Tierschutz
»Für uns arme Stadtmenschen aus dem 20. Jahrhundert ist die Gefahr, in der Frage Mensch und Kreatur stecken zu bleiben, besonders groß. Die wenigsten unter uns besitzen auch nur einen Hund; die Kühe, deren Milch wir trinken, haben wir nie gesehen. Unser Zur-Miete-Wohnen hat eine chinesische Mauer zwischen dem Tier und uns aufgerichtet. Die Kinder bei uns wachsen auf und haben nie, wie die draußen auf dem Land, das Seelenvolle und Persönliche in dem Wesen des Tieres kennen gelernt, und es fehlt ihnen die Sinnigkeit und die Milde des Gemütes, das auch mit Tieren gelebt hat.
Das Weh der Kreatur bleibt uns etwas Fremdes. Gar vielen Menschen ist es gar nicht mehr bewusst, dass sie mithaften für das, was die Kreatur bei uns erduldet. Sie denken auch, dass wir es eigentlich sehr weit gebracht haben. Wir haben ja den Tierschutzverein, wir haben die Polizei, die werden schon die nötige Vorsorge treffen.
Wer aber die Augen aufmacht, der erwacht aus dieser Sicherheit und sieht, was alles geschieht, wenn keine Menschen da sind, die über die Kreatur wachen.«
»Das ist das Grausige in unserer Zeit, dass die Menschen nicht nur aus Gedankenlosigkeit roh sind, sondern dass der Kampf ums tägliche Brot sie zwingt, das Letzte aus ihrem Tier herauszuholen. Nicht die Quäler sind immer die einzigen Schuldigen, sondern die, welche sie in diese Lage bringen.«
»Dass die universelle Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben das so vielfach als Sentimentalität hingestellte Mitleid mit dem Tiere als etwas, dem sich kein denkender Mensch entziehen könnte, erweist, bereitet mir, der ich von Jugend auf der Tierschutzbewegung zugetan war, eine besondere Freude. Die bisherige Ethik stand dem Problem Mensch und Tier entweder verständnislos oder ratlos gegenüber. Auch wenn sie das Mitleid mit der Kreatur als richtig empfand, konnte sie es nicht unterbringen, weil sie ja eigentlich nur auf das Verhalten des Menschen zum Menschen eingestellt war.«
»Wer in diesen Abgrund von Qual, welche die Menschen über die Tiere bringen, hineingeblickt hat, der sieht kein Licht mehr; es liegt wie ein Schatten über allem, und er kann sich nicht mehr unbefangen freuen.«
»Vor einer besonderen Versuchung zur Missachtung der Ehrfurcht vor dem Leben müssen wir uns alle hüten: Wir werden leicht mitleidlos dem unsympathischen Geschöpf gegenüber oder dem, das wir als böse kennen. Sehen wir eine Kröte, so haben wir einen Instinkt, ihr einen Stein nachzuwerfen. Um Ratten, Mäuse und anderes Getier zu vertilgen, scheint uns jedes Mittel recht, auch das, von dem wir wissen, dass es furchtbar lange Qual und Todesangst mit sich bringt. Davon müssen wir uns frei machen. Auch dem unsympathischen und schädlichen Tier gegenüber müssen wir immer Verantwortung in jedem einzelnen Falle bewusst bleiben, dass wir es nur, wenn eine Notwendigkeit vorliegt, töten dürfen und dann sinnen müssen, dies mit den wenigsten qualvollen Mitteln zu tun. Auch aus Angst und Widerwillen dürfen wir nicht grausam werden.«
»La destinée de l´homme est de devenir toujours plus humain. Il ne peut pas se soustraire à ce destin [Es ist die Bestimmung des Menschen, immer menschlicher zu werden. Er kann sich diesem Schicksal nicht entziehen]. Mehr und mehr wird er sich mit der Zeit eingestehen, dass das, was die vergangene Zeit nicht begriffen [hat], die Wahrheit ist, für die er sich entscheiden muss. Die Zahl derer, die auf diese Weise dazu kommen, sich brüderlich zu den Geschöpfen zu verhalten, ist im Zunehmen begriffen, die Zahl derer, die sich als Herren der Geschöpfe betrachten und meinen, nach Gutdünken mit ihnen verfahren zu können, wird abnehmen. Mehr und mehr geht uns modernen Menschen wie von selbst auf, dass die Geschöpfe unsere Brüder sind und das Recht haben, von uns als solche behandelt zu werden.«
»Die Tiere sind unsere Brüder, die großen wie die kleinen. Erst in dieser Erkenntnis gelangen wir zum wahren Menschentum. Diese Bruderschaft zwischen Mensch und Kreatur hat der heilige Franziskus von Assisi (1182 bis 1226) erkannt. Aber die Menschen verstanden es nicht. Sie meinten, es sei Poesie. Es ist aber die Wahrheit. Die Religion und die Philosophie müssen es anerkennen. Vergebens haben sie sich dagegen gewehrt.«
»Naturgemäß ist unser Mitempfinden umso unmittelbarer und lebhafter, je näher die Wesen uns ihrer Art und ihrem Erleben nach stehen. Aber auch zu dem Leben, das von dem unsrigen weit abliegt, vermögen wir uns, wenn wir einmal der Gedankenlosigkeit entronnen sind, nicht unfühlend zu verhalten. [...] Wahre Ethik verlangt, dass wir nicht nur uns nahestehendes Leben, sondern alles Leben, das in unseren Bereich tritt, zu erhalten und zu fördern suchen. Alles Leben ist Geheimnis; alles Leben ist Wert.«
Diese Zitate stammen aus dem Buch “Ehrfurcht vor den Tieren”, das Sie auch über unseren Buchshop bestellen können.






