Vegetarische Ernährung
»Viel verhandelt wird die Frage, ob wir das Recht haben, anderes Leben zu vernichten, um daraus Nahrung zu haben. Gewöhnlich wird die Frage so gestellt, ob wir Fleisch genießen dürfen. Hier wird dann entschieden, dass hier keine wirkliche Notwendigkeit des Tötens vorliegt. Nur übersieht man dabei, dass auch vegetarische Nahrung ein Töten von Leben voraussetzt. Die Vegetabilen sind auch Leben. Die Getreidekörner, die ich als Mehl in meinem Brote esse, trugen Leben in sich, das im nächsten Frühling sprießen sollte und das nun vernichtet wird. Dasselbe trifft bei allen Früchten, die zur Nahrung dienen, zu. In diesem ganz allgemeinen Sinne ist die Frage zu stellen, ob wir unser Leben ohne Vernichten von anderem Leben erhalten können. In diesem Sinne gestellt, muss sie verneint werden. In der Frage vegetarisch oder nicht-vegetarisch kann es sich also nur darum handeln, dass wir vom Vernichten von Leben, das dem unsrigen näher verwandt ist, Abstand nehmen wollen. Aber wenn wir doch Tiere unserer Herden, weil wir sie nicht alle ernähren können, töten müssen, kann die Verwendung ihres Fleisches zur Nahrung als zweckmäßig gelten. Andererseits kann wieder geltend gemacht werden, dass, wenn einmal dieses Zugeständnis gemacht ist, die Folge davon ist, dass Tiere zum einzigen Zweck der Schlachtung gezüchtet werden.
Interessant ist, dass Buddha in der Frage des Fleischgenusses schwankte. Er ließ kein Tier für seine Nahrung schlachten; aber wenn ihm Fleisch vorgesetzt wurde, wenn er irgendwo an der Mahlzeit teilnehmen durfte, aß er es und hielt es für erlaubt, weil das Töten nicht seinethalben stattgefunden hatte. Diese Unterscheidung ist aber sophistisch.
In Lambarene halte ich es so, dass das Fleisch der Ziegen- und Schafböcke, die sowieso geschlachtet werden müssen, weil wir sie nicht alle großziehen können, auch zur Ernährung dienen soll. Hingegen sehe ich davon ab, Tiere in dem nahen Walde durch Jäger töten zu lassen, weil dafür kein anderer Grund als der des Gewinnens von Fleisch für unseren Tisch geltend gemacht werden könnte.
Im Allgemeinen, glaube ich, werden die Menschen immer mehr dazu kommen, die Fleischnahrung einzuschränken oder sich ihrer ganz zu enthalten.«
So wurde Albert Schweitzer später auch Vegetarier, wie u.a. dieses Zitat zeigt:
»Ja, das große Problem, ob wir Tiere töten und essen dürfen, wird uns langsam bewusst. Es lässt sich viel dagegen und auch manches dafür sagen. Das Problem ist ja erst spät sichtbar geworden. Meine Ansicht ist, dass wir, die wir für die Schonung der Tiere eintreten, ganz dem Fleischkonsum entsagen und auch gegen ihn reden. So mache ich es selber. Und damit kommen so manche dazu, auf das Problem, das so spät aufgestellt wird, aufmerksam zu machen.
In der Bibel steht noch nichts von dem Problem und für die Philosophie besteht es noch nicht. Aber für tiefste Menschlichkeit wird es sichtbar.« (Brief Albert Schweitzers an Evi Solny vom 30. August 1964)
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