könnte (die Tierprodukt-Industrie verursacht vielleicht die größten Umweltschäden aller Industrien).

RG: Herzlichen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

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