Nicht zusehen
»An der unnötigen Vernichtung eines Tieres, die wir mit ansehen, ohne für es einzutreten, sind wir mitschuldig. Dies ist keine Sentimentalität. Gehört die Ehrfurcht vor dem Leben zum wahren Menschsein, so müssen wir uns unserer Verantwortung gegen alles lebende Wesen, das in unserem Bereich ist, bewusst sein. Unser Beruf ist Leben erhalten. Leben zerstören ist Sünde, von der Schuld, die wir mit bereiteter oder angesehener Qual auf uns laden, nicht zu reden.«
»Es ist viel für diese Gedanken [wie viel Leid die Tiere für die Menschen ertragen] gewirkt worden, aber sie sind noch weit davon entfernt, allgemein durchzudringen. Zum Teil haben sie ihre Kraft nicht entfaltet, weil man allgemein die Bestrebungen für Tierschutz etwas zu sentimental vorträgt. In den Schriften, die darüber verbreitet werden, erzählt man etwas allzu viel gefühlvolle Geschichten vom lieben Hündelein und vom lieben Kätzelein, statt die Menschen zu zwingen, zu erkennen, dass die Barmherzigkeit gegen die Kreatur etwas ist, das zum wirklichen Menschsein gehört, und sie von dem Gedanken erschüttern zu lassen, dass, was sie an Qual der Kreatur mit ansehen und mit geschehen lassen, eine Schuld ist, die sie mit auf sich nehmen.
Und dann lassen sie sich zu leicht mutlos machen durch die Überlegung, dass der Einzelne nichts tun kann, und kommen dann dahin, wo die meisten stehen, dass sie von all dem Elend nur nichts sehen und hören wollen; sie meinen, es besteht dann weniger, weil sie so leben, als wäre es für sie nicht da.
Das ist falsch und feig. Hier vermag der Einzelne viel. Ich rede nicht davon, dass eigentlich jeder Mensch Mitglied im Tierschutzverein sein soll; denn was ist der Mindestbeitrag von einer Mark im Jahr, den dieser Verein ehebt und den die meisten unter uns trotz der schlechten Zeit erschwingen können, im Vergleich zu dem, was er an Belehrung und an Einfluss Gutes leistet! Über das, was der Einzelne ausrichten kann, täuscht man sich. Er vermag mehr, als man meint.«
»Es ist so wenig, was man von dir verlangt: keine Opfer an Zeit und keines an Geld, sondern nur, dass du nichts mit ansiehst, was nicht sein darf, den Mund auftust für die sprachlose Kreatur und dir nicht erlaubst, vorüberzugehen wie der Levit im Gleichnis [Lk. 10,32]. Ich bemerke an anderen und an mir, dass wir oft in falscher Weise für die misshandelte Kreatur eintreten; wir tun es im Zorn, mit hartem Aufbegehren oder Schelten und bringen die Menschen mit einem Schein des Rechts gegen uns auf wegen der Art, wie wir uns in die Dinge mischen, und haben es uns dann selber zuzuschreiben, wenn wir ein barsches >Das geht Sie nichts an< zu hören bekommen, wo ein ruhiges und freundliches Wort keinen solchen Trotz im anderen geweckt hätte. Es gilt hier: >Die Liebe lässt sich nicht erbitten, sie bläht sich nicht, sie stellt sich nicht ungebärdig< [1. Kor. 13,4 f.]. Wir wollen die Gewissen der Menschen wecken; das gelingt dir nicht, wenn du dich als Richter aufwirfst, aber oft, wenn du als Bittender auftrittst; und mag der Mensch dir auch widersprechen und du scheinbar nichts erreichen, das bittende Wort hallt nach und arbeitet an ihm, bis es ihm Licht wird.«
»Die Leute, die darum herum gestanden hatten, hatten sicher alle Mitleid mit dem Tier gehabt und auch Sinn für die Verlegenheit des Kutschers, am liebsten hätten sie mit Hand angelegt. Was sie zurückhielt, war einzig und allein die Scheu, was die anderen dazu sagen würden, wenn sie, deren Beruf es nicht war, an einem Wagen schöben. Und wenn der Kutscher unvernünftig gewesen wäre und sein Tier misshandelt hätte, hätten sie es blutenden Herzens geschehen lassen oder sich höchstens miteinander darüber ausgesprochen, dass es nicht erlaubt sein sollte, ein Tier so zu quälen. So geht es fortgesetzt im Großen und im Kleinen, weil uns die große, innerliche Natürlichkeit, persönlich mit anzufassen, wo sich etwas bietet, fehlt, und so bleiben viele ihr ganzes Leben tatenlos, tote Kräfte, die so viel Groß- und Kleinarbeit hätten leisten können.«
»Kümmere dich nicht um die hergebrachten Vorurteile, habe keine Angst, lächerlich zu sein, sondern handle. Was du tust, gehört zum Menschsein.«
»Unser Verantwortung bewusst werden, heißt auch, dass, wo etwas mit einem Tiere in unserem Tatbereich geschieht, wir alles tun, um Weh zu verhüten. Für viele Menschen existiert das Weh nicht, wenn sie es nur nicht anzusehen brauchen. Sie flüchten sich und bedenken nicht, dass die gerade mit diesem Nichtansehenkönnen schuldig werden.«
»Wie irgendwie das Tier zum Dienste des Menschen gezwungen wird, muss jeder von uns mit den Leiden beschäftigt sein, die es um dessentwillen zu tragen hat. Keiner von uns darf ein Weh, für das die Verantwortung nicht zu tragen ist, geschehen lassen, soweit er es nur hindern kann. Keiner darf sich dabei beruhigen, dass er sich damit in Sachen einmischen würde, die ihn nichts angehen. Keiner darf die Augen schließen und das Leiden, dessen Anblick er sich erspart, als nicht geschehen ansehen. Keiner mache sich die Last seiner Verantwortung leicht.«
»In keiner Weise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.«
Diese Zitate stammen aus dem Buch “Ehrfurcht vor den Tieren”, das Sie auch über unseren Buchshop bestellen können.






