Kirchen- und Religionskritik

»Jede Barmherzigkeit ist von Christentum geboten. Man hat sich darüber Gedanken gemacht, dass Jesus nicht die Barmherzigkeit gegen die armen, leidenden Tiere, sei aus auch nur mit einem Worte, berührt habe; manche haben gemeint, Barmherzigkeit gegen die Tiere gehöre nicht zum Christentum. Zu solchen Leuten möchte man sagen: Ihr oberflächlichen Menschen, schlagt doch einmal des Herrn Gleichnisse nach, seht, wie er in so feiner und sinniger Weise von den Tieren, ihrer Pein und ihrer Sorglosigkeit spricht, lest einmal das Gleichnis vom verlorenen Schaf [Mt 18,12-14] – und könnt ihr noch glauben, dass der, welcher sich dort als vom >guten Hirten< redet, nicht Erbarmen für die Tiere im Herzen verspürt?

Zwar wirft man es unserem Herrn mit Unrecht vor, dass er nicht ausdrücklich von der Barmherzigkeit gegen die Tiere gesprochen hat; alles was er darüber hätte sagen können, liegt in der Seligpreisung >Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen< [Mt. 5,7], sofern er darin von der Barmherzigkeit allgemein gegen alle Kreatur redet. Wahrscheinlich hat er auch keinen Anlass gehabt, denen, die ihn hörten, das Gewissen für die Tiere zu schärfen, da schon im Gesetz diese Barmherzigkeit verlangt wird. Steht doch im fünften Buch Mose, dass man dem Ochsen, der da drischt, das heißt auf der Tenne die Körner aus den Ähren tritt, das Maul nicht verbinden darf, damit das Tier von der Arbeit auch etwas habe, indem es hie und da ein Maul voll nehmen kann [Dtn. 25,4].

Aber das Christentum ist an dieser Frage vorübergegangen und hat auch hier, dem Sinne des Stifters entgegen, nicht immer erkannt, dass wahre Religion auch wahre Menschlichkeit ist. Es war, als hätte man eine gewisse Angst, der Unterschied zwischen Mensch und Tier könnte verwischt werden. So hat es in der Sache Bankrott gemacht. So lebt in unserer Menschlichkeit eine Rohheit und Gedankenlosigkeit, die zu einer solchen reinen Religion nicht stimmt. Die indischen Religionen, die tief unter dem Christentum stehen, haben darin ihre Menschheit viel höher gehoben.«

»Aber dennoch ist das Christentum den sittlichen Forderungen, die unser Verhalten zur Kreatur bestimmen sollen, nicht weiter nachgegangen. Größte Gedankenlosigkeit und Rohheit findet sich mit der ernstesten Frömmigkeit verbunden, jahrhundertelang. Man denkt weniger daran, was wir der armen Kreatur sein sollen, als immer wieder, wie man den Unterschied zwischen dem Menschen und ihr möglichst hervorhebe. [Der Mensch] soll die innere Verwandtschaft, die zwischen allem Lebendigen herrscht, nicht erleben dürfen, sondern immer nur vorsagen: Du hast eine unsterbliche Seele, das Tier aber hat keine, eine unüberbrückbare Kluft liegt zwischen uns…als ob wir darüber etwas wissen.«

»Die vom Christentum gepredigte Fremdheit zwischen dem höchsten und den niedereren Lebewesen ließ nicht einmal das natürliche Mitleid mit diesen zu seinem Rechte kommen. Was sich an überlegter Humanität ihnen gegenüber in manchen gesetzlichen Bestimmungen des Alten Testaments ankündigt, wurde nicht übernommen und nicht ausgebildet.«

»Auch die christliche Religion fand sich nicht genötigt, sich mit dem Problem [des Verhaltens gegenüber den Tieren] zu beschäftigen. Auch sie unterließ es, uns Barmherzigkeit mit aller Kreatur aufzuerlegen.«

»Es [das Christentum] vertritt die Lehre, dass allein der Mensch eine unsterbliche Seele besitze. Diese Wandlung vollzieht sich unter dem Einfluss des griechischen Denkens. Das Christentum macht sich zu Eigen, was Plato, Aristoteles und die Stoiker von der Sterblichkeit der Geschöpfseelen und der Unsterblichkeit der Menschenseelen lehrten. Durch ihre Autorität bewogen, nimmt es, entgegen der urchristlichen Ansicht, einen absoluten Unterschied zwischen dem Menschen und den Geschöpfen an. Diese gelten ihm, wie den Griechen aus dem Heidentum, nur als belebte Dinge, die um des Menschen willen da sind und keinen Anspruch auf seine Teilnahme haben. Mitleid mit ihnen kommt ihm als ein Versuch vor, den von Gott gesetzten Schranken die gebührende Anerkennung zu versagen.«

Diese Zitate stammen aus dem Buch “Ehrfurcht vor den Tieren”, das Sie auch über unseren Buchshop bestellen können.


Weitere Artikel zu: