Bauernverband als Opfer
Der Bauernverband (DBV), eine Organisation, die sich vor allem für die Interessen der Agrarindustrie einsetzt, setzt in der Außenkommunikation in jüngster Zeit immer mehr auf die Opferrolle. Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt durchleuchtet einige der Tricks.
Beispiel Milch: Die Milchindustrie leidet angeblich an der Verhandlungsmacht des Lebensmitteleinzelhandels (LEH). Allein schon, dass sich die Struktur des LEHs in den letzten Jahren nicht grundlegend geändert hat, sollte den Beobachter stutzig machen: Warum soll der LEH jetzt auf einmal so mächtig geworden sein?
Der Kern des Problems liegt in Wahrheit größtenteils in der Überproduktion. Das wollen die DBV-Strategen allerdings nicht wahrhaben – zumindest nicht öffentlich. Anstatt die hausgemachten Probleme anzugehen, wurde sogar durchgesetzt, dass die Exportsubventionen für Milch wieder eingeführt wurden. Daran leiden zum Beispiel die Bauern in den ärmsten Ländern der Welt. Entgegen einiger Darstellungen wird nämlich auch der Export in diese Länder gefördert.
Um weitere Vorteile zu erkämpfen, nutzt der DBV auch noch das Kindchenschema: Verbraucher sollen eine elektronische Postkarte an den HDE schicken, auf der ein im Stall spielendes Kind abgebildet ist. Kritiker sagen, dass der DBV genau solche kleinbäuerliche Strukturen bekämpft und stattdessen die Konzentration auf industrielle Strukturen fördert. Kern der Aktion ist übrigens, dass die Verbraucher den Einzelhandel auffordern sollen, die Preise für Milch zu erhöhen. Dass Verbraucher sich über zu günstige Preise beschweren, wäre uns allerdings neu.
Beispiel Ampelkennzeichnung: Auch wenn die Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln ihre Schwächen hat, kontert der Bauernverband mit haarsträubenden Argumenten. Die Ampel sei allein deshalb abzulehnen, weil angeblich gesunde Lebensmittel wie Fleisch und Butter nicht gut abschneiden würden. An dieser Stelle dürfen wir daran erinnern, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung den hohen Fleischkonsum als einen Hauptgrund für Übergewicht identifiziert hat. Und was an Butter, die einen hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren hat, so gesund sein soll, konnten wir auch noch nicht nachvollziehen.
Beispiel Wirtschaftskrise: Der DBV fordert ein eigenes Krisenpaket für die Landwirtschaft. Die Argumentation lautet ungefähr so, dass wenn notleidende Banken unterstützt werden, auch Bauern zusätzliche Steuergelder erhalten müssen. Volkswirtschaftlich gesehen ist die Lebensmittelwirtschaft allerdings eine der Branchen, die am wenigsten unter Rezessionen leiden. Das Argument, man brauche Hilfe in der Wirtschaftskrise ist also, freundlich ausgedrückt, stark vereinfacht.
Beispiel Schlachtabfälle: mehr dazu hier.
Wenn man bedenkt, dass die Agrarlobby die erfolgreichste Lobby in der EU ist, und dass fast das halbe EU-Budget in die Kassen der Landwirtschaft fließt, kann man sich über die neue Opferrolle nur wundern.






