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Philosophiekritik

»Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen. Was sie sich an Torheiten leisten, um die überlieferte Engherzigkeit aufrechtzuerhalten und auf ein Prinzip zu bringen, grenzt ans Unglaubliche. Entweder lassen sie das Mitgefühl gegen Tiere ganz weg, oder sie sorgen dafür, dass es zu einem nichtssagenden Rest zusammenschrumpft. Lassen Sie etwas mehr davon bestehen, so glauben sie, dafür weither geholte Rechtfertigungen, wenn nicht gar Entschuldigungen vorbringen zu müssen.

Es ist, als hätte Descartes mit seinem Ausspruch, dass die Tiere bloße Maschinen sind, die ganze europäische Philosophie behext.

Ein so bedeutender Denker wie Wilhelm Wundt entstellt seine Ethik durch folgenden Sätze: <Das einzige Objekt des Mitgefühls ist der Mensch … Die Tiere sind für uns Mitgeschöpfe, ein Ausdruck, durch welchen die Sprache schon darauf hinweist, dass wir nur mit Bezug auf den letzten Grund alles Geschehens, die Schöpfung, hier eine Art Nebenordnung anerkennen. So können denn auch den Tieren gegenüber Regungen entstehen, die mit dem Mitgefühl einigermaßen verwandt sind; aber zum wahren Mitgefühl fehlt immer die Grundbedingung der inneren Einheit unseres Willen mit dem ihren.> Als Krönung dieser Weisheit stellt er zum Schlusse die Behauptung auf, dass von einer Mitfreude mit den Tieren jedenfalls nicht die Rede sein könnte, als hätte er nie einen durstigen Ochsen saufen sehen.

Kant betont ausdrücklich, dass die Ethik es nur mit Pflichten der Menschen gegen Menschen zu tun habe. Die >menschliche< Behandlung der Tiere glaubt er dadurch rechtfertigen zu müssen, dass er sie als Übung der Empfindlichkeit hinstellt, die unserem teilnehmenden Verhalten gegen Menschen förderlich ist [...]

So gilt es dem europäischen Denken als ein Dogma, dass die Ethik es eigentlich nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft zu tun habe.«

»Nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist vollständig. Sie ist es in jeder Hinsicht. Die Ethik, die es nur mit dem Menschen zu seinem Mitmenschen zu tun hat, kann sehr tief und lebendig sein. Sie bleibt aber unvollständig. So konnte es nicht ausbleiben, dass das Denken einmal dazu kam, an der als unverboten geltenden herzlosen Behandlung andersartiger Lebewesen Anstoß zu nehmen und von der Ethik zu verlangen, sich auch ihrer zu erbarmen. Nur zögernd erschloss sie sich, damit Ernst zu machen. Erst seit einiger Zeit kommt dieses Unternehmen ersichtlich in Gang und findet Beachtung in der Welt.

Aber schon beginnt anerkannt zu werden, dass die Ehrfurcht vor dem Leben, die Gütigkeit gegen alle Lebewesen verlangt, dem natürlichen Empfinden des Menschen entspricht.«

»Die Tierschutzbewegung hat von der europäischen Philosophie keine Unterstützung erfahren. Entweder hält diese die Betätigung des Mitleids gegen die Geschöpfe für eine Sentimentalität, die mit vernünftiger Ethik nichts mehr zu tun hat, oder sie gesteht ihr nur eine mehr nebensächliche Bedeutung zu. Für Descartes sind die Tiere bloße Maschinen. Sie bedürfen unseres Mitleids nicht. Der englische Ethiker Jeremy Bentham (1748-1832) sieht die Güte den Geschöpfen gegenüber hauptsächlich als eine Übung der Güte gegen die Menschen an. Ähnlich urteilt Kant. Ausdrücklich betont er, dass die Ethik eigentlich nur mit den Pflichten des Menschen gegen den Menschen zu tun hat.

Diesen Grundsätzlichen Standpunkt such die europäische Philosophie festzuhalten, auch wo sie der Tierschutzbewegung sympathisch gegenübersteht. Sie kann sich nicht entschließen, den entscheidenden Schritt zu tun, das gütige Verhalten gegen die Geschöpfe in absolut derselben Weise als eine Forderung der Ethik gelten zu lassen wie das gegen den Menschen.«

»Ethische Verpflichtungen und Verantwortungen den Geschöpfen gegenüber anzuerkennen, entschließt sich das europäische Denken viel schwerer als das indische. Dies hat seine Gründe. Für die indische Lebens- und Weltverneinung kommt, was man so oft übersieht, keine Art von Tätigkeit, also auch keine tätige Gütigkeit gegen die Geschöpfe in Betracht, sondern nur ein möglichst weitgehendes Enthalten von Schädigen und Töten. Es handelt sich also um ein unvollständiges ethisches Verhalten gegen die Geschöpfe, während das europäische lebens- und weltbejahende Denken ein viel weitergehendes, auch tätige Gütigkeit in sich begreifendes [ethisches Verhalten] in Betracht ziehen muss. Der durch das Prinzip der Nicht-Tätigkeit eingeschränkten Ethik bereitet die Ausdehnung von Verpflichtungen und Verantwortungen gegen die Geschöpfe nicht dieselben theoretischen und sachlichen Schwierigkeiten wie der tätigen.

Überdies ist das indische Denken durch den Verlauf, den es genommen hat, in natürlicher Weise darauf geführt worden, die zwischen dem Menschen und den Geschöpfen bestehende Wesensverwandtschaft einzusehen und anzuerkennen, während das europäische in seiner Überlieferung und in seiner Art Hindernisse vorfand, die es überwinden musste, um dahin zu gelangen.«

»Von ganz anderen Voraussetzungen aus beschränken sich auf das Nicht-Schädigen auch die chinesischen Denker, die der Tao-Lehre anhangen. Ihre Ehrfurcht vor den gütigen Kräften, die in dem Naturgeschehen walten, ist so groß, dass sie durch menschliches Tun selbst da nicht einzugreifen wagen, wo das Mitleid es zu gebieten scheint. Sie überlassen die Geschöpfe ihrem Schicksal, weil sie dieses für das Beste, das ihnen widerfahren kann, ansehen. Dem indischen Denker erscheint dies das Gebotene, weil ihnen mit irdischem Tun überhaupt nicht geholfen werden kann. Tiefster Optimismus und tiefster Pessimismus begegnen sich also in der Beschränkung der Ethik auf das Nicht-Tun.«

»Die indische Ethik ist dem, was sie über Mensch und Kreatur sagt, unbefriedigend, weil sie nur das mitleidsvolle Nichttöten und Nichtschädigen, nicht aber auch das mitleidvolle Helfen gebietet. Das schwere Problem, ob der Mensch das Töten und Schädigen vermeiden könne, wird in ihr nicht aufgeworfen und nicht behandelt. Sie lässt dem Menschen die Illusion, als ob er sich vom Töten und Schädigen von Geschöpfen freihalten und so das Ahimsā-Gebot wirklich erfüllen könne. Sie unterlässt es, ihn dazu zu erziehen, die Last seiner Verantwortung den Geschöpfen gegenüber in ihrer ganzen Schwere zu empfinden.«

»Eigentlich – dies muss man sich immer gegenwärtig halten – entsteht das Gebot des Nicht-Verletzens gar nicht in ethischem Überlegen, sondern ergibt sich einfach als Anwendung des Grundsatzes des Nicht-Tuns auf das Verhalten des Menschen zu den anderen Wesen. Erst nachträglich nimmt es ethischen Charakter an.«

»Mit Ausnahme des Menschen, behauptet Descartes, haben alle Geschöpfe nur körperliches Dasein. Die Empfindungen und geistigen Regungen, die wir an ihnen wahrzunehmen glauben, sind bloßer Schein. In Wirklichkeit sind die Geschöpfe nichts weiter als von Gott verfertigte Automaten. Nur der Mensch verhält sich, vermöge seiner Seele, in Wirklichkeit denkend und empfindend.

Mitleid mit den Tieren ist nach Descartes also gegenstandslos, weil sie als seelenlose Wesen nur scheinbar, aber nicht in Wirklichkeit Schmerz fühlen. Man darf mit ihnen also nach Belieben verfahren.

Durch diese von der Autorität seines Namens getragenen törichten Behauptungen und überhaupt durch seine Verständnislosigkeit für die Geheimnisse des Seins und die Probleme der Ethik trägt Descartes viel Schuld daran, dass im 17. Jahrhundert nicht auch das Problem Mensch und Kreatur zur Verhandlung kommt.«

Diese Zitate stammen aus dem Buch “Ehrfurcht vor den Tieren”, das Sie auch über unseren Buchshop bestellen können.