Wie klimaschädlich ist Fleischkonsum wirklich?
Neue, kritischere Fassung vom 26. Okt 2009
Seit einigen Tagen macht ein Artikel vom Worldwatch Institute (WWI) die Runde, aus dem hervorgeht, dass die Produktion von Fleisch und anderen Lebensmitteln tierischen Ursprungs für 51% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Schon der bislang anerkannte Anteil ist erschreckend: Nach Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO ist die Fleischproduktion für 18% aller Treibhausgase verantwortlich, und hat damit einen höheren Anteil als der gesamte weltweite Straßenverkehr. Diese zahlen sind laut WWI aus mehreren Gründen untertrieben. »Starke Behauptungen erfordern starke Beweise«, schreiben die Autoren vom WWI, liefern sie allerdings nur zum Teil. Wir beleuchten die einzelnen vom WWI genannten Aspekte.
Methan
Die Autoren plädieren dafür, dem Methanausstoß von »Nutz«tieren eine höhere Gewichtung beizumessen, da Methan das Klima nicht nur erheblich stärker erwärmt als CO2, sondern weil eine Erhöhung bzw. Senkung von Methanemissionen sich erheblich schneller auf das Klima auswirkt als Veränderungen der CO2-Emissionen. Dieser Vorschlag wird zum Teil auch von anerkannten Wissenschaftlern unterstützt, allerdings gibt es nicht den einen richtigen Faktor, um den Methan stärker zu gewichten ist als CO2. Geht man davon aus, dass eine kurzfristige Senkung der Treibhausgasemissionen entscheidend ist, spricht das in der Tat für eine stärkere Gewichtung.
Atmung
Umstritten ist der Ansatz vom WWI, die Atmung von »Nutz«tieren in die Berechnungen einfließen zu lassen. Es werden üblicherweise nur Faktoren in die Berechnungen einbezogen, die den Anteil des gespeicherten Kohlenstoffs verändern. Die Atmung von Tieren und Menschen gehört nicht dazu. Die WWI-Autoren nicht die Einzigen, die es für sinnvoll halten, diesen Standard zu ändern. Man darf sich also streiten.
Böden
Auch nicht nachvollziehen können wir die Berechnungen um die Bodennutzung. Die Autoren plädieren dafür, die verpasste Chance der Wiederaufforstung wegen fortgesetzter Tierhaltung auf gerodeten Gebieten als Treibhausgasquelle zu werten. Die Frage ist, ob man dann nicht auch allerhand andere verpasste Chancen einkalkulieren müsste.
Veraltete Daten
Die FAO hat bei ihren Berechnungen mit Daten der Fleischproduktion aus dem Jahr 2002 gearbeitet. Inzwischen ist die Fleischproduktion laut WWI um ca. 12% gestiegen. Allerdings ist die Produktion wohl auch effizienter geworden, und die Autoren des WWI scheinen nicht das Wachstum bzw. die Effizienzgewinne anderer Branchen in ihre Berechnungen einzubeziehen. Das WWI kritisiert, dass die FAO anscheinend Daten zu Treibhausgasemissionen der Fleischwirtschaft genutzt hat, die bis ins Jahr 1964 zurückgehen und laut WWI heute deutlich höher sind. Diesem Argument lässt sich prinzipiell folgen, allerdings ist davon auszugehen, dass die FAO alte Daten nicht kritiklos übernommen, sondern auch Anpassungen vorgenommen hat.
Falsche Daten
Die FAO hat laut WWI teilweise die Anzahl der weltweit geschlachteten Tiere deutlich unterschätzt. Sie verwende z.T. sogar in ihren eigenen Publikationen höhere Zahlen. Diese Kritik erscheint uns gerechtfertigt. Wenn die FAO-Zahlen wirklich zu klein sind, spricht allein das dafür, dass die 18% deutlich zu niedrig gegriffen sind.
Fehlende Daten
Nach Angaben des WWI hat die FAO einige Quellen von Treibhausgasen übersehen, die uns größtenteils einleuchten, aber vom WWI offensichtlich nur grob eingeschätzt wurden:
- Die Regenwaldabholzung, die mit der Haltung von »Nutz«tieren einhergeht, wurde in einzelnen Fällen anscheinend nicht mit eingerechnet.
- Die FAO hat Aquakulturen aus ihren Berechnungen herausgenommen.
- Treibhausgasemissionen, die durch den Bau von Massentierhaltungsanlagen entstehen, wurden laut WWI nicht einberechnet.
- Die zur Kühlung und Erhitzung von Fleisch notwendige Energie wurde nicht in die Berechnungen einbezogen.
- Die Treibhausgasemissionen von Abfällen (Gülle, Knochen etc.) und Nebenprodukten (Leder, Federn usw.) wurden laut WWI nicht ausreichend einbezogen.
- Die Herstellung von Medikamenten etc., um tierhaltungsbedingte Krankheiten zu behandeln, wurde nicht einberechnet.
Fazit
Wir können dem WWI nicht in allen Punkten folgen. Trotzdem werden einige Punkte genannt, die darauf hindeuten, dass die Umweltauswirkungen der Fleischproduktion größer sind als bisher angenommen. 51% aller Treibhausgasemissionen sind wohl zu hoch angesetzt, die bisher gängigen 18% sind allerdings sehr wahrscheinlich auch zu niedrig gegriffen. Damit müssen sich einige Fleischesser noch mehr als bisher die Frage gefallen lassen, ob sie sich wirklich als Umweltschützer bezeichnen wollen.
Der Artikel zeigt auch, dass die bisherigen Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels (erneuerbare Energien, effizientere Autos etc.) zwar nicht unwichtig sind, aber auch nicht die Wirkung haben werden, die sich viele Menschen erhoffen. Das Thema »Reduktion des Fleischkonsums« (bzw. der Konsum tierischer Lebensmittel generell) darf in der politischen und öffentlichen Diskussion nicht länger ein Tabuthema bleiben. Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt wird sich dafür einsetzen, dass diesbezüglich Fortschritte gemacht werden.






